Winzling gewinnt, obwohl SP und SVP zusammenstehen

Selten sind Linke und Rechte in Zürich einer Meinung – doch es nützte nichts: Ein Tierchen namens Widderchen ist wichtiger. In Zürich darf kein neuer Rebberg entstehen.

Er gewann gegen eine selten grosse Allianz im Gemeinderat: Das Widderchen trägt auch den Namen Blutströpfchen. Foto: Vlad Proklov (Flickr)

Er gewann gegen eine selten grosse Allianz im Gemeinderat: Das Widderchen trägt auch den Namen Blutströpfchen. Foto: Vlad Proklov (Flickr)

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Das Gewöhnliche Widderchen hat eine Flügelspannweite von vier Zentimetern und ein Gewicht von wenigen Gramm. Dennoch widersetzt sich der Winzling dem Zürcher Gemeinderat mit seinem kumulierten Lebendgewicht von etwa acht Tonnen. In seltener Einmütigkeit haben SP, SVP, FDP, GLP und CVP im letzten Sommer ein Postulat eingereicht, damit die Wiese unterhalb der Kirche Fluntern zum Rebberg umgebaut werden kann. Sie unterstützen damit ein Vorhaben des Quartiervereins, der Zunft Fluntern und der reformierten Kirchgemeinde, die mit dem Rebbau das Quartierleben stärken und an die Tradition anknüpfen wollen. Bis Ende der 1930er-Jahre befand sich dort ein Rebberg – wie überhaupt am ganzen Zürichberg jahrhundertelang Rebbau betrieben wurde.

Der Stadtrat aber will keinen Rebberg. Er hält die dortige Magerwiese für so wichtig, dass er die ganze Parzelle der Naturschutzzone 1 zugeteilt hat. Magere Wiesen seien in Zürich selten, aber überaus wertvoll wegen des floristischen und faunistischen Artenreichtums. Gegen die Schutzverordnung des Stadtrates rekurrierte ein Anwohner und Rebbaufreund beim Baurekursgericht. Dieses hat jüngst jedoch gegen den Rebberg entschieden, gestützt auf Untersuchungen des Geländes durch externe Fachleute.

Mehrere Arten in Gefahr

Am Kirchhügel gibt es rund 70 verschiedene Pflanzenarten, darunter viel Zottigen Klappertopf, und mindestens 25 Tierarten, insbesondere Heuschrecken und Falter: Hauhechel-Bläuling, Schachbrettfalter, Grosses Ochsenauge, Kurzschwänziger Bläuling, Brauner Feuerfalter oder die Lauchschrecke. Als gefährdet gelten unter anderem die Traubenhyazinthe, der Wiesensalbei, der Weinberglauch – und eben das Widderchen, auch Blutströpfchen genannt oder, gebildeter, Zygaena filipendulae.

«Es muss davon ausgegangen werden, dass die Erstellung des Rebbergs zu einer Reduktion der Populationsgrössen bei Tagfaltern und weiteren Insektengruppen führen wird. Sensible Arten wie etwa das Gewöhnliche Widderchen oder das Grosse Ochsenauge könnten sogar lokal verschwinden», steht in einem Gutachten.

Die geschützte Magerwiese am Zürichberg ist Heimat von 25 Tierarten. Foto: Urs Jaudas

Das Gewöhnliche Widderchen gilt als standorttreu. Seine grosse Population in Fluntern sei von «ausserordentlicher Bedeutung». Seine Individuendichte am Kirchenhügel suche ihresgleichen und sei für zentrumsnahe Gebiete des Schweizer Mittellandes «absolut aussergewöhnlich». Im Kanton Zürich gibt es noch etwa 600 Hektaren Mager- und artenreiche Fettwiesen – ein Prozent der Fläche von 1939. Laut Baudirektion reicht das nicht, um die Magerwiesen mit ihrer Population zu erhalten oder gar zu fördern. Für das Baurekursgericht ist deshalb klar, dass die Schutzverordnung für den Kirchenhügel Fluntern einen wertvollen Beitrag zur Erreichung des kantonalen Naturschutzziels leistet. Der Naturschutz habe in diesem Fall Vorrang vor der kulturhistorischen Bereicherung, die ein neuer Rebberg darstellen würde, oder vor dem zwischenmenschlichen Nutzen, der sich aus der Mitarbeit der Quartierbewohner ergäbe.

Naturschutz und Rebberg schliessen sich laut Gericht aus. Zehn terrassierte Rebenreihen sind vorgesehen mit den Sorten Johanniter und Prior. Viermal im Jahr würden die Reben mit Fungiziden behandelt, die Fahrgassen würden mit Kalium und Magnesium gedüngt. «Aufgrund all dieser Faktoren ist es schwer nachvollziehbar, wie der ökologische Wert des Schutzobjekts mit der Anlage eines Rebbergs erhalten, wenn nicht sogar gesteigert werden könnte.»

Rund um den Kirchenhügel wohnen allerdings auch Leute, die keinen Rebberg wollen. Sie fochten vor drei Jahren die erste Schutzverfügung an, mit der die Stadt einen Rebberg ermöglichen wollte. Und siehe: Der Stadtrat widerrief seine eigene Verordnung mit der Begründung, die Einwände seien fundiert, das Prozessrisiko sei hoch. Im Übrigen müsse die Stadt sparen. Mit einer zweiten Schutzverordnung teilte er dann die ganze Wiese der Naturschutzzone 1 zu.

Vertrauen nicht missbraucht

Für den Nachbar und Rekurrenten, der den Rebhügel will, ist dieser Widerruf ein Verstoss gegen Treu und Glauben und gegen die Rechtssicherheit. Doch das bestreitet das Baurekursgericht in seinem jüngsten Entscheid. Denn die erste Schutzverordnung habe nie Rechtskraft erlangt. Sie aufzuheben, sei zulässig, sofern sich die Anordnung als falsch erweise. Auch könne sich der Rekurrent nicht auf den Vertrauensschutz berufen, denn es gebe in den Akten keine Hinweise, dass die Behörden den Rebberg-Initianten «vorbehaltlose Zusagen» erteilt hätten. Die Initianten können den abschlägigen Entscheid ans Verwaltungsgericht weiterziehen. Ob sie das tun, ist noch nicht entschieden.

Erstellt: 02.06.2016, 09:34 Uhr

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