Wieso Zürich in Norwegen Windräder kauft

Es wirkt kurios: Das EWZ kauft Windparks in ganz Europa. Der Strom kommt aber nie bei uns an. Was bringt das?

Der Windpark Høg Jæren in Norwegen gehört dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich. Kürzlich hat das EWZ einen weiteren Windpark in Norwegen gekauft.

Der Windpark Høg Jæren in Norwegen gehört dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich. Kürzlich hat das EWZ einen weiteren Windpark in Norwegen gekauft. Bild: EWZ

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendwo in der norwegischen Einöde – 2000 Kilometer nördlich von Zürich – treibt der Wind ab nächstem Jahr Turbinen an, die für das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) Strom produzieren. Kürzlich hat das EWZ den Kauf des Windparks Måkaknuten bekannt gegeben.

Es ist eine Zürcher Shopping-Tour mit rascher Kadenz: 18 Windparks mit insgesamt über 100 Windrädern hat das Elektrizitätswerk seit 2008 gekauft. In Frankreich, Deutschland, Schweden und Norwegen. Damit könnte das EWZ etwas mehr als einen Drittel der Zürcher Haushalte mit Strom versorgen. Doch wenn man in Zürich das Licht anknipst, fliesst immer noch Strom, der zu 40 Prozent in Atomkraftwerken hergestellt wurde – wie in der ganzen Schweiz.

Insgesamt 18 Windparks besitzt das EWZ ausserhalb der Schweiz. Klicken Sie hier, um die Karte zu vergrössern. (Quelle: EWZ)

Elektronen kennen keine Landesgrenzen

Harry Graf, Sprecher des EWZ, klingt wie ein Koch, wenn er versucht, den Sinn der Investitionen zu erklären. Den Zürcher Strom vergleicht er mit einer Gemüsesuppe. Sie besteht aus leckeren Biorüebli (Strom aus erneuerbaren Energie) und hässlichem Rosenkohl (nicht erneuerbare Energie). Die Stimmberechtigten der Stadt Zürich haben 2017 einen Kredit von 200 Millionen gut gesprochen, um die Suppe zu verfeinern. Das EWZ will den Rüebli-Anteil erhöhen, also in Wind- und Sonnenergie investieren. Doch in der Schweiz sei das schwierig, sagt Harry Graf, «wegen des schwachen Winds und der Mentalität.»

Eines von vielen Auslandprojekten des EWZ: Der Offshore-Park Butendiek an der Nordsee. (Bild: Keystone)

In Zürich ist der Cholfirst bei Laufen-Uhlwiesen eines der einzigen Gebiete, wo es genug stark bläst. In der Westschweiz kommt das EWZ mit zwei Windparkprojekten nicht weiter. Auch nach zwölf Jahren Überzeugungsarbeit seien die Leute dagegen, weil die Windräder die Aussicht beeinträchtigen. «In weniger dicht bebauten Ländern ist das ein kleineres Problem», sagt Graf. Und: «Die Elektronen kennen keine Landesgrenzen.» Ob das EWZ aus einem Wasserkraftwerk in Graubünden oder in Norwegen Strom beziehe, komme nicht drauf an.

Strom kommt nur buchhalterisch an

Als der Strom des Kraftwerks Letten 1909 für Zürich nicht mehr ausreichte, baute das EWZ im bündnerischen Sils das Albulakraftwerk. Eine Hochspannungsleitung brachte den Strom nach Zürich. Die Energie, die in Graubünden erzeugt wurde, erreichte also tatsächlich die Zürcher Haushalte. Doch das ist schon lange passé.

Weil das Flusskraftwerk Letten nicht mehr ausreichte, produzierte das EWZ anderswo Strom. (Bild: Reto Oeschger)

Heute kommt der Strom nicht mehr physisch in Zürich an, sondern nur noch buchhalterisch. Wenn die Zürcher Turbinen im Windpark Måkaknuten rotieren, tanken die Norwegerinnen und Norweger ihre vielen Teslas und anderen Elektroautos mit dem so erzeugten Strom. Das EWZ bekommt dafür Zertifikate, die es den Zürcherinnen und Zürchern anbieten kann. Die Zertifikate beweisen, dass der gekaufte Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Denn das EWZ produziert ja Öko-Strom – nur nicht hier. Um selbst genügend solche Zertifikate anbieten zu können, investiert das EWZ laufend in Windparks.

Längerfristig werden die erneuerbaren Energien Atom-, Kohle- und Öl-Kraftwerke verdrängen, sagt EWZ-Sprecher Harry Graf. Die europäische Stromsuppe, aus der sich auch Zürich ernährt, wird dann nur noch aus Bio-Rüebli bestehen. An die Energiewende leistet das EWZ so mit den Windanlagen im Ausland einen Beitrag.

Erstellt: 18.03.2019, 10:50 Uhr

Artikel zum Thema

200 Millionen für Wind- und Sonnenenergie

Der Zürcher Gemeinderat will dem Elektrizitätswerk einen Rahmenkredit für alternative Energien gewähren. Kritische Fragen gibt es nur von der SVP. Mehr...

Wie Kantonsregierungen die Windenergie ausbremsen

Die Front gegen neue Windanlagen wächst. Nun streichen selbst Glarus und Appenzell Innerrhoden Projekte. Es herrscht Ausbauflaute. Mehr...

Zürcher Strom für Google Finnland

Die schwedischen Windparks, die das EWZ gekauft hat, produzieren bis 2025 Strom exklusiv für Google. Erst später soll die Stadt Zürich profitieren. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...