Knall im Kosmos – jetzt spricht der Mitbegründer

«So etwas habe ich noch nie erlebt»: Bruno Deckert sagt, wie der Streit um das Kulturhaus eskaliert ist – und wie es nun weitergehen soll.

«Es bräuchte jetzt einen Heilungsprozess»: Bruno Deckert im Kosmos-Buchsalon. Foto: Dominique Meienberg

«Es bräuchte jetzt einen Heilungsprozess»: Bruno Deckert im Kosmos-Buchsalon. Foto: Dominique Meienberg

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Herr Deckert, am 20. Juni kam es an der Generalversammlung des Kosmos zum Eklat. Danach gingen Sie auf Tauchstation. Warum?
Ich brauchte Abstand von dieser sechsstündigen Grenzerfahrung, wo es zu Vorwürfen und Diffamierungen kam. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Ein Beispiel?
Eine Gruppe des Verwaltungsrats, die Entscheide bezüglich Budgets mitgetragen hat, zog diese Entscheide vor den Aktionären wieder in Zweifel.

Was hätten Sie tun können?
Wir hätten diesen Eklat verhindern müssen. Und wir hätten auch eine Lösung gehabt, die Kontinuität und Neuanfang sichergestellt hätte.

Sie sprechen das ursprünglich zur Wahl vorgeschlagene Viererticket an mit Ihnen, Samir, Monika Binkert und Simone Müller-Staubli.
Ja. Samir hat ja im «SonntagsBlick» nochmals bestätigt, dass er ursprünglich auch dafür war. Aber dann hat er diesen Vorschlag durch einen Brief an die Aktionäre torpediert, in dem zahlreiche Vorwürfe aufgeführt waren. Das brachte die zur Wahl vorgeschlagenen Frauen aus dem Konzept, und bei mir begannen alle Alarmglocken zu läuten.

«Was ich an ‹Reclaim Kosmos› schwierig finde: Was gibt es da zurückzufordern?»

Sie sollen an der Versammlung gesagt haben: «Ich kann nicht mehr mit Samir zusammenarbeiten.» Warum?
Samir und ich haben zusammen eine lange Geschichte. Wir sind unterschiedliche Charaktere. Wir haben zwar immer wieder gemeinsame Lösungen gefunden, die Zusammenarbeit und unsere Beziehung war aber von Beginn an nicht einfach. Nach der Eröffnung des Kosmos 2017 hoffte ich, dass die Differenzen geringer würden. Das war nicht der Fall. Es gab immer wieder Situationen, wo ich mich von Samir unter Druck gesetzt fühlte. Als 2018 Samirs Frau Stina Werenfels und Ruedi Gerber in den Verwaltungsrat gewählt wurden, kam es immer mehr zu Spannungen. Es bildeten sich zwei Lager, was eine konstruktive Zusammenarbeit im Verwaltungsrat erschwerte. Trotzdem war ich bereit, nochmals ein Jahr mit Samir zusammenzuarbeiten. Aber angesichts der Ereignisse unmittelbar vor der Generalversammlung wurde mir klar: Da fehlt jede Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit innerhalb der Unternehmensführung.

Ist der Bruch irreparabel?
Nein, es ist ja kein Bruch mit Samir als Person, sondern ein Bruch aufgrund einer dysfunktionalen Konstellation. Es ist wie in einer Beziehung: Es hängt von beiden Seiten ab, ob es eine gemeinsame Zukunft gibt. Samir ist als Mit-Initiant ein Teil des Kosmos, er hat viel beigetragen, und ich schliesse nicht aus, dass es wieder zu einer Annäherung kommen kann. Aber im Moment wird grosser Druck von Samirs Unterstützern aufgebaut, da ist es nicht einfach, sich die Hand zu reichen. Es bräuchte jetzt einen Heilungsprozess.

Im offenen Brief «Reclaim Kosmos» werden die Aktionäre aufgefordert, zu verlangen, dass die GV wiederholt wird.
Aber was würde das bringen? Es war ja die Mehrheit der Aktionäre anwesend, es gab eine ordentliche Wahl, und alle fünf jetzigen Verwaltungsräte haben bekräftigt, dass dies eine Übergangslösung sei. Was ich an «Reclaim Kosmos» schwierig finde: Was gibt es da zurückzufordern? Wem gehört Kosmos?

Die Unterzeichnenden befürchten, dass das Kosmos eine neoliberale Schiene fahren wird.
Das ist völlig abstrus. Unser Programm ist ja schon gemacht bis im Winter, zusammengestellt von unserem vierköpfigen Veranstaltungsteam, das die Programmhoheit auch in Zukunft innehaben wird. Wenn man die über 300 Veranstaltungen des letzen Jahres anschaut, hatten Samir und ich auf höchstens 3 Prozent davon einen direkten Einfluss. Kosmos wurde gegründet als ein Ort der Debatten, wo unterschiedliche Meinungen Platz haben sollen. Warum sollte es plötzlich verboten sein, neben Veranstaltungen mit der «Republik» oder dem «Hochparterre» auch Veranstaltungen mit der NZZ zu machen? Honni soit qui mal y pense. (Ein Schuft, wer Böses denkt.)

«Wie sollte denn eine Übernahme von rechts funktionieren? Solange ich dabei bin, garantiere ich, dass das nicht passieren wird.»

Die «Republik» suggerierte weiter, Sie seien zum «Einfallstor für mächtige Player» geworden und nur noch ein Feigenblatt der Neoliberalen.
Das ist eine bizarre Verschwörungstheorie. Das Problem ist, dass man solche Theorien nicht widerlegen kann. Jedes Argument von mir würde die Theorie nur weiter nähren. Wie sollte denn eine Übernahme von rechts funktionieren? So lange ich dabei bin, garantiere ich, dass das nicht passieren wird.

Manche trauen dem neuen Verwaltungsrat Edwin van der Geest nicht über den Weg.
Van der Geest kannte alle Protagonisten persönlich seit langem und wurde von mir als Mediator geholt, als es darum ging, Vorschläge für die Neuzusammensetzung des Verwaltungsrats zu erarbeiten. Er war auch der Hauptbefürworter einer einvernehmlichen Lösung und für die Verhinderung eines Eklats.

Warum schlug sich denn Van der Geest selbst als Verwaltungsrat vor?
Bis zu diesem Zeitpunkt kannten die Aktionäre ja nur das Viererticket. Weil das angesichts der Umstände nicht mehr möglich war, musste ich den Antrag des Verwaltungsrates zurückziehen. Edwin van der Geest beantragte den Aktionärinnen und Aktionären als Alternative des Samir-Lager-Tickets die Wahl eines Übergangsverwaltungsrates, bestehend aus der unbestrittenen Monika Binkert, mir selbst und drei weiteren Aktionären.

Samirs Frau, die Regisseurin Stina Werenfels, hat dem Kosmos ein grösseres Darlehen gewährt. Im Gegenzug darf sie einen Sitz im Verwaltungsrat bestimmen. Dieser Vertrag ist jetzt verletzt.
Stimmt. Aber erstens könnte das Kosmos diesen Betrag jederzeit zurückzahlen. Und zweitens hat der Verwaltungsrat auch eine übergeordnete Sorgfaltspflicht. Wir haben Werenfels' Vorschlag, den Anwalt Balthasar Wicki, abgelehnt, weil er für uns nicht wählbar war. Nun müssen wir mit ihr die Folgen dieser Vertragsverletzung besprechen.

Das Kosmos machte in den ersten zwei Jahren Verluste, als Sorgenkind gilt das Kino.
Die Branche ist allgemein im Umbruch, alle Kinos stehen unter Druck. Aber wir haben zugelegt und sind jetzt mit den Kinos wirtschaftlich auf Kurs.

Erstellt: 02.07.2019, 17:54 Uhr

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