«Wir ‹liken› uns in den Hass»

Antisemitismus, Sexismus und Ausländerfeindlichkeit: Der Psychologe Nils Böckler erklärt am Beispiel von Zürich, wie Hass vom Internet auf die Strasse gelangt.

Soziale Medien dienen als Katalysator für extremistische Inhalte.

Soziale Medien dienen als Katalysator für extremistische Inhalte. Bild: Keystone

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Der neue Antisemitismusbericht zeigt: In Zürich kam es letztes Jahr zu zwei physischen Attacken auf Juden. Zweimal traten die Täter in Gruppen auf. Weshalb?
In beiden Fällen handelte es sich um Hate Crimes. Bei dieser Art von Angriffen kennen sich Opfer und Täter in der Regel nicht. Das Opfer wird angegriffen, weil es zu einer bestimmten sozialen Gruppe gehört – es wird sozusagen zu deren Stellvertreter. Der Angreifer wiederum handelt im Namen seiner eigenen Gruppe. Gemeinsam gegen die anderen – das stärkt den Zusammenhalt.

Die Taten scheinen einem abgrundtiefen Hass zu entspringen. Weshalb hasst der Mensch?
Jeder kennt Hass. Gefährlich wird es dann, wenn jemand eine Überlegenheit erzeugen will, die er sonst in seinem Alltag nicht erlebt. Dann besteht die Gefahr einer Hassdynamik: Die Identität und der Selbstwert werden gestärkt, indem man sich über andere Menschen stellt. Der Hass dient dann als Kompass, der die Welt auf einfache Weise strukturiert. Orientierungslose Menschen in Lebenskrisen oder Umbruchphasen sind dafür besonders empfänglich.

«Hass dient als Kompass, der die Welt auf einfache Weise strukturiert.»

Ist Hass erlernbar?
Hass kann eine bewusste Handlungsstrategie zur Wahrnehmung der Umwelt sein und ist als solche erlernbar – innerhalb einer extremistischen Gruppe oder im Alltag. Unsere Gesellschaft wird geprägt durch latent vorhandene, zunächst harmlos erscheinende Vorurteile. Auch Verschwörungstheorien können eine Rolle spielen. Es sind Erklärungsmuster, die teilweise unbewusst erlernt werden und sich zu einem bestimmten Zeitpunkt entladen können. Das Internet kann diese Dynamik zusätzlich verstärken.

Was heisst das genau?
Nehmen wir ein Beispiel: Ein junger Mann sieht einen Fernsehbericht über den Gazakonflikt. Daraus zieht er ein diffuses Hassgefühl und sucht nun nach einer Bestätigung dafür. Im Internet wird er fündig, trifft auf Gruppen, die seine Meinung sogar noch verstärken. Die Struktur von Facebook oder Youtube unterstützt diese Selbstreferentialität: Inhalte werden angeklickt, bewertet, Daumen hochgehalten – und man bekommt immer mehr von dem angeboten, was man für gut befindet. Wir «liken» uns gewissermassen in den Hass.

Rassistische Äusserungen im Internet nehmen stark zu. Weshalb?
Die Anonymität vermittelt uns den Eindruck, nicht strafrechtlich verfolgt werden zu können. Es werden auch flankierende soziale Reize ausgeschaltet: Ich sehe nicht, wie mein Gegenüber reagiert, es gibt weder Mimik noch Gegenreaktion. Das hilft, gewisse Hemmschwellen zu überschreiten. Die Empathie kann dabei auf der Strecke bleiben.

Im Internet werden massenhaft Hassbotschaften verkündet, auf offener Strasse jedoch kaum. Sind die meisten Rassisten Feiglinge?
Den meisten reicht eine Provokation aus der Anonymität heraus. Doch Hass kann süchtig machen. Er ist funktional, sobald er dem Absender gezielte Erleichterung verschafft. Der Hass muss immer wieder erneuert und verstärkt werden. Irgendwann reicht das Internet als Ventil nicht mehr, und der Hass wird auf die Strasse getragen. Das sehen wir beispielsweise bei der islamkritischen Gruppierung Pegida. Wobei dort die Diskurse im Internet wesentlich radikaler ausgetragen werden als diejenigen, die in der Öffentlichkeit zu sehen sind.

«Das Internet ermöglicht, gemeinsam einsam zu sein.»

Wie funktionierte die Radikalisierung vor dem Internetzeitalter?
Wer nicht zum Einzelgängertum verdammt war, stiess in einer regionalen Gruppierung auf Gleichgesinnte. Das Phänomen der Lone Wolves (engl. für: einsame Wölfe) hat mit dem Internet besonderen Auftrieb erhalten. Es ermöglicht, gemeinsam einsam zu sein. Während regionale Strukturen früher das Entscheidende waren, können Ideologien heute online erlernt werden. Nach erfolgter Internetradikalisierung sind viele bereit, weit zu reisen, um sich einer Gruppierung anzuschliessen.

Sie haben die Biografien ideologisierter Gewalttäter analysiert. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Wir konnten drei prototypische Dynamiken zwischen Individuum, Gruppe und Ideologien identifizieren. Zunächst gibt es den Anführertypus, der sehr auf die soziale Aussenwirkung bedacht ist. Die menschenfeindliche Ideologie ist für ihn ein Mittel des Selbstausdrucks, Hass sein wichtigstes Requisit. Eine positive Resonanz verstärkt seine Radikalisierung. Zu ihnen gesellen sich Mitläufer, die leicht beeinflussbar sind – dies, je mehr sie sich in die Abhängigkeit ihrer Mentoren begeben. Die Planung einer Gewalttat erfolgt für sie aus einem Pflichtgefühl heraus. Dann gibt es noch den missionierten Typus.

Was zeichnet ihn aus?
Während sich Anführer und Mitläufer in ihrer Radikalisierung gegenseitig bestärken, neigt der Missionierte am ehesten dazu, Taten allein zu vollziehen. Seine Hinwendung zur Ideologie ist mit etwas Sinnhaftem verbunden. Im Vorfeld der Radikalisierung hat er oft mit einer akuten Persönlichkeitskrise zu kämpfen. Allen Typen gemeinsam ist: Sie brauchen Sündenböcke und ein Regelsystem, das ihnen sagt, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Oft sind es Jugendliche, Ausländer und Secondos, die sich radikalisieren. Weshalb?
Sie befinden sich in einer Umbruchsituation. So auch junge Migranten, die sich in der Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen. Extremistische Gruppen wie der IS nutzen die Irritation, um sie für ihre Ideologie zu gewinnen. Sie sagen: «Die abendländische westliche und jüdische Kultur ist schuld. Sie will nicht, dass du dazugehörst.»

«Die menschenfeindliche Ideologie ist für ihn ein Mittel des Selbstausdrucks, Hass sein wichtigstes Requisit.»

Im vergangenen Jahr verübten 14-Jährige in Zürich einen antisemitischen Angriff. Wie kommt es zu einer derart frühen Radikalisierung?
In diesem Alter verschiebt sich der Lebensmittelpunkt von der Familie zur gleichaltrigen Gruppe. Man stellt sich erstmals Fragen zur Identität und sucht eine politische Einstellung. Ideologien erscheinen zu diesem Zeitpunkt attraktiv, weil sie schnelle und einfache Antworten liefern. Dazu kommt die Macht der Gruppe: In einer Pöbelsituation ist es für Jugendliche besonders schwer, Nein zu sagen.

Was kann dem Antisemitismus – gerade im Internet – entgegengestellt werden?
Der Hass im Internet – egal ob Antisemitismus, Sexismus oder Fremdenfeindlichkeit – muss entschieden bekämpft werden. Etwa durch Organisationen, welche die Internetkriminalität bekämpfen. Monitoring und Meldeverfahren sind dabei eine Strategie. Facebook hat 2016 einen wichtigen Schritt gemacht: Die Plattform hat gemeinsam mit Wissenschaftlern die europaweite «Initiative für Zivilcourage Online» ins Leben gerufen. Diese fördert Nichtregierungsorganisationen im Kampf gegen Onlineextremismus. In der Offlinewelt muss das Problem mittels intensiver Sensibilisierung und Pädagogik bekämpft werden.

Erstellt: 21.03.2016, 13:00 Uhr

Nils Böckler

Der Erziehungswissenschaftler ist Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Seine Schwerpunkte sind unter anderem: Radikalisierungsprozesse terroristischer Einzeltäter und autonomer Zellen sowie die Erforschung von Extremismus und Hass in virtuellen Netzwerken.

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