Wieder mehr Prostituierte auf der Gasse

Seit der Schliessung des Restaurants Sonne ist die Sexszene an der Zürcher Langstrasse wieder augenfälliger. Weil weniger Freier unterwegs sind, werben die Prostituierten offensiver.

Eine Prostituierte hält im Kreis 4 in der Nähe des geschlossenen Restaurants Sonne nach Freiern Ausschau. Foto: Thomas Egli

Eine Prostituierte hält im Kreis 4 in der Nähe des geschlossenen Restaurants Sonne nach Freiern Ausschau. Foto: Thomas Egli

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Leicht nervös tippelt eine junge Frau in schwarzen Lackschuhen, farbigen Leggings und Kunstpelzjacke an der Ecke Langstrasse/Brauerstrasse hin und her. Als ein älterer Herr vorbeigeht, hält sie ihn sanft am Arm und fragt: «Kommst du mit, Schatzi?» Sie lächelt und zwinkert ihm zu. Der Mann hält kurz inne, schüttelt den Kopf und geht weiter. Als hätte man einen Schalter umgelegt, verschwindet das Lächeln aus dem Gesicht der Frau. Sie geht zu ihren Kolleginnen, die Nachrichten in ihre Handys tippen.

Solche Szenen lassen sich jeden Abend in grosser Zahl im Kreis 4 beobachten. Seit die Betreiber des Milieulokals Sonne ihr Restaurant wegen Steuerschulden Mitte Juli schliessen mussten, stehen die Prostituierten wieder auf der Strasse – im eigentlichen Sinn des Wortes. Während vieler Jahre warteten in der bekannten Kontaktbar allabendlich Dutzende lateinamerikanische, asiatische und afrikanische Frauen auf Kundschaft.

Nahe dem verschlossenen Eingang des Lokals sitzen jetzt abends vereinzelte Prostituierte im Dunkeln und halten Ausschau nach Kundschaft. Die meisten bedauern, dass die Sonne geschlossen ist. Sie habe hier sehr gute Geschäfte gemacht, sagt eine Brasilianerin – und sei trotzdem auch froh darüber, dass die Sonne nicht mehr existiere. «Wenn ich nie dort gearbeitet hätte, wäre ich wahrscheinlich noch verheiratet. Denn mein damaliger Mann, der dahinterkam, wusste nichts von meiner Tätigkeit.»

An der Langstrasse und in den Seitenstrassen prostituieren sich derzeit grösstenteils Frauen aus dem osteuropäischen Raum, aus Ungarn und Rumänien. «Es hat insgesamt nicht mehr Prostituierte im Langstrassenquartier als vorher. Seit dem Ende der Sonne bewegen sie sich allerdings auf der Strasse und sind daher besser sichtbar», sagt ein Szenekenner. Auffällig sei auch, dass viel weniger Freier unterwegs seien. Dadurch werde der Konkurrenzkampf unter den Prostituierten noch verstärkt. Die städtische Frauenberatung Flora Dora stellt «durchaus Auswirkungen auf die Sexworkerinnen fest, die im Langstrassenquartier arbeiten». Für diese Frauen gebe es im Moment weniger Möglichkeiten, in einem geschützten, legalen Rahmen arbeiten zu können. Dass Frauen, die im Langstrassenquartier gearbeitet haben, auf dem Strichplatz in Altstetten anschaffen, geschieht laut Flora Dora nur in Einzelfällen. Es handle sich um eine andere Gruppe von Frauen.

Die Stadtpolizei hat nach der Schliessung der Sonne verstärkt im Quartier patrouilliert. Dadurch hätten Beamte etwas mehr Frauen wegen verbotener Prostitution verzeigt, sagt Marco Bisa, Mediensprecher der Stadtpolizei. «Die Situation hat sich im Bereich der Prostitution beruhigt und ist auf einem quartierverträglichen Niveau. Wir sehen zurzeit keinen Bedarf für zusätzliche Kontrollen.» Die Stadtpolizei behalte die neuralgischen Punkte im Auge, um schnell reagieren zu können. Als die Stadt Ende August 2013 den Strichplatz in Altstetten eröffnete, kontrollierte die Stadtpolizei rigoros im Langstrassenquartier und verzeigte zahlreiche Prostituierte. Laut dem Sozialdepartement schaffen jeden Tag 20 bis 25 Frauen auf dem Strichplatz an. Szenebeobachter bezweifeln diese Zahlen. Maximal 15 Prostituierte seien präsent.

SP-Vorstoss pro Strassenstrich

Auch auf politischer Ebene ist das Thema aktuell. In einem Postulat fordern die SP-Gemeinderätinnen Marianne Aubert und Simone Brander, dass der Stadtrat einzelne Abschnitte der Langstrasse oder allenfalls Seitenstrassen als Strassenstrich bewilligen soll. Die Langstrasse als langjähriges Rotlichtviertel sei nicht als Strichzone ausgewiesen, was zu «merkwürdigen Auswüchsen der Kontrolle und Bussenverteilung bei sich Prostituierenden durch die Stadtpolizei» führe. Mit der Einführung der Prostitutionsgewerbeverordnung vor zwei Jahren hat sich nach Ansicht der SP-Politikerinnen für das Sexgewerbe vieles verbessert. Doch jetzt brauche es eine Feinjustierung der Regelungen.

Aubert und Brander stören sich daran, dass in Kontaktbars arbeitende Frauen nicht mit Freiern zusammen auf ihre Zimmer gehen dürfen, da die Langstrasse keine Strichzone ist. Diese Frauen würden verwarnt und erhielten Bussen. Genauso ergehe es auch Frauen, die sich in Hauseingängen anböten. «Könnten die Sexarbeiterinnen legal auf gewissen Strassenabschnitten anwerben, würden sie aus der Illegalität geholt», schreiben sie in ihrer Begründung.

AL-Gemeinderat Niklaus Scherr setzt sich für eine Anpassung der Prostitutionsgewerbeverordnung ein. Er fordert den Stadtrat auf, die Bewilligungspflicht für Einzelsalons liberaler zu handhaben. Das Grundsatzverbot für sexgewerbliche Nutzungen in Zonen mit mindestens 50 Prozent Wohnanteil sei für speziell bezeichnete Gebiete aufzuheben. Aktuell würden oft seit langem betriebene Einzel- und Kleinstsalons wegen Kündigung durch die Hausbesitzer oder wegen fehlender baurechtlicher Bewilligung geschlossen. «Dies ergibt groteske Situationen», sagt Scherr.

Wer die Räume der Sonne übernimmt, ist unklar. Unter den vier Bewerbern befinden sich zwei Fast-Food-Ketten. Sollte eine davon das Rennen machen, würde sich der Wechsel in eine Reihe ähnlicher Veränderungen einfügen, die das Quartier prägen – vom Arbeiterquartier und Sexmilieu zur hippen Partymeile mit trendigen Wohnungen. Einstige Striplokale sind heute In-Bars oder Ladenlokale. Jüngstes Beispiel ist das Rotlicht-Cabaret Irma La Douce. Die kitschig rot möblierte Bar an der St.-Jakob-Strasse 52 gehörte dem Milieukönig Hans Peter Brunner. Die Architektin Vera Gloor hat die Liegenschaft renoviert. Schon bald sollen in die Wohnungen Studierende oder Wohngemeinschaften einziehen. Im Parterre wird ein Laden eingerichtet. Gloor hat bereits die Liegenschaft des Stripteaseclubs St. Pauli an der Langstrasse in ähnlicher Weise umgebaut.

Auch an der Dienerstrasse warten die ersten Mieter darauf, sich bald im neu erstellten Komplex mit 29 Wohnungen einzurichten. An der Ecke Brauer-/Langstrasse entsteht ein vierstöckiger Neubau für zwölf Mietwohnungen mit Ausbaustandard im «gehobenen Durchschnitt». Im Erdgeschoss mietet sich der Zürcher Gastronom Rolf Hiltl ein und eröffnet dort ein vegetarisches Restaurant für rund 150 Besucher.

Zurück zur Normalität

Der Quartierkenner und ehemalige «Mr. Langstrasse» Rolf Vieli beobachtet die Veränderungen mit Interesse: «Das Quartier reduziert sich wieder auf das Mass zurück, das bestand, bevor die negativen Auswüchse in den 80er- und 90er-Jahren begannen.» Viele Liegenschaften seien in jener Zeit unter den Einfluss des Sex- und Drogenmilieus gekommen. Heute würden viele Besitzer sehen, dass sie mit normalen Mietern Geld verdienen könnten und seien auch bereit, Geld in ihre Häuser zu investieren. «Zahlreiche Leute kehren wieder ins Quartier zurück.» Die rege Bautätigkeit sei ein Zeichen für den grossen Nachholbedarf.

Dadurch sind auch die Preise von Wohnungen und Häusern stark gestiegen. Laut Scherr haben sie sich innerhalb von wenigen Jahren teilweise mehr als verdoppelt. Ein Grund für diese Preisexplosion sieht Vieli in der Altersstruktur der Hausbesitzer: «Stirbt der Eigentümer, will die Erbengemeinschaft Geld sehen und die Immobilie verkaufen, was die Preise nach oben treibt.» Für Scherr ist die Europaallee mit ihren teuren Eigentumswohnungen mitverantwortlich für die Gentrifizierung des Quartiers.

Erstellt: 24.11.2015, 23:33 Uhr

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