Wie Zürich das Hooligan-Problem lösen will

Stadt, Polizei und Clubs wollen Gewalttäter im Fussballumfeld schneller identifizieren und anzeigen sowie Jugendliche früher ansprechen. Dazu haben sie das Projekt «Doppelpass» lanciert. 

Pressekonferenz mit Stephan Anliker, Ancillo Canepa, Daniel Blumer, Karin Rykart, Filippo Leutenegger und Raphael Golta. Foto: Dominique Meienberg

Pressekonferenz mit Stephan Anliker, Ancillo Canepa, Daniel Blumer, Karin Rykart, Filippo Leutenegger und Raphael Golta. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war ein Grossaufgebot von Stadträten und Fussballpräsidenten, die gestern vor den Medien informierten, wie die Stadt gegen die Fangewalt vorgehen will. GC, der FCZ und die Stadt Zürich wollen künftig mit vereinten Kräften gegen die Gewaltproblematik im Umfeld des Fussballs vorgehen. Seit Anfang ­dieses Jahres haben zwei Arbeitsgruppen aus Stadtverwaltung und Clubs intensiv am Problem gearbeitet. Die beiden Arbeitsgruppen haben nun einen Massnahmenplan erarbeitet, mit dem das Gewaltproblem eingedämmt werden soll.

200 gewaltbereite Fans

Das neue Projekt heisst «Doppelpass» und umfasst die beiden Arbeitsgruppen. «Doppelpass» basiert auf drei Säulen: Zusammenarbeit, Prävention und Repression. Bezüglich Zusammenarbeit ziehen Fussballclubs, Stadt und Staatsanwaltschaft am gleichen Strick. Beim Thema Prävention richtet sich der Fokus auf junge Fans sowie auf die Schnittstelle zwischen Fan- und Jugendarbeit. Der letzte und aktuellste Punkt betrifft die Repression. Hier steht eine kleinere Gruppen von Hooligans und Gewalttätern im Mittelpunkt.

«Das Gewaltproblem im Fussball hat erschreckende Ausmasse angenommen», sagte Polizeivorsteherin Karin Rykart (Grüne), welche das Projekt möglichst rasch umsetzen will. Die Gewalt gehe von einer kleinen Gruppe von etwa 200 Personen aus.

Video: Die grüne Sicherheitsovrsteherin im Interview

Video: Pascal Unternährer und Aline Bavier

Laut Daniel Blumer, Kommandant der Stadtpolizei Zürich, sollen diese Gewalttäter isoliert und strafrechtlich verfolgt werden. Mit dem Einsatz von ­mobilen und temporären Videokameras will die Polizei Hooligans deanonymisieren und identifizieren, damit man genügend Beweise für die Gerichtsverhandlungen habe. Im letzten Jahr hat die Stadtpolizei 45 Hooligans identifiziert und verzeigt. Dieses Jahr waren es bereits 47 gewalttätige Personen und 11 weitere Hooligans sind von anderen Polizeikorps ermittelt worden.

Video: Antworten von Polizeikommandant Daniel Blumer

«Wir müssen grosse Gruppen einkesseln können»: Daniel Blumer, Polizeikommandant der Stadtpolizei Zürich. Video: Pascal Unternährer und Aline Bavier

Ein Problem sei, dass in der Szene eine grosse Verschwiegenheit bezüglich den gewalttätigen Fans herrsche. «Einerseits wegen falsch verstandener Solidarisierung, andererseits aus Angst», sagte Polizeikommandant Daniel Blumer. Es sei wichtig, dass ­Opfer Anzeigen machen würden und die Polizei Informationen erhalte.

Gewalttäter immer jünger

Auffällig ist zudem, dass sich die Fangewalt von den Stadien in die Stadt verlagert hat und die Täter immer jünger werden. «Das fängt teilweise schon in der Primarschule an», sagte Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP). Deshalb will er vor allem bei jungen Fans die Präventionsarbeit verstärken. Er fordert, dass die Jugendlichen Minimalregeln einhalten, eine Art Ehrenkodex: den Gegner nicht als Feind betrachten und auf ein schon wehrloses Opfer nicht weiterprügeln.

Laut Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) muss die Sozialarbeit in diesem Bereich verbessert werden, damit man die Jugendlichen frühzeitig ansprechen kann. Zudem sollen die Fussballclubs bei ihrer Jugendarbeit ein entsprechendes Augenmerk darauf werfen. Golta will im Bereich Jugend und Sport weitere Akteure miteinbeziehen. So beispielsweise an Anti-Gewalt-Aktionen und mit entsprechenden Statements von Spielern und weiteren Schlüsselpersonen.

Auch die beiden Präsidenten von GC und FCZ, Stephan Anliker und Ancillo Canepa, sprachen sich für eine verbesserte Zusammenarbeit aus. «Die Zeiten sind vorbei, in denen wir uns gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben», sagte Anliker. Canepa betonte, dass die beiden Clubs «allen Unkenrufen zum Trotz» in den letzten Jahren sehr viel unternommen hätten. Beide betonten, dass man innerhalb des Stadions keine Probleme habe. Er legte den Finger auf einen weiteren wunden Punkt: «Ich frage mich, wo die Eltern dieser Jugendlichen sind.»

Abstimmungskampf

In einer Medienmitteilung schreibt die IG Hardturm-Quartier, dass es beim Medienauftritt ganz offensichtlich nicht um Problemlösung ging, sondern um Abstimmungskampf: «Man will den Eindruck erwecken, nun energisch gegen die Hooligans vorzugehen, in der Hoffnung, damit die Chancen für eine Zustimmung zu dem überflüssigen Hardturm-Stadion zu verbessern.» Das durchsichtige Manöver der Stadt und der Clubs sei peinlich.

Video: Die Pressekonferenz zur Fangewalt in voller Länge

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2018, 21:35 Uhr

«Radikalisierung von ganz jungen Fans verhindern»

Alexandra Heeb ist Projektleiterin von «Doppelpass». Bild: PD

Frau Heeb, Sie sind Projekt­leiterin von «Doppelpass». Wie funktioniert diese Arbeitsgruppe?
Alle Personen in dieser Gruppe können einen Beitrag zur Verringerung der Gewalt leisten. Weil das viele sind und weil die Ergebnisse der ganzen Arbeit politisch abgestützt sein müssen, sind wir aufgestellt wie ein klassisches Projekt: Es gibt einen Steuerungsausschuss, der die Richtung vorgibt. Dazu gehören die drei Stadträte und die beiden Fussballpräsidenten und der Kommandant der Stadtpolizei. Dann haben wir das Projektteam mit Mitarbeitern aus den drei Departementen, den Geschäftsführern von GC und FCZ sowie einem Staatsanwalt. Und es gibt für jedes Thema eine Arbeitsgruppe, die die Massnahmen erarbeiten und umsetzen soll.

Und Ihre Rolle?
Ich leite das Projekt, und deshalb bin ich beim Steuerungsausschuss dabei, ohne Stimmrecht. Das Projektteam trifft sich monatlich, der Steuerungsausschuss alle zwei Monate, dies sicher bis zum Frühjahr.

Wie läuft die Arbeit nun konkret?
Es ist ein laufender Prozess, immer wenn eine Massnahme beschlossen ist, wird sie umgesetzt. Eines der ersten Ziele betrifft jetzt die Strafverfolgung. Es geht darum, Gewalttäter zu identifizieren und zu verzeigen. Hier sind wir sofort gefordert. Präventionsprojekte haben sicher einen längeren Zeithorizont. Hier legen wir den Fokus darauf, eine Radikalisierung von ganz jungen Fans zu verhindern. Eine Wettbewerbsrivalität ist gut, aber wenn sie gewalttätig wird, ist es eine falsch verstandene Rivalität.

Eine wichtige Rolle spielen die nicht gewaltbereiten Fans und Ultras. Führen Sie auch mit diesen Leuten das Gespräch?
Ja, das ist ganz wichtig, dass wir einen Dialog mit Fangruppen hinbekommen. Wir haben ein grosses Interesse, mit allen zu reden. Es gibt ja viele Leute aus der Südkurve, denen die heutige Entwicklung grosse Sorgen bereitet. Das sind Ultras und eingefleischte Fans, aber sie wollen keine Gewalt. Wir müssen auch die Relationen sehen: In der Südkurve sind bis 5000 Fans und dazu kommt noch die GC-Kurve. Die gewaltbereiten, militanten Fans und ihre Mitläufer machen nach unserer Schätzung 200 Personen aus, sie sind eine klare Minderheit.

Inwiefern spielten die gewalt­tätigen Vorfälle an der Seepromenade Ende August beim Projekt eine Rolle?
Wir haben schon früher am Projekt gearbeitet, bereits seit Anfang Jahr. Auch ohne diese Angriffe im August hätte es «Doppelpass» gegeben. Gleichzeitig haben die perfiden Angriffe auf Sanitäter und Polizisten auch dem Letzten die Augen geöffnet und die Dringlichkeit vergrössert. Ohne zusätzliche Anstrengungen werden wir das Problem nicht entschärfen. (hoh)

Artikel zum Thema

«Wir müssen grosse Gruppen einkesseln können»

Video So will die Stadt Zürich die Fangewalt in den Griff bekommen: Antworten von Polizeikommandant Daniel Blumer und Stadträtin Karin Rykart. Mehr...

FCZ-Präsident Canepa: «Ein Chaot kam in Anzug und Krawatte»

Video Stadt, Polizei und Clubs wollen die jungen Gewalttäter im Fussballumfeld härter bestrafen und früher ansprechen. Mehr...

Die Polizei muss näher zu den Jungen hin

Leitartikel Auf Gewalt an Polizisten reagiert die Politik stets mit Repression. Doch damit verschärft sie das Problem bloss. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Werden Kater mit dem Alter schlimmer?

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...