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«Wieso sollen wir in der Schule sein, wenn vor uns die Welt kaputtgeht?»

2000 Schülerinnen und Schüler gingen heute in Zürich für einen besseren Klimaschutz auf die Strasse. Redaktion Tamedia ging mit und hat sich bei den Demonstranten umgehört.

Tim Wirth
Für eine nachhaltige Klimapolitik: Demonstranten laufen von der Polyterrasse in Richtung Central.
Für eine nachhaltige Klimapolitik: Demonstranten laufen von der Polyterrasse in Richtung Central.
tiw

Kurz vor 9 Uhr läuft eine Gruppe junger Menschen vom Kunsthaus zur Polyterrasse. An ihrer Spitze laufen zwei Mädchen die ein Transparent schultern: «Climate First».

Sophie, Nilay und Nono tüfteln noch an ihren Parolen. «Bis nöd assi, denk at Umwelt», schreiben sie mit Filzstiften auf ein Blatt Papier. Ein Abfalleimer dient als Unterlage. «In Zürich haben wir es gut», sagt Sophie (16), Sekschülerin aus dem Kreis vier. «Unser Plastik landet im Meer und nicht im Zürichsee.»

Nilay macht eine Lehre im Altersheim. Er schrieb ein Gesuch an die Leitung, um an der Demonstration teilnehmen zu können, und bekam den ganzen Tag frei. «Ich fühle mich hilflos. Wir Junge haben selten die Möglichkeit, etwas fürs Klima zu tun», sagt er.

«Wieso sollen wir in der Schule sein und heile Welt spielen, wenn vor uns die Welt kaputtgeht?», fragt Nono. Um seine Generation mache er sich keine Sorgen, aber um seine Kinder und deren Nachkommen. Dann fällt ihm ein neuer Spruch ein. «Nike isch geil, aber d Umwelt isch geiler», kritzelt er auf ein Papier.

Das Altersheim gab Lehrling Nilay (links) einen Tag frei, um am Klimastreik teilzunehmen. Seine Freunde Sophie und Nono begleiten ihn.
Das Altersheim gab Lehrling Nilay (links) einen Tag frei, um am Klimastreik teilzunehmen. Seine Freunde Sophie und Nono begleiten ihn.

«Es wird nicht der letzte Streik sein»

Ein junger Mann schnappt sich das Mikrofon auf der Polyterrasse. Seine Stimme erklingt durch Boxen, die auf einem alten Fiat Panda befestigt sind. Er steigt auf eine Bank und sagt: «Das ist der dritte Streik. Und es wird nicht der letzte sein.» Die Zukunft des Planeten sei wichtiger als Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Wenn die Politik nichts mache, müsse man Druck erzeugen. «Schreit so laut, dass Bern uns hört. Und auch Greta in Schweden.»

Die 15-jährige Greta Thunberg aus Schweden war es, die viele junge Menschen in Europa zum Klimastreiken motiviert hat. Seit vergangenem August blieb sie jeden Freitag der Schule fern, um für eine Reduktion des CO2-Ausstosses zu demonstrieren. Heute finden in der ganzen Schweiz sowie auch in Belgien und Deutschland Klimastreiks statt.

Mehrere tausend Schüler sind in Zürich, Lausanne, Bern, Luzern, Biel und weiteren Städten auf die Strasse gegangen. (Video: SDA).

Neben jungen Menschen sind auch Erwachsene auf der Polyterrasse. Ein Mann mit grauen Haaren hat sich einen Karton-Mantel gebastelt: «No CO2». Claudia und Felicia, beide um die 50, stehen etwas abseits. «Wir wollen die Jungen nicht stören, sondern uns solidarisch zeigen», sagen sie.

Auch als sie jung waren, sei der rücksichtslose Umgang mit der Umwelt schon ein grosses Thema gewesen. Tschernobyl, das Waldsterben – trotzdem gingen sie dafür nie auf die Strasse. «Wir waren scheuer», sagt Claudia. Mit ihren Eltern hätten sie intensive Diskussionen geführt, vor allem darüber, weniger das Auto zu brauchen. Den Abfall sortieren, wenig Fleisch essen, Projekte des WWF unterstützen. So setzen sie sich heute für die Umwelt ein.

Gehören zu den älteren Klimastreikenden: Claudia und Felicia.
Gehören zu den älteren Klimastreikenden: Claudia und Felicia.

Selbstdisziplin und «irgendein Abkommen»

Die Reden auf der Polyterrasse sind vorbei. Die Demonstrierenden laufen los. Junge Menschen an Megafonen geben die Parolen vor: «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.» Eine Mutter ist mit ihrem Kind im Veloanhänger gekommen und rollt zum Central hinab.

«Ich denke abends ab und zu über unseren schrecklichen Umgang mit dem Klima nach», sagt Sekschüler Viktor aus Uster. Wenn er im Internet Bilder von Hühner-Massentierhaltungen oder Gletschervergleiche sehe, bekäme er Angst. Er macht jährlich einen «No-Waste-Monat», in dem er kein Plastik braucht und kein Fleisch isst. Mit Politik kenne er sich nicht gut aus, aber er wolle sie umweltfreundlicher machen. «Mit irgendeinem Abkommen», sagt Viktor.

Viktor aus Uster bekommt Angst, wenn er im Internet Zeit-Vergleiche von Gletschern sieht.
Viktor aus Uster bekommt Angst, wenn er im Internet Zeit-Vergleiche von Gletschern sieht.

Für Laura – Kunststudentin, 26 – ist vor allem die Selbstdisziplin entscheidend. Jeder solle darauf vertrauen, dass er etwas für die Umwelt tun kann. Sie selbst kauft alles secondhand, holt Essen aus Containern und kauft nur Bioprodukte ein. «Es kann so nicht weitergehen. Wir brauchen eine Veränderung», sagt sie.

Laura kauft nur Secondhand-Kleider. Sie appelliert an die Selbstdisziplin.
Laura kauft nur Secondhand-Kleider. Sie appelliert an die Selbstdisziplin.

Derweil fotografieren andere Demonstranten mit ihren Handys Sticker, die auf einem Wahlplakat der bürgerlichen Regierungsratskandidaten kleben. Auf grünem Grund steht «System Change». Sie können hoffen. Immerhin haben heute doppelt so viele Menschen am Klimastreik teilgenommen, als noch im vergangenen Dezember. 2000 sollen es sein, wie die Juso per Twitter mitteilten.

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