Wie Zürcher Psychiater Jugendlichen den Jihad ausreden

Ein neues Programm der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich soll Jugendliche mit Tendenzen zur Radikalisierung auf den richtigen Weg zurückführen.

Gefährliche Faszination: Zerstörtes Bild einer IS-Flagge an einer Mauer in Kurdistan. Foto: Teun Voeten (Reporters, laif)

Gefährliche Faszination: Zerstörtes Bild einer IS-Flagge an einer Mauer in Kurdistan. Foto: Teun Voeten (Reporters, laif)

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Mehrere Jugendliche und junge Erwachsene aus Winterthur sind nach Syrien und in den Irak gereist, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschliessen. Darunter auch ein minderjähriges Geschwisterpaar, welches im Dezember 2014 verschwand und ein Jahr später in die Schweiz zurückkehrte. 15 und 16 Jahre alt waren die beiden, als sie in den vermeintlich Heiligen Krieg zogen. Sie hatten sich innert kürzester Zeit radikalisiert.

Auch andere Jugendliche in Winterthur liebäugelten damals mit dem Jihad, und so reagierte die Jugendanwaltschaft Winterthur prompt: Wie Recherchen des TA zeigen, schlug sie dem Zentrum für Kinder- und Jugendforensik an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vor, ein Interventionsprogramm für Jugendliche zu entwickeln, welche sich für den Jihad begeistern. Die Kurztherapien sollen bei Mädchen und Buben durchgeführt werden, die sich auf der Vorstufe zur handfesten Radikalisierung befinden. Bei Jugendlichen also, die sich an das Thema Jihad herantasten, indem sie beispielsweise entsprechende Webseiten im Internet aufrufen und sich plötzlich verschleiert oder mit Vollbart zeigen. Oder bei solchen, die in der Schule IS-Parolen verkünden oder vom Märtyrertod schwärmen.

11 Sitzungen à 2 Stunden

Die Psychiater und Psychologen des Zentrums entwickelten das Radikalisierung-Interventionsprogramm (RadIP). Es hat zum Ziel, den Jugendlichen die Begeisterung für die jihadistische Ideologie zu nehmen und ihren «prosozialen, legalen Weg» zu stärken, wie es im noch unveröffentlichten Programmbeschrieb heisst. Je nach Radikalisierungsgrad und persönlicher Geschichte finden Einzel- oder Gruppengespräche statt, insgesamt sind 11 Sitzungen à 2 Stunden geplant.

Unterschieden wird zwischen drei Stufen von Radikalisierung: Bei der «gelben» Stufe handelt es sich um die «ahnungslose Risikogruppe, die mit Radikalisierung liebäugelt», wie Leonardo Vertone sagt, der als Leitender Psychologe am Zentrum für Kinder- und Jugendforensik arbeitet und RadIP zusammen mit der Chefärztin Cornelia Bessler entwickelt hat. Für diese Stufe eignen sich Gespräche in Gruppen zwischen zwei und fünf Teilnehmern.

In die Stufe «orange» werden die Jugendlichen eingeteilt, die laut Vertone «im Radikalisierungsprozess auf den Geschmack gekommen sind». Man merke, dass sich bei diesen «verunsicherten Jugendlichen etwas anbahne». In dieser Stufe führen die Therapeuten Einzelgespräche statt Gruppengespräche durch. So könnten sie zum einen individueller auf die Jugendlichen eingehen, die sich bereits zu radikalisieren begännen, zum anderen wolle man verhindern, dass sich diese untereinander vernetzen und ungünstig beeinflussen. «Das wäre kontraproduktiv», sagt Vertone.

Perspektiven schaffen

Unter die dritte, die «rote» Stufe fallen Jugendliche, die bereits «radikalisiert» und «handlungsbereit» sind, wie der Psychologe sagt. Für diese Gruppe eignet sich RadIP nur als Grundlage oder ergänzend mit anderen Massnahmen. Denkbar sei etwa, dass zusätzlich Familientherapien durchgeführt würden, sagt Vertone. Gespräche also, an denen auch Eltern und allfällige Geschwister teilnehmen. Die Radikalisierung sei bei dieser «roten» Gruppe von Jugendlichen bereits weit fortgeschritten oder gar verfestigt. Da reichten 11 Therapiesitzungen à je 2 Stunden nicht aus.

Chefärztin Cornelia Bessler spricht von einem «längerfristigen Deradikalisierungs- oder Exit-Programm mit dem Ziel einer vertieften Auseinandersetzung mit den extremistischen Inhalten». Es gehe darum, neue Perspektiven für die Jugendlichen aufzubauen, damit sie wieder in die Gesellschaft integriert werden könnten. Bisher hat das Team des Zentrums für Kinder- und Jugendforensik das Programm «noch nie von A bis Z durchgeführt», wie Vertone sagt. Erste Erfahrungen hat man dennoch schon gesammelt – mit Jugendlichen, die bereits straffällig geworden sind.

Bevor man mit der eigentlichen Behandlung beginnt, wird bei als «rot» eingestuften Jugendlichen meist ein psychiatrisches Gutachten erstellt. Man empfehle darin «differenzierte Interventionsmassnahmen» als Ergänzung zum neuen Programm, unter anderem die erwähnten Familientherapien sowie die sogenannt geschützte Wiedereingliederung in die Gesellschaft, sagt Vertone. Das könne heissen, dass Teenager zum Beispiel in Erziehungsheimen untergebracht würden, wo sie auch die Schule oder die Lehre besuchen könnten. Bei den «gelben» und «orangen» Fällen seien psychiatrische Gutachten nicht vorgesehen.

Vertrauensaufbau ist schwierig

Wie es mit den Jugendlichen läuft, die sich derzeit in Behandlung befinden, deutet Vertone nur auf allgemeiner Ebene an: Während laufender Strafverfahren sei es für Jugendliche schwierig, Vertrauen aufzubauen. Als forensische Therapeuten seien sie immer auch Kontrolleure: Würden strafrechtlich relevante Inhalte in der Therapie aufgedeckt, müssten diese der Jugendanwaltschaft gemeldet werden. So sei es auch in den sogenannten Behandlungsverträgen festgelegt, die die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen und deren Eltern sowie den verantwortlichen Jugendanwälten regelt.

«Die Jugendlichen wissen, dass sie unter Beobachtung stehen», sagt Vertone. «Das sind schwierige Voraussetzungen für eine Therapie.» Im Fokus stehe aber sowieso – und ganz unabhängig vom möglichen Verschulden der Jugendlichen – die «Reintegration ins normale Leben».

Es deutet vieles darauf hin, dass sich das minderjährige Geschwisterpaar, das letzten Dezember aus Syrien zurückkehrte, unter den behandelten Jugendlichen befindet. Das Zentrum für Kinder- und Jugendforensik will das weder bestätigen noch dementieren. Zur Anzahl und Identität der behandelten Jugendlichen nehme man keine Stellung. Sicher ist: Es gibt schweizweit kein vergleichbares Interventionsprogramm für radikalisierte Jugendliche – schon gar nicht für solche, die in den Jihad ziehen und später wieder in die Schweiz zurückkehren. Teilnehmen dürfen am Programm ausschliesslich Jugendliche bis 18 Jahre (Zeitpunkt des Vergehens) beziehungsweise bis 25 Jahre (spätestes Ende der jugendstrafrechtlichen Massnahme).

Jugendlichen werden «entschärft»

Als «gelb» und «orange» eingestufte Jugendliche haben die Psychiater und Psychologen mit dem neuen Programm bisher keine behandelt. Ursprünglich war die Idee, dass die Jugendanwaltschaft dem Zentrum die Fälle zuweist. Beide Seiten rechneten mit einer grossen Anzahl. Doch dazu ist es noch nicht gekommen. Vertone vermutet, dass es die leichten bis mittelgradig radikalisierten Fälle, für die das Programm ideal wäre, durchaus gibt, sie aber von anderen Stellen niederschwellig betreut und entschärft werden. In der Stadt Zürich zum Beispiel gibt es die Fachstelle für Gewaltprävention, die als erste Anlaufstelle für die Volksschulen der Stadt Zürich dient. Sie ist auch mit der Polizei gut vernetzt.

Der andere Grund für die fehlenden Fälle im Programm ist die bisher ungeklärte Finanzierung. Bei straffällig gewordenen Jugendlichen zahlt die Jugendanwaltschaft – Grundlage dafür ist eine seit 2004 bestehende Vereinbarung mit dem Zentrum. Bei allen anderen Fällen ist derzeit noch unklar, wer für die Finanzierung zuständig ist. Daher gibt es bisher kein offizielles Startdatum für RadIP.

Alternative Lebensentwürfe

Was aber ist der Inhalt der Kurztherapie, wenn sie denn einst «von A bis Z zum Einsatz kommt», wie Vertone sagt? Nach einer Startsitzung, bei der auch die Eltern anwesend sind, lernen die Jugendlichen die rechtlichen Konsequenzen kennen, die ihr diesbezüglichesFehlverhalten haben kann. Viele wissen nicht, dass es heikel ist, Bilder von IS-Flaggen auf Facebook zu posten oder Kollegen Videos mit gewaltverherrlichendem Inhalt zu zeigen. Im Weiteren geht es in den Sitzungen um den ideellen Hintergrund des radikalen Gedankengutes von IS, al-Qaida und anderen Gruppierungen sowie um Rekrutierungsmethoden.

Später stehen die persönlichen Lebensgeschichten der Jugendlichen im Zentrum: Was sind die individuellen Gründe, sich solchen Gruppierungen anzuschliessen? Was sind die Risikofaktoren für mögliche Gewalttaten? Welche Ziele haben die Jugendlichen? Wie werden diese von der Radikalisierung beeinflusst? Zum Schluss werden Handlungsstrategien entworfen – alternative Lebensentwürfe zur Reise in einen gewaltbereiten Jihad. Drei Monate nach Abschluss des Programms findet eine Standortbestimmung statt.

Was den Geschwistern aus Winterthur die Therapien bringen, wenn diese denn stattfinden, ist offen. Klar ist: Sie sind seit zehn Monaten zurück in der Schweiz – hier muss und soll man sich um sie kümmern. Das fordert auch André Duvillard, Delegierter des Sicherheitsverbunds Schweiz. Jihad-Rückkehrer könnten «nicht sich selbst überlassen werden», betont er. «Eine Betreuung oder die Verpflichtung auf spezifische Verhaltensregeln ist unabdingbar.»

Erstellt: 12.10.2016, 21:52 Uhr

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