«Wir produzieren, wo es rentiert»

Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich möchte deutsche Windräder kaufen, mit denen deutsche Kunden versorgt werden. Macht uns das wirklich grüner? EWZ-Chef Marcel Frei findet: Ja.

Der Windpark Schermen in Sachsen-Anhalt, Deutschland. Foto: Selina Meier

Der Windpark Schermen in Sachsen-Anhalt, Deutschland. Foto: Selina Meier

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Das EWZ bittet die Stimmbürger, an der Urne 200 Millionen Franken freizugeben, um in erneuerbare Energien zu investieren. Braucht es für ein Ja einen Etikettenschwindel?
Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Es geht um die Erlaubnis, mit Mitteln, die wir selbst erwirtschaften, neue Anlagen kaufen zu dürfen. Was ist daran unklar?

Der Kredit wird als wichtiger Schritt Richtung 2000-Watt-Gesellschaft verkauft. Als komme die Stadt dieser näher. Tatsächlich fliesst das meiste Geld in Windkraft im Ausland, weit weg von hier.
Ein unmittelbarer Beitrag an die 2000-Watt-Ziele der Stadt ist das vielleicht nicht, aber letztlich läuft es darauf hinaus. Denn es ist ein Beitrag an die gesamte Energiewende – über alle Grenzen hinweg gedacht.

Wäre die ehrliche Botschaft nicht: Lasst uns in deutsche Windkraft investieren, weil sich nur dort Geld machen lässt? Um so die unrentable Wasserkraft querzufinanzieren?
Natürlich haben wir bei solchen Inves­titionen immer unser gesamtes Portfolio im Blick. Aber erstens haben wir die Wasserkraft nicht aufgegeben, sie wird ihre Rolle im Markt wieder finden. Und zweitens blenden Sie aus, dass Europa ein grosser Stromsee ist. Wenn wir in Deutschland oder Schweden in erneuerbare Energien investieren, die in diesen See eingespeist werden, nimmt der Ökoanteil des Sees zu. So steigt die Chance, dass bei uns tatsächlich erneuerbare Energie aus der Steckdose kommt.

Braucht es dazu Investitionen des EWZ in Millionenhöhe? Das Potenzial an der Nordsee, wo es konstant bläst, wird so oder so ausgeschöpft. Weil sich das auszahlt.
Im Prinzip stimmt das. Aber es macht trotzdem einen Unterschied, ob wir selbst investieren oder ob wir das anderen überlassen: Im Bedarfsfall könnten wir die Energie aus unseren ausländischen Anlagen nach Zürich holen.

Der Normalfall ist also, dass Sie im Ausland für Ausländer produzieren?
Ja, und das ergibt auch Sinn. Aber es ist für uns wie eine Versicherung. Sollte es mal dazu kommen, dass wir in der Schweiz nicht genug produzieren für die Stadt Zürich, können wir den Strom von dort holen. Das ist technisch möglich.

Woher nehmen Sie die Gewissheit?
Wir holen seit Jahrzehnten Strom aus Anlagen, die nicht vor der Haustür liegen. Und wir haben vor einigen Jahren in einem Versuch bewiesen, dass wir es schaffen, die Produktionsmenge unserer Anlagen im Windpark Dörmte in Norddeutschland nach Zürich zu leiten.

Als ob Sie die Anlage in Deutschland vom Netz abkoppeln und den Strom direkt nach Zürich leiten würden?
Das geschieht natürlich nur virtuell. Es ist physikalisch gesehen nicht der dort produzierte Strom, den wir hierher­leiten. Den kann man gar nicht nachverfolgen. Aber wir konnten die entsprechende Menge hier in Zürich wieder in unsere Bilanz aufnehmen.

Sie würden also bei Bedarf einfach Ihren Anteil an der europäischen Gesamtmenge einfordern?
Im Prinzip ja. Wir können kurzfristig entscheiden, ob wir den Strom für ­Zürich beanspruchen wollen.

Diese Strommenge würde dann anderswo fehlen. Müssten die Verbraucher in Deutschland selbst schauen, wo sie Ersatz bekommen?
Ja. Im Moment ist das aber nicht nötig.

Ein Drittel der 200 Millionen soll im Inland investiert werden – soweit möglich. Warum leistet das EWZ seinen Ökobeitrag an den europäischen Stromsee nicht hier, wo es sonst keiner tut?
Das Potenzial für Grosswasserkraft in der Schweiz ist erschöpft, jenes für Wind ist beschränkt. Und trotzdem laufen die Kernkraftwerke irgendwann aus. Da gibt es zwei Varianten: Entweder wird man mittelfristig zum Stromeinkäufer und ist dem Markt ausgesetzt. Oder man produziert selber an Standorten, wo das nach wirtschaftlichen Kriterien möglich ist – und hat bei Bedarf einen Anspruch auf diesen Strom.

Sofern nicht in der Zwischenzeit die Regeln geändert werden. Wäre es nicht sicherer, im Inland zu bauen?
Die Regeln können sich auch in der Schweiz ändern. Autarkie-Diskussionen um den Strom müssen wir nicht führen. Wir sind weder bei den Lebensmitteln noch sonst wo autark. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das einzig Richtige: Dort erneuerbaren Strom produzieren, wo man pro investierten Franken am meisten Kilowattstunden rausholt.

Man fragt sich halt: Wer soll bei uns das Potenzial ausschöpfen, wenn es nicht mal die Dienstabteilung einer rot-grün regierten Stadt tut?
Wir machen, was möglich ist. Aber die Planungsphase unserer zwei Windparks im Jura dauert nun schon bald zehn Jahre – ohne dass wir eine rechtsgültige Baubewilligung hätten. Bisher hatten wir nur viele Ausgaben, ohne je eine ­Kilowattstunde Strom zu produzieren. Wenn Sie am Schluss niemanden mehr haben, der diese hohen Kosten trägt, sterben Sie einfach in Schönheit.

Wieso soll niemand mehr zahlen? Stadtzürcher haben ja keine Wahl.
Privatpersonen nicht, aber Grosskunden können ihren Anbieter frei wählen.

Sie wollen pro investierten Franken das Beste rausholen. Deutsche Windenergie ist profitabel, weil Geld aus einem Fördertopf fliesst, in den die Stromkunden einzahlen. Beruht das Geschäft des EWZ darauf, ausländische Fördergelder abzuschöpfen?
Klar, aber das gilt für viele andere Investoren genau gleich. Immerhin können wir uns zugutehalten, dass wir Pioniere waren und dort schon sehr früh investiert haben. Irgendjemand musste damit ja anfangen. Übrigens zahlen Sie auch in der Schweiz für den Strom einen zusätzlichen Betrag, mit dem via KEV erneuerbare Energien gefördert werden.

Wie lange wird das EWZ für seine bestehenden Windkraftanlagen noch Fördergelder bekommen?
Die sind uns gesetzlich zugesichert, je nach Alter der Anlage für die nächsten 15 bis 20 Jahre.

Wie viel lässt sich so verdienen?
Die Rendite beträgt 3 bis 5 Prozent.

Wie sieht es aus, wenn es künftig keine Fördergelder mehr gibt?
Dieses Jahr gab es erstmals einen Zuschlag für ein Projekt ohne Fördermassnahmen. Es wird also weiter investiert – was zeigt, dass sich Geld verdienen lässt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 13:38 Uhr

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Marcel Frei


Der Direktor der Stadtzürcher Elektrizitätswerke EWZ steht rund 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor.

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