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Wird das Waidspital vom Triemli übernommen?

Der neue Direktor der beiden Zürcher Stadtspitäler, André Zemp, tritt Befürchtungen entgegen, das Waid werde geschwächt.

Susanne Anderegg
Die hausärztliche Notfallpraxis im Waidspital war die erste im Kanton. Foto: Nicola Pitaro
Die hausärztliche Notfallpraxis im Waidspital war die erste im Kanton. Foto: Nicola Pitaro

Es war ein Paukenschlag, und er kam überraschend: Am 20. September verkündete der neue ­Zürcher Gesundheitsvorsteher Andreas Hauri (GLP) vor den ­Medien, dass Triemli-Direktor André Zemp ab sofort beide Stadtspitäler leite und Waid-­Direktor Lukas Furler frühzeitig in Pension gehe. Von der zusammengelegten Leitung verspricht sich Hauri ein «schnelles und konsequentes Handeln», wie er sagte. Dieses sei nötig, um die beiden Spitäler aus den roten Zahlen zu führen.

Beim Triemli hat sich die ­finanzielle Schieflage nach der Inbetriebnahme des überdimensionierten neuen Bettenhauses akzentuiert, dem Waidspital machte in jüngster Zeit ein markanter Fallrückgang zu schaffen. Laut dem neusten Trimester­bericht des Stadtrats haben sich im Waid in den ersten acht ­Monaten des laufenden Jahres 6,5 Prozent weniger Patientinnen und Patienten stationär behandeln lassen als in der ­gleichen Vorjahresperiode; 2017 war die Zahl der Fälle auch schon um 4 Prozent gesunken.

Nachricht löste beim Personal grosse Unruhe aus

Für Hauri ist André Zemp der richtige Mann, um das Ruder herumzureissen, hat doch der frühere Unternehmensberater seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr im Triemli die Effizienz ­bereits erhöht. Im Waidspital schlug die Ernennung des neuen Super-Direktors wie eine Bombe ein. Sie löste in der Belegschaft Unruhe und Unsicherheit aus. Man befürchtet, das grosse Triemli werde das kleine Waid übernehmen. Und man sorgt sich, dass die besondere Betriebskultur des Waidspitals verloren gehen könnte.

Diese Sorge haben auch die Hausärztinnen und Hausärzte von Zürich-Nord, die eine gute Zusammenarbeit mit dem Waidspital pflegen. Seit über 20 Jahren treffen sie sich mit den Kaderärzten des Spitals regelmässig zum Austausch, es gibt eine institutionalisierte Kontaktgruppe. Das Spital organisiert Fortbildungen nach den Bedürf­nissen der Hausärzte, es hat als erstes im Kanton eine hausärztliche Spital-Notfallpraxis eröffnet und einen elektronischen Datenaustausch mit den Praxisärzten etabliert.

«Die Strategie ist, beide Spitäler mit je eigenen Spezialisierungen zu stärken.»

André Zemp, Super-Direktor

Laut Beda Basler, Mitglied der Kontaktgruppe und langjähriger Hausarzt in Seebach, zeichnet sich das Waidspital durch zwei Besonderheiten aus: «Es hat eine breit aufgestellte Innere Medizin, welche die oft mehrfach Kranken sehr kompetent und gesamtheitlich behandelt, wenn nötig unter Beizug der Spezialisten. Und der Umgang miteinander ist sehr menschlich.»

Nach Bekanntwerden des neuen Regimes schrieb Basler zusammen mit Kolleginnen einen offenen Brief an Hauri, Zemp sowie den Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP). «Es steht zu befürchten, dass mit den von der Politik formulierten Forderungen und Zielsetzungen das Waidspital schrittweise ausgeblutet und totgeschrumpft werden könnte», schreibt die Ärztegruppe. Das sei «ein Horrorszenario für uns und wohl auch für grosse Teile der Bevölkerung des Einzugsgebiets». Es fehle der Weitblick, zumal der Stadtrat in seinen neusten Bevölkerungsprognosen für Zürich-Nord und Zürich-West ein Wachstum um rund 100'000 Personen voraussage.

Im Waid wird sorgfältig geprüft, ob eine OP nötig ist

Die Hausärztinnen und Hausärzte kritisieren die widersprüchliche Gesundheitspolitik: «Gut soll also der Chirurg sein, der möglichst viel operiert. Der generiert dem Spital viel Ertrag und senkt die Gestehungskosten. Andererseits kommen dann mit schöner Regelmässigkeit die Klagen, es würden zu viele Eingriffe durchgeführt.» Aus Sicht der Haus­ärzte ist ein anderer Chirurg gut. Einer, der nicht nur das Handwerk beherrscht, «sondern die Indikation richtig und zum richtigen Zeitpunkt stellt, gut informiert, die Betreuung vor und nach der Operation gewährleistet und interdisziplinär gut vernetzt ist».

Im Waidspital sei Vernetzung nicht nur ein Schlagwort, sondern werde gelebt, schreibt die Gruppe. Ob eine Operation nötig sei oder nicht, werde sehr sorgfältig geprüft und mit den Patienten besprochen. Die Alters- und Palliativmedizin sei ebenfalls «hervorragend», aber leider tariflich schlecht gestellt. Und, was den Allgemeinmedizinern auch wichtig ist: Im Waid dürfe man auch sterben, wenn die Zeit gekommen sei. «Dieses Stadt­spital ist heute so gut wie noch nie», schreiben die Hausärztinnen und Hausärzte. Sie warnen die Verantwortlichen eindringlich vor einem «Kahlschlag».

«Das Ärztekader von Waid und Triemli ist gleichermassen in die zukünftige Ausrichtung involviert.»

André Zemp, Super-Direktor

Stadtrat Hauri und Spitaldirektor Zemp haben auf den Brief reagiert und die Hausärztegruppe auf Anfang Dezember zum Austausch eingeladen. Inzwischen hat Zemp die zuweisenden Ärztinnen und Ärzte schon einmal beruhigt und über den Stand der Dinge informiert. Es seien spitalübergreifende Projektgruppen gebildet worden, die nun an einer gemeinsamen Angebotsstrategie arbeiten würden. «Das Ärztekader von Waid und Triemli ist gleichermassen in die zukünftige Ausrichtung involviert», schrieb Zemp. Die Kooperation der zwei Spitäler solle für alle ein Gewinn sein.

Der Befürchtung, dass die Zukunft des Stadtspitals Waid gefährdet sein könnte, tritt Zemp entschieden entgegen: «Das ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Waid-Notfall beispielsweise soll gestärkt, Spezialdisziplinen wie die Altersmedizin ausgebaut und neue Sprechstunden lanciert werden.»

Keine Reduktion auf ein Altersspital

Gegenüber dem TA bekräftigt André Zemp diese Aussagen: «Wir wollen das Waid nicht aufgeben, und wir wollen es auch nicht auf ein Altersspital reduzieren.» Eine solche Ausrichtung, die schon verschiedentlich in die politische Diskussion gebracht wurde, wäre laut Zemp weder ökonomisch noch medizinisch sinnvoll: «Nur rund 1000 von 9000 stationären Patienten des Waid sind akutgeriatrische Fälle. Zudem funktioniert die Geriatrie nicht ohne Innere Medizin und Chirurgie.» Die Strategie sei, beide Spitäler mit je eigenen Spezialisierungen zu stärken. Wie diese aussehen werden, sei in Erarbeitung. Erste Entscheide stellt Zemp für Januar in Aussicht.

So lange bleibt die Unsicherheit für das Personal bestehen. Wo arbeite ich nächstes Jahr? Braucht es mich dann überhaupt noch? Das fragen sich im Waidspital viele. Vom ärztlichen Kader hat in den vergangenen Wochen zwar niemand gekündigt, doch in der Administration sind drei Kaderfrauen gegangen: die Leiterinnen Finanzen, Direktionsstab und Medizincontrolling. Die Finanzchefin wechselt zur Schulthess-Klinik. Serviceabteilungen wie Controlling, Personalwesen, IT oder Einkauf sollen zusammengeführt werden, so wie es auch nur noch eine Spitalleitung für Triemli und Waid gibt. Wer darin neben André Zemp Platz nimmt, ist noch nicht entschieden.

Hausarzt Beda Basler ist heute immerhin etwas zuversichtlicher als noch vor einem Monat. «Unsere Sorgen sind angekommen, und wir haben die Absichtserklärung gehört, dass das Waid ein Akutspital bleibt.»

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