«Ein Parkplatz bringt Zürcher Läden 300'000 Franken»

Streitgespräch zur Abstimmung: Velofahrerin Tiana Angelina Moser und Autofahrer Mauro Tuena kreuzen die Klingen.

Welches Argument verfängt? Tiana Angelina Moser ist gegen die Vorlage, Mauro Tuena ist dafür. Fotos: Reto Oeschger

Welches Argument verfängt? Tiana Angelina Moser ist gegen die Vorlage, Mauro Tuena ist dafür. Fotos: Reto Oeschger

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Wie viele Autos haben Sie in Ihrem Haushalt, und wofür werden die gebraucht?

Tiana Angelina Moser: Wir haben ein Familienauto. Ich brauche es aber selten. In Zürich bewege ich mich vorwiegend mit dem Velo. Für grössere Distanzen fahre ich Zug. Mit drei kleinen Buben ist es ab und zu aber entlastend, wenn man das Auto nehmen kann, vor allem wenn man viel zu transportieren hat.

Mauro Tuena: Ich habe ein Auto und brauche es für die Arbeit. In unserer Computerfirma in Zürich-Enge bin ich fürs Technische zuständig und muss häufig mit Material zu Kunden fahren. Das ist mit dem öffentlichen Verkehr nicht möglich. Ich bin also aus gewerb­lichen Gründen auch in der Stadt aufs Auto angewiesen. Ich brauche es aber auch privat, etwa zum Einkaufen. Nach Bern fahre ich mit dem Zug, da die Autobahn fast immer verstopft ist.

Sie leben beide in Zürich. Wie beurteilen Sie den Autoverkehr in der Stadt?

Tuena: In Zürich wird alles getan, um den motorisierten Individualverkehr zu drangsalieren. Man baut Spuren und Parkplätze ab. Es gibt Leute, die mit dem Auto in Zürich einkaufen wollen. Autokunden bringen dem Gewerbe volkswirtschaftlich am meisten Umsatz. Ich bedaure, dass etwa Goldküstenbewohner durch die Stadt müssen, wenn sie Richtung Westen fahren wollen. Es braucht jetzt dringend den im Richtplan eingetragenen Tunnel von der Allmend Brunau nach Dübendorf.

Moser: Um sich im dicht bebauten urbanen Gebiet zu bewegen, ist das Privatauto meist ungeeignet. Es gibt viel effizientere Verkehrsmittel. Darum müssen wir etwa Pendler motivieren, nicht mit dem Auto in die Stadt zu fahren.

Tuena: Wie soll das städtische Gewerbe überleben ohne die Kunden?

Moser: Über 80 Prozent der Besucher kommen ohne Auto in die Stadt und bringen 75 Prozent des Umsatzes.

Tuena: Eben, den guten Umsatz bringen die Autofahrer. Am Münsterhof wurden die Autos verdrängt, und jetzt haben die Läden einen brutalen Umsatzeinbruch. Die Kunden kaufen jetzt an der Peripherie ein, etwa in Wallisellen.

Moser: Die fehlenden Autos sind nicht der Grund für Umsatzeinbussen. Da sind die Konkurrenz durch den Onlinehandel und der starke Franken entscheidend.

Tuena: Der grosse Parkplatz hat den Geschäften am Münsterhof Umsatz gebracht, Punkt.

«Wenn wir den Stau abbauen wollen, müssen wir uns über den Gesamtverkehr Gedanken machen.»Tiana Angelina Moser

Moser: Ohne die Autos auf dem Münsterhof ist die Lebensqualität in Zürich gestiegen.

Tuena: Aber die Läden gehen ein. Ein durchschnittlicher Parkplatz bringt den Läden in Zürich einen Jahresumsatz von 300'000 Franken, das hat eine Studie des städtischen Tiefbauamtes unter Ruth Genner ergeben.

Moser: Das ist eine Verkennung der Realität. Digitalisierung und Onlinehandel sind die viel grössere Herausforderung als ein paar gestrichene Parkplätze.

Künftig müssten Verminderungen der Leistungsfähigkeit von Strassen im umliegenden Strassennetz mindestens ausgeglichen werden. Was ist darunter zu verstehen?

Moser: In diesem Satz kommt ein total veraltetes Verkehrsdenken zum Ausdruck. In der Verfassung steht heute schon: Kanton und Gemeinden sorgen für eine sichere, wirtschaftliche und umweltgerechte Ordnung des Gesamt­verkehrs sowie für ein leistungsfähiges Verkehrsnetz. Diese Formulierung gewährleistet die Gleichberechtigung der Verkehrsmittel.

Tuena: Das ist ja unbestritten.

Moser: Mit dieser Vorlage wird der Strassenverkehr überall einseitig priorisiert. Es gibt kein Patentrezept, das wir überall durchdrücken können. Je nach lokaler Situation sind andere Verkehrsmittel am effizientesten.

Tuena: Diese Vorlage will den Privatverkehr nicht priorisieren, es soll nur der Istzustand verankert werden.

Moser: Doch der Autoverkehr darf nicht mehr eingeschränkt werden.

Tuena: Es steht ja weiterhin in der Verfassung, dass der öffentliche Verkehr gefördert werden soll.

Nehmen wir als konkretes Beispiel die Bellerivestrasse in Zürich. Hier möchte die rot-grüne Mehrheit im Gemeinderat zwei von vier Spuren für Bus und Velos frei machen. Wie soll das gehen?

Tuena: Man kann diese Spuren nicht abbauen. Das finden sogar die Stadträte Richard Wolff und Filippo Leutenegger und Stadtpräsidentin Corine Mauch. Die negativen Folgen wären zu gross.

Moser: Die Mehrheit des Parlaments will es aber so. Wenn der Gegenvorschlag zur Anti-Stau-Initiative ange­nommen wird, ist das Projekt kaum noch zu realisieren. Der Privatverkehr müsste dann wohl auf die Seefeldstrasse oder auf die Dufourstrasse umgeleitet werden.

Tuena: Dieser Spurabbau würde die Kapazität um 50 Prozent verringern. Der Freisinnige Marc Bourgeois hat vorgeschlagen, den motorisierten Verkehr in Röhren am Seebecken umzuleiten. Das ist eine gute Idee, aber sie wurde natürlich vom Parlament verworfen.

Moser: Es ist nicht zukunftsweisend, eine vierspurige Strasse mitten in die Stadt zu führen. Es wäre wichtig, dass man die Bellerivestrasse verkehrsberuhigen könnte.

Warum?

Moser: Weil sie das Quartier zerschneidet. Das Seefeld ist ein sehr wertvolles Gebiet. Innovativer wäre der GLP-Kompromiss im Gemeinderat. Er schlägt drei Spuren vor, eine davon wechselseitig befahrbar. Dazu ein Veloweg auf der Bellerivestrasse.

«In der Stadt Zürich wird alles getan, um den motorisierten Individualverkehr zu drangsalieren.»Mauro Tuena

Die Stadträte von Zürich und Winterthur sind gegen die Vorlage, weil sie fürchten, dass künftig Busse im Verkehr stecken bleiben, weil es keine neuen Busspuren mehr geben kann. Wie berechtigt sind diese Befürchtungen?

Tuena: Nicht berechtigt. Man kann nämlich den Busverkehr auch bevorzugen, ohne die Kapazität der Strasse zu verringern. Wie etwa an der Rosengartenstrasse, wo die Busse mit einem Lichtsignal Vortritt bekommen. Das Problem dort ist, dass diese Ampel auch auf Rot wechselt, wenn kein Bus kommt. Sie dient so als Pförtnersystem. Das ist reine Schikane der Autofahrer.

Moser: Die Befürchtungen sind sehr gerechtfertigt. Vor allem in Winterthur stehen die Busse häufig im Stau. Busse zu priorisieren, wäre künftig kaum mehr möglich, weil man die Leistungsverringerung für den Autoverkehr kompensieren müsste, und das ist in einer Stadt sehr schwierig, ausser man drängt die Autos in die Wohnquartiere ab.

Tuena: Diese Initiative will flüssigen Individualverkehr, und davon profitieren auch Busse, welche die Strassen nutzen. Da haben die Stadträte von Winterthur und Zürich nicht zu Ende gedacht.

Moser: Das ist eine Illusion, erfahrungsgemäss werden mit mehr Kapazitäten auf der Strasse keine Staus abgebaut. Im Gegenteil, wenn wir den Stau abbauen wollen, müssen wir uns über den Gesamtverkehr und nicht nur über den Autoverkehr Gedanken machen.

Tuena: Das sind Sonntagsreden. Am Bucheggplatz wird der Verkehr mit einem Lichtsignal permanent aufgehalten. Dort stehen täglich Hunderte Gewerbetreibende unnötig im Stau. Damit werden täglich riesige volkswirtschaftliche Schäden angerichtet, im Kanton Zürich jährlich 140 Millionen Franken.

Moser: Wenn nur jene mit dem Auto in die Stadt fahren würden, die wirklich darauf angewiesen sind, würde kein Gewerbetreibender am Bucheggplatz im Stau stehen.

Tuena: Warum wehren Sie sich denn, liebe Nationalratskollegin, gegen einen Tunnel nach Dübendorf?

Moser: Weil ein Kapazitätsausbau der Strasse nur mehr Autos anzieht und keine Verkehrsprobleme löst. Können wir jetzt wieder über die Vorlage reden?

Wie soll man künftig Fussgänger, Behinderte und Kinder auf der Strasse schützen, wenn man den Autoverkehr nicht mehr verlangsamen darf?

Moser: Wenn wir die schwächsten Verkehrsteilnehmer schützen wollen, müssen wir verkehrsberuhigende Massnahmen ergreifen, diese werden mit dieser Vorlage erschwert oder verhindert.

Tuena: Diese Vorlage betrifft nur Staatsstrassen, also die Hauptverkehrsachsen, meist Einfallsstrassen.

Moser: Ja, zum Beispiel die Forchstrasse in Zürich, die von vielen Kindern überquert werden muss.

Tuena: Man kann den Verkehr so steuern, dass die Kinder auch gefahrlos über die Forchstrasse kommen. Zum Beispiel mit grünen Wellen. Damit ist die Strasse einige Zeit für die Autos offen, dann wieder für die Fussgänger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2017, 20:24 Uhr

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der ETH Zürich. Ihre Freizeit verbringt sie gerne draussen in der Natur. (sch)

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