«Wir waren Exotinnen»

Corine und Ursula Mauch haben sich «Die göttliche Ordnung» angesehen. Die Zürcher Stadtpräsidentin und ihre Mutter erinnern sich an ihre Familiengeschichte.

Zwei Generationen Feminismus: Corine (56) und ihre Mutter Ursula Mauch (81). Foto: Doris Fanconi

Zwei Generationen Feminismus: Corine (56) und ihre Mutter Ursula Mauch (81). Foto: Doris Fanconi

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Petra Volpes Film über das Frauenstimmrecht ist der Überraschungshit in diesem Frühling. In der deutschen Schweiz wird heute die hunderttausendste Zuschauerin erwartet. Auch das Filmpodium war am Mittwoch proppenvoll. Dort gab es zwei prominente Zuschauerinnen: Stadtpräsidentin Corine Mauch (56) und ihre Mutter. Die 81-jährige Ursula Mauch war in den 80ern eine der be­kanntesten Schweizer Politikerinnen. Sie sass für die Aargauer SP im Nationalrat und war die erste Frau, die eine Fraktion im Bundeshaus leitete.

Ursula Mauch ist eine Feministin der 68er-Generation. Ihre Tochter hat ihre überzeugte Haltung einer gleichberechtigten Frau übernommen. Als Mutter und Tochter nach der Vorstellung auf dem Podium Platz nahmen, war es daher selbstverständlich, dass sie ihre ­Pussy-Hats auf dem Kopf hatten.

Wie haben Sie als Mutter und Tochter das Jahr 1971 erlebt?
Ursula Mauch: Wir lebten damals als Familie mit drei Kindern in den USA. Als das Frauenstimmrecht in der Schweiz angenommen wurde, erklärte ich das voller Stolz unseren Nachbarn. Diese fanden es unglaublich, dass dieser Prozess so lange gedauert hatte. In den USA gibt es das Frauenstimmrecht seit 1920.
Corine Mauch: Ich war damals elf Jahre alt. Mir war gar nicht bewusst, dass Frauen kein Stimmrecht hatten. In meiner Familie gehörte Politik zum Alltag. Meine Mutter war schon 1967 politisch aktiv geworden. 1971 liess sie sich als Ständerätin für den Aargau portieren, allerdings erfolglos. Ich erinnere mich noch, wie wir mit unserem Auto vor einer Scheune anhielten, um das Wahlplakat meiner Mutter zu fotografieren. Das fanden wir lustig.

Der Film zeichnet das Bild eines enorm beengenden und biederen Milieus. Was löst das bei Ihnen aus?
Ursula: Ich habe es nicht so dramatisch erlebt. Mein Vater war ein Befürworter des Frauenstimmrechts und behandelte Frauen als gleichberechtigt. Meine Mutter war berufstätig, ebenso etliche Mütter aus meiner Primarschulzeit.
Corine: Ich verstehe mich als Feministin, und es berührt mich, dass der Film zeigt, wie mutig die Frauen waren. Sie mussten unglaublich viel aushalten. Ich bin dankbar, dass es so selbstver­ständlich ist, dass ich all diese Rechte habe, die sie damals nicht hatten.

Haben Sie unter Ihrer beruflich und politisch aktiven Mutter gelitten?
Corine: Im Gegenteil. Ich habe von meiner Mutter profitiert, weil ich sehen konnte, wie sie alles aneinander vorbeibringt. Sie wurde für mich zum Vorbild.
Ursula: Das stimmt so nicht ganz. Du hast dich manchmal auch beklagt, dass alle andern Mütter deiner Klassenkameradinnen zu Hause sind, nur deine nicht.

Hat Sie das gestört, dass Ihre ­Familie so anders war als die anderen?
Corine: Wir lebten im aargauischen Oberlunkhofen, damals ein 500-Seelen-Dorf. Wir waren Exotinnen. Das Dorf war katholisch und wir protestantisch. Als ich zum ersten Mal in Hosen zum Unterricht ging, sagte der Lehrer: «Geh nach Hause und zieh dich anständig an.» Zu Hause war meine Mutter über den Lehrer äusserst empört und schickte mich in die Schule zurück – in der Hose.

Im Film wird ein Sohn der Heldin Nora gehänselt. Wurden Sie ­gehänselt oder beneidet wegen Ihrer Mutter?
Corine: Jeweils montags unterrichtete meine Mutter an der Gewerbeschule Physik und Chemie. Für meinen Vater war das selbstverständlich. Meine Mutter stellte für meine Brüder und mich immer etwas in den Ofen, das wir nur aufwärmen mussten. Um diese Freiheit beneideten mich meine Kolleginnen.

Hat Ihr Mann auch Familienarbeit übernommen?
Ursula: Sagen wir es so: Seine Unterstützung war mehr moralischer Art. Den Rest habe ich immer selber gemacht.

Haben Sie im Rückblick den ­Eindruck, als Berufsfrau, ­Politikerin oder Mutter in der Familie etwas verpasst oder falsch gemacht zu haben?
Ursula: Wie alle Menschen habe ich auch einige Sachen falsch gemacht. Als Mutter habe ich jedoch nichts verpasst.

Nora erlebt bei ihrer ersten ­politischen Veranstaltung ein ­Desaster. Wie waren Ihre ersten politischen Erfahrungen?
Corine: Ich war immer eine politisch denkende Frau, engagierte mich in Basisbewegungen wie der Anti-AKW-Bewegung, in der Frauenbefreiung und nahm an Demonstrationen teil. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich als Abfall- und Umweltbeauftragte in Uster mit dem damaligen SP-Stadtrat Ludi Fuchs. Er wusste alles über die Stadt. Das machte mir den Nutzen eines nationalen Partei-Netzwerks bewusst, und ich trat der SP bei.

Welche politischen Meilensteine gab es für Sie nach 1971?
Ursula: 1974 wurde ich als Mitglied in den Grossen Rat gewählt. Mein Thema war kein frauenspezifisches, sondern die Energiepolitik. In diesem Gremium spielte es keine Rolle, ob man eine Frau oder ein Mann war. Was zählte, war Fachkompetenz. Als es 1988 ums neue Eherecht ging, war ich sehr besorgt. Zuständig war Bundesrat Rudolf Friedrich. Doch zu meiner Überraschung engagierte er sich für das neue Eherecht, was ich ihm nie zugetraut hätte. Er bewies, dass selbst anders denkende Menschen sich verändern können.

Wie erlebten Sie die Nichtwahl der Gewerkschafterin Christiane Brunner in den Bundesrat 1993?
Ursula: Den Vogel schoss Alt-Bundesrat Stich ab, der einst Liliane Uchten­hagen als Bundesrätin verhindert hatte. Er erklärte später Francis Matthey, dem männlichen Mitkandidaten von Christiane Brunner, es sei nun Zeit, dass eine SP-Frau in den Bundesrat gewählt werde. Brunners Nichtwahl gab einen enormen Aufschwung, was Frauen­themen und -forderungen betraf. Man wusste, jetzt passiert etwas, das man nicht verpassen darf.

Am Samstag sind 15'000 Frauen und Männer an einer Frauen-Demo in Zürich mitmarschiert. Hat Sie das an die Neunzigerjahre erinnert?
Corine: Die Forderungen haben sich kaum geändert. Frauen und auch Männer haben zwar in der Zwischenzeit viel erreicht, aber noch lange nicht die Gleichstellung. Die Lohnungleichheit ist diskriminierend, im Stadtrat sitzen bloss zwei Frauen im neunköpfigen Gremium. Im Moment glaube ich, dass wir – was Frauen betrifft – aufgrund von Donald Trump wieder aufgerüttelt werden. Wir müssen unsere Errungenschaften verteidigen. Damit die Energie nicht verpufft, müssen wir weiterkämpfen, hinstehen und hartnäckig sein.

Wie erleben Sie die momentane Situation?
Ursula: Was weltweit abläuft, empfinde ich eher als Rückschritt für die Frauen. Das beschäftigt und erinnert mich an die 80er-Jahre. Auch damals fuhren die Männer die Ellbogen aus, wenn es etwa in der Verkehrspolitik um wichtige Kommissionen ging. Nun habe ich erneut den Eindruck, dass sich Männer in den Vordergrund drängen. Wie das weitergehen soll, weiss ich nicht. Wir Frauen müssen erneut aufholen.

Erstellt: 24.03.2017, 06:45 Uhr

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