Wieso das E-Trottinett plötzlich abbremst

Wer ein bestimmtes Gebiet befährt, kann mit Hilfe der GPS-Ortung plötzlich gestoppt werden. Dank der unsichtbaren Grenzen könnte ein Ärgernis bald verschwinden.

Er steht mittendrin – und manchmal im Weg: Ein Scooter des Verleihers Tier. Foto: Urs Jaudas

Er steht mittendrin – und manchmal im Weg: Ein Scooter des Verleihers Tier. Foto: Urs Jaudas

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Zügig geht es vorbei an den Badi-Gästen beim Strandbad Tiefenbrunnen. Sogar die gemütlicheren unter den Velofahrern überholt man mit dem E-Trottinett auf der langen Geraden stadteinwärts. Doch in der nächsten Linkskurve drückt plötzlich der Lenker in den Bauch, fast droht man auf der breiten Zufahrt hinunter zum Casino Zürichhorn, das Gleichgewicht zu verlieren. Hier ist «No-Parking-Zone», wie die App verrät – hier bremst der Betreiber den Scooter auf eine spaziergängerverträgliche Geschwindigkeit.

Diese gezielte technische Intervention ermöglicht das GPS-System, das auch für das Auffinden der E-Trottinette unabdingbar ist. Damit können die Anbieter Gebiete abstecken, in denen sie die Geschwindigkeit automatisch drosseln, das Beenden der Ausleihe vereiteln oder Hinweise auf dem Screen oder Handy anzeigen. Der Fachbegriff für dieses Hochziehen virtueller Zäune ist «Geofencing».

Tier hat die meisten unsichtbaren Zäune

Alle vier in der Stadt Zürich tätigen Anbieter – Tier, Circ, Lime und Bird — machen Gebrauch von dieser Technologie. Sie alle beschränken das Operationsgebiet ihrer E-Trottinette auf ein definiertes Stadtgebiet. In der Innenstadt gibt es aber erhebliche Unterschiede. Die App von Tier zeigt am meisten Bereiche an, in denen spezielle Regeln gelten. In all diesen Zonen reduzieren die Scooter des Berliner Start-ups automatisch ihr Tempo von 20 km/h auf 5 km/h, und die Ausleihe kann dort nicht beendet werden.

Das Berliner Start-up Tier hat viele Zonen mit speziellen Regeln eingerichtet (gelb umrandet). Bild: Screenshot App

Diese Sektoren befinden sich häufig dort, wo viele Fussgänger unterwegs sind – etwa im Zürcher Hauptbahnhof, in der Bahnhofstrasse oder eben an der Seepromenade. Entscheidendes Kriterium sei hierbei die Sicherheit der Nutzer und diejenige anderer Strassenbenützer, sagt Tier-Mediensprecher Daniel Bauer.

Auch in schlecht erreichbaren Gebieten mit vielen Grünflächen wie auf dem Käferberg, der Allmend oder der Weinegg im Kreis 8, schränkt Tier die Nutzung ein. «Unsere E-Trottinette sind weder gebaut noch gedacht, um sie über Hügel, grosse Grünflächen oder durch Wälder zu bewegen», sagt Bauer. «Es ist für uns eine logistische Notwendigkeit, die Fahrzeuge dort zu platzieren, wo sie auch benötigt werden.»

Unterschiedliche Zonen bei Circ

Die roten Zonen des zweiten Berliner Anbieters Circ sind etwas rarer und in drei Kategorien unterteilt: In der ersten herrscht ein absolutes Fahrverbot (zum Beispiel im Hauptbahnhof Zürich), in der zweiten dürfen die E-Trottinette nicht parkiert werden (beispielsweise auf dem Sechseläutenplatz), und in einer dritten wird die Geschwindigkeit gedrosselt (in bestimmten Bereichen der Seepromenade).

Auch die amerikanischen Anbieter Lime und Bird kennen Gebiete mit Einschränkungen. In ihren roten Zonen weist Lime seine Kunden via Screen darauf hin, dass sie hier nicht parkieren dürfen. Aktuell werde die Situation in Zürich mit reduzierter Flotte analysiert, lässt sich Geschäftsführer Estuardo Escobar zitieren. Je nach Entwicklung würde man weitere Funktionen aktivieren. Geplant sei etwa ein Fahrsicherheitstraining. Bird wiederum weist nur am Hauptbahnhof und in der Bahnhofstrasse rote Gebiete aus und war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

In den roten Zonen von Lime darf nicht parkiert werden. Bild: Screenshot App

Die Anbieter können also mittels Geofencing ihre Flotte besser verteilen – und sich mit der Stadt gut stellen. Sie alle sind auf den Goodwill der Behörde angewiesen, welche die Zulassungen vergibt. «Zürich ist ein strenger, aber guter Partner», sagt Daniel Bauer von Tier.

«Wir machen keine Vorgaben zum Geofencing.» Mathias Ninck, Sicherheitsdepartement Stadt Zürich

Seit dem Frühjahr verlangt die Stadt Zürich von den Betreibern ein Gesuch und eine Gebühr von 10 Franken pro Scooter und Monat. Und bis Ende August mussten sie darüber hinaus einen Bericht über die Betriebssicherheit des Trottinetts einreichen, der beweist, dass sie die Regeln des Bundesamts für Strassen einhalten. Diesen Nachweis haben mittlerweile alle vier Anbieter erbracht.

Die Einhaltung der Verkehrsregeln – etwa, dass E-Roller auf dem Gehweg nicht im Weg stehen, dass nicht zwei Personen gleichzeitig fahren oder dass die Gefährte nicht im Strassengraben landen – müssen die Betreiber selber sicherstellen. «Wenn sie dafür mittels Geofencing Bereiche definieren, ist das ihre Sache», sagt Mathias Ninck, Mediensprecher des Sicherheitsdepartements. «Wir machen diesbezüglich keine Vorgaben.»

Mehr Regeln in US-Städten

Andernorts wurde Geofencing zur Bedingung für eine Zulassung gemacht. So haben die Parlamente in manchen US-amerikanischen Städten die Anbieter von E-Trottinetten verpflichtet, Zonen mit gedrosselten Geschwindigkeiten einzuführen. Das Beispiel San Diego zeigt aber auch, dass die Durchsetzung dieser Regeln häufig schwierig ist: Empörte Anwohner regen sich dort darüber auf, dass die Scooter an den falschen Orten zu schnell fahren – und die Polizei nichts dagegen mache.

In Deutschland haben Vereinigungen von Städten und Gemeinden mit den Verleihern Bird, Circ, Lime, Tier und Voi ein Memorandum mit Spielregeln unterzeichnet. In diesem werden auch Sperrzonen mittels Geofencing thematisiert.

Besonders zwei Regeln werden häufig missachtet: Die Trottinette dürften nicht auf dem Trottoir benutzt werden, und es darf nicht mehr als eine Person pro Fahrzeug fahren. Video: Youtube/Stadtpolizei Zürich

Die Stadt Zürich setzt bisher vor allem auf Prävention. In zwei Videos zeigt die Stadtpolizei den richtigen Umgang mit E-Trottinetten. Dabei wird anschaulich eines der grössten Ärgernisse aufgezeigt: das Fahren auf Trottoirs.

«Die aktuellen GPS-Systeme sind für Fahrverbotszonen auf dem Trottoir noch zu ungenau.»Torge Barkholtz, Circ

Geofencing könnte auch eine Lösung sein, um die Sicherheit auf Trottoirs zu verstärken, indem dieser Strassenbereich als Fahrverbotszone programmiert wird. «Die aktuellen GPS-Systeme sind dafür aber noch zu ungenau», sagt Torge Barkholtz von Circ. So könnten etwa korrekt auf der Strasse fahrende Nutzer fälschlicherweise ausgebremst werden. Die entsprechende Technologie entwickle sich aber rasant, sagt Barkholtz.

Die noch junge Branche lerne schnell, sagt auch Bauer von Tier. Er gehe davon aus, dass die Möglichkeiten bald besser würden, um die Trottinette einwandfreier in den Verkehr zu integrieren. Firmenintern würden unterschiedlichste Varianten getestet und entwickelt, sagt Bauer. Welche Technologien sich durchsetzen werden, sei aber noch schwer abzuschätzen.

Bilanz der Stadt steht noch aus

Auch die Stadt macht sich Gedanken dazu, wie es weitergeht mit den surrenden Minigefährten. «Wir werden im Herbst Bilanz ziehen und prüfen, ob weitere Massnahmen nötig sind», sagt Mathias Ninck.

Eine entscheidende Frage ist dabei, ob die E-Trottinette das Stadtbild in einem Jahr noch genauso prägen, wie sie es in diesem Sommer getan haben. Noch stehen die Zeichen auf Wachstum. Laut Ninck sind insgesamt 2400 Scooter in der Stadt unterwegs – und weitere Zulassungsgesuche hängig.


Viele Scooter sind nicht strassentauglich

E-Trottinets sind nicht nur zur Miete beliebt – Onlinehändler Digitec Galaxus teilt am Dienstag mit, dass sich der Verkauf im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht habe. Doch die meisten der privat erworbenen Scooter dürfen auf öffentlichen Strassen gar nicht benutzt werden, wie «20 Minuten» meldet.

Nur jedes vierte verkaufte E-Trottinett entspreche den Vorschriften des Bundesamts für Strassen. Das heisst: Es hat Bremsen an beiden Rädern, Licht vorne und hinten, eine Glocke, fährt nicht schneller als 20 km/h und hat eine Leistung von höchstens 500 Watt. Wer sich mit einem Scooter im öffentlichen Raum bewegt, der nicht diesen Vorschriften entspricht, riskiere eine Busse und eine Verzeigung.

Man überlasse es den Kunden, welche Modell sie haben wollen und was sie damit machen, sagt Alex Hämmerli, Sprecher von Digitec Galaxus, zur Pendlerzeitung. Diese Haltung hängt wohl auch mit dem Preis zusammen: Die 46 nicht strassentauglichen Scooter bei Digitec Galaxus kosten im Schnitt 420 Franken, die 16 strassentauglichen 700 Franken. (hwe)

Erstellt: 10.09.2019, 11:43 Uhr

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