«Wir leben in einer leichnamfreien Kultur»

Christine Süssmann hat auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld eine Ausstellung über tote Körper organisiert. Gerade weil sich kaum noch jemand damit befassen mag.

«Der Tod wird verdrängt, indem die Toten verdrängt werden»: Christine Süssmann, Leiterin Friedhof-Forum. Bild: PD

«Der Tod wird verdrängt, indem die Toten verdrängt werden»: Christine Süssmann, Leiterin Friedhof-Forum. Bild: PD

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Frau Süssmann, was sollen die Zürcher mit einer Ausstellung über Leichname anfangen?
Die Besucher finden unterschiedliche Möglichkeiten, um über den Umgang mit dem Leichnam nachzudenken. Keine Schockbilder, aber Gelegenheiten, sich dem Thema anzunähern. Es geht zum Beispiel um Rituale, mit denen man sich früher vom Leichnam trennte, um Musik oder statistische Informationen. Man findet auch Filmbeiträge zu Totenkulten in anderen Kulturen, die Asche aus einer Probeverbrennung vor Eröffnung des ersten Zürcher Krematoriums oder ein offenes Grab draussen auf dem Friedhof.

Wieso ist das wichtig?
Weil wir in einer «leichnamfreien Kultur» leben, wie es Corina Caduff, Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste, in ihrem Ausstellungsbeitrag ausdrückt. Und das ist eine ordentliche Verdrängungsleistung, denn in der Schweiz wird alle sieben bis acht Minuten ein Mensch zu einem Leichnam, jährlich sind es rund 65'000 Tote.

Was unterscheidet die berühmt-berüchtigte Ausstellung von den «Körperwelten» des Gunther von Hagens?
Nun, wir sind viel kleiner und haben weniger Zulauf. In den «Körperwelten» sieht man echte Tote. Sie sind zum Teil enthäutet, haben offene Bäuche und veranschaulichen die menschliche Anatomie. Ob eine sterbende oder tote Person in einem musealen Kontext überhaupt einen Platz haben soll, ist eine hoch umstrittene Frage. Der haben wir uns nicht gestellt.

«Von Hagens überspielt mit Toten den Tod – das ist Ausdruck dessen, was wir in der Ausstellung ansprechen wollen.»Christine Süssmann, Leiterin Friedhof-Forum

Von Hagens Tote sind aber gar nicht richtig tot – sie treiben Sport, spielen Schach, haben Sex und sind sogar schwanger. Mit Toten überspielt er den Tod. Das ist nach meinem Verständnis Ausdruck dessen, was wir ansprechen wollten: Der Tod wird verdrängt, indem die Toten verdrängt werden. Der Leichnam ist das einzige materiell greifbare Zeichen des Todes. Wir möchten die Frage in den Raum stellen, ob es ein Gewinn oder ein Verlust ist, dass man diesem klaren Hinweis auf den Tod heute kaum mehr begegnet. Der Leichnam, den wir meinen, betreibt keinen Sport mehr.

Hilft die Ausstellung, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen?
Man kann sie mit dieser Frage wieder verlassen: Was möchte ich noch erleben, bevor ich zum Leichnam werde?

Wie müssen wir uns den theatralischen Rundgang auf dem nächtlichen Friedhof vorstellen, den Sie veranstalten?
In einer Gruppe von 40 Personen werden Sie über den Friedhof geleitet. Sie begegnen drei Schauspielern in unterschiedlichen Rollen. Was Sie erleben, wird Sie vielleicht amüsieren, aber auch nachdenklich stimmen. Wie geht es dem unsterblichen Vampir, wenn seine grosse Liebe auf ewig unerfüllt bleibt? Wie klingt die Liebesszene von Romeo und Julia im Schatten des Todes? Welche letzten Worte hält die verheimlichte Geliebte für einen bereit? Die einstündige theatralische Verführung findet in den Räumlichkeiten des alten Krematoriums ihr überraschendes Ende.

«Der Leichnam», Friedhof-Forum, Mi bis Fr: 12.30–16.30 Uhr. «Amores Mortis», eine nächtliche Verführung durch den Friedhof Sihlfeld: 8. & 9. September, 22 und 23.30 Uhr. Reservation: friedhofforum@zuerich.ch, Tel. 044 412 55 68.

Erstellt: 06.09.2016, 11:24 Uhr

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