Willkommen bei den Shipis

Am Alba-Festival auf der Zürcher Hardturmbrache feiern Albaner aus ganz Europa ihre Pop-Exporte. Die Diaspora ist hier unter sich. Fast.

Der Doppeladler ist präsent, wenn Albaner am 1. Alba-Festival auf der Hardturmbrache ihre Musik feiern.

Der Doppeladler ist präsent, wenn Albaner am 1. Alba-Festival auf der Hardturmbrache ihre Musik feiern. Bild: Raisa Durandi

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Es ist ein Muss. Eines, das tief aus dem Herzen kommt. Wen auch immer man an diesem Samstag auf der Hardturmbrache fragt, alle sagen: «Am Alba-Festival, dem ersten seiner Art in Europa, muss man einfach dabei sein und mit Musik die gemeinsamen Wurzeln feiern.»

Und es sind Scharen, die ihrem Herzen folgen: Der Abend ist jung, und die Sonne brennt noch immer vom Himmel. Dennoch steht ein Grossteil der rund 10’000 Besucherinnen und Besucher vor der Bühne und jubelt Ermal Fajzullahu zu. Den Kosovaren, der eingängigen Pop mit Volksmusikeinschlag singt, kennen alle. Auch, weil sein Vater Sabri, Sänger und Schauspieler, ein Idol der Nation ist.

Die Besucherinnen kommen aus dem Aargau, aus Biel und aus Zürich. Die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, Minderjährigen ist der Zutritt versagt. Auch Liverpool-Fussballstar Xherdan Shaqiri steht auf der Gästeliste. Gut 250’000 Albanisch sprechende Personen leben derzeit in der Schweiz, eine der grössten Gemeinschaft ist rund um Zürich sesshaft.

Einige Besucher sind auch aus Deutschland, Italien, Schweden, den USA und aus Kosovo selbst angereist, um bis am Sonntagabend die 16 Stars der albanischen Musikszene – darunter Rita Ora und Ledri Vula – live zu sehen. Scheinbar alle Fans haben albanische Wurzeln. Shipis unter sich sozusagen. Der beste Ort also, die albanische Seele zu ergründen.

Humor und Spass

Mimoza Lekaj kommt eben von der Bühne zurück. «Hallo Menschen», hat die zierliche 23-jährige Zürcherin der Masse mit kreischender Stimme zugerufen, so, wie sie es auf ihrem Instagram-Kanal täglich tut. Und: «Heisse Stimmung hier, und so viele heisse Chicks.» Die Influencerin, deren Beauty-und Stylingtipps Zehntausende aus dem In- und Ausland folgen, ist das Aushängeschild des Festivals. Mit ihrem collierartigen Umhang über dem kleinen Schwarzen fällt sie auf, auch unter den vielen, tüchtig aufgebretzelten Besucherinnen hier – Make-up, Glitzer, viel nackte Haut. Lekaj sagt: «Wir Albaner zeigen uns gern, sind heimatverbunden, haben Humor und gern Spass. Diese Musik ist die, die wir alle hören, weil wir sie am besten verstehen.»

Mimoza Lekaj ist das Aushängeschild des 1. Alba-Festivals. Bild: Raisa Durandi

Alle? Alle. Auch Safi Qelaj. Der 62-Jährige sitzt den ganzen Abend im erhöhten VIP-Bereich. Ein Teil des Geländes ist für VIPs reserviert. Ein Ticket kostet da 200 statt 130 Franken für beide Tage. Ein Sitzplatz in der weissen Lounge statt auf den Festbänken nebenan 100 Franken pro Person extra, die bediente Lounge auf der gedeckten Terrasse 5000 Franken. Qelaj wurde von seinem Sohn, der das Fest mitorganisiert hat, eingeladen. Er sagt: «Diese Musik verkörpert meine Heimat, die ich vor 45 Jahren verlassen habe. Ich bin so stolz darauf, dass die Jungen dieses Festival auf die Beine gestellt haben.» Neben ihm sitzt Taulant Berisha, der für das Fest aus Pristina angereist ist. «Diese Musik verbindet uns. All diese Künstler hier in der Schweiz zu sehen, ist ein besonderes Gefühl.» Und auch die beiden Mailänderinnen Erjona Sulejmani und Rike Roci wollten sich dieses Fest nicht entgehen lassen. Nach ihrem Urlaub auf Ibiza haben sie dafür einen Zwischenstopp in Zürich eingelegt. «It was a must», sagen sie und tanzen ausgelassen.

Doppeladler auf der Wade

Auf der Bühne steht nun Butrit Imeri. Viele singen mit und filmen sich dabei. Selbst der Müllmann wippt, während er den Sack im Container wechselt. Nicht so Blerina Dermaku. Sie sitzt im Schatten in einer der beiden Shisha-Lounges, wartet auf den Auftritt des Rappers Ledri Vula. «Auch wenn wir hier geboren wurden, wir vergessen unsere Kultur nicht», sagt sie. Es sei das, was sie alle zusammenhalte, auch weil ihnen Gemeinschaft wichtig sei.

Jeton Ramiqi trät den Plis nur an ganz besonderen Anlässen. Bild: Raisa Durandi

Jeton Ramiqi ist einer der wenigen auf dem Areal, die einen Plis, den typischen, weissen Filzhut, tragen. Am 17. Februar letzten Jahres, als Kosovo zehn Jahre Unabhängigkeit gefeiert hatte, trug ihn der 29-jährige Sänger aus dem Aargau das erste Mal. «Dieser Hut, der an unsere Vorfahren, die Illyrer, erinnert, ist ein Teil unserer Tradition.»

Omnipräsent ist der Doppeladler, der die albanische Flagge ziert. Wer für ein Bild posiert, bildet ihn mit den Händen über der Brust oder dem Kopf. Viele tanzen mit den roten Flaggen über den Schultern. Jozef Gjoni hat sich das Symbol seiner Herkunft in die Wade tätowiert. «Wer mich von vorn anschaut, sieht mich als Schweizer. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich viel erreicht», sagt der 37-jährige Schweizer. «Aber ich verberge meine Herkunft nicht.» Schweizer ohne albanische Wurzeln findet man an diesem Fest kaum.

Dann ertönt aus den Lautsprechern eine Frauenstimme. Alle kreischen und beginnen zu singen. Shkurte Fejzas Volkslied «Mora fjalë» ist für Albaner was für uns «Es Burebüebli ma ni nid».

Starkes Konkurrenzdenken

Auf dem Areal patrouillieren auffallend viele Sicherheitsleute. Die Stimmung aber ist friedlich. Selbst an den Drink- und Foodtheken, an denen sich die Fans eine gute halbe Stunde die Füsse in die Beine stehen müssen. Besmir Dupoleva hofft, dass es so bleibt. Er sagt: «Wir sind sehr temperamentvolle Leute. Ich glaube aber, hier geben sich alle Mühe, dass nichts passiert. Sonst heisst es wieder: typisch Albaner.» Das Konkurrenzdenken sei bei den Albanern eben sehr ausgeprägt, sagt der 25-Jährige. «Wir wollen immer besser sein als der andere Landsmann.» Das hat positive Seiten, zum Beispiel, wenn es um die Arbeit geht. Hat es einer von ihnen zu etwas gebracht, spornt das an, es selber noch besser zu machen. Negativ wirkt sich das beim Autofahren aus. «Da will dann einer eben schneller fahren als der andere.»

Hauptsache auffällig. Für die Pailletten-Hose bekommt Arjeta Krasniqi viele Komplimente. Bild: Raisa Durandi

Bei vielen Frauen scheint sich diese Eigenschaft im Äusserlichen niederzuschlagen. Auffälliger als andere ist definitiv Arjeta Krasniqi. Für ihre Meerfrauenhose mit Pailletten erntet die deutsche Influencerin von überall Komplimente. Und sie trägt dieselbe, leicht nach oben geschwungene Sonnenbrille wie Dhurata Dora auf der Bühne.

Es ist bereits dunkel über der Brache, überall wippen Albanerinnen und Albaner im Takt der Musik. Fatlind Demaku will den Moment mit einer Flagge fotografisch festhalten und bittet den Mann neben ihm, das Bild zu schiessen. Und da ist er, der Mann ohne albanische Wurzeln. Marcel Narboni sagt: «Ich habe viele albanische Freunde. Sie sind unsere neuen Schweizer, wie es die Italiener einst waren. Und ein Fest ist ein Fest, deshalb bin ich hier.»

Ledri Vula ist der Star, auf den am Samstag alle warten. Bild: Raisa Durandi

Auf einmal hat es Fatlind Demaku eilig. Er muss näher an die Bühne, Ledri Vula ist da. Narboni bleibt seelenruhig stehen und sagt: «Feiern, das können sie. Besser als wir.»

Erstellt: 30.06.2019, 15:28 Uhr

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