Droht der Rosengartenstrasse das Gleiche wie der Weststrasse?

Der Verkehr verschwand an der Weststrasse, die Preise stiegen rasant an. Neue Zahlen zeigen, wie sich das Quartier beim Rosengarten entwickelt.

Immobilienentwickler schwärmen von der sonnigen Hanglage: Baugespann an der Rosengartenstrasse 28. Foto: Doris Fanconi

Immobilienentwickler schwärmen von der sonnigen Hanglage: Baugespann an der Rosengartenstrasse 28. Foto: Doris Fanconi

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Nach dem Verkehr kam die Verteuerung. Und sie prägte die Weststrasse genauso stark wie die Autos. Kaum war Anfang der Nullerjahre bekannt geworden, dass man die Weststrasse von einer Stadtautobahn zur Tempo-30-Zone beruhigen würde, ging das Rennen um die Häuser los. Die meisten wurden verkauft und/oder umgebaut. Die Preise stiegen rasant, viele bisherige Bewohner mussten wegziehen. Die Verkehrsbefreiung war auch eine Vertreibung.

Es wäre nicht erstaunlich, wenn an der Rosengartenstrasse bald das Gleiche passierte. Dort soll der Verkehr unter den Boden kommen, auch dort würden Vögel zwitschern, wo vorher Autos lärmten. Letzte Woche haben Regierungs- und Stadtrat ihren Willen bekräftigt, den 510 Millionen Franken teuren Rosengartentunnel zu bauen.

Ein Trend sieht anders aus

Trotzdem bleibt es ungewiss, ob die Autos beim Wipkingerplatz je in einem Loch verschwinden. Links-Grün lehnt den Tunnel ab, die SVP bisher auch. Diese politische Unsicherheit scheint die Immobilieninvestoren abzuschrecken. «Im Quartier rund um die Rosengartenstrasse werden nach wie vor nur sehr wenige Objekte zum Verkauf angeboten», sagt Robert Weinert von der Immobilien-Beratungsfirma Wüest Partner. Wahrscheinlich hätten die Eigentümer keine erhöhte Motivation, ihre Wohnungen zu verkaufen, da sich die Wohnqualität in Zukunft erhöhen könnte. Auch bei den Mietwohnungen hätten sich die Preise in Wipkingen während des letzten Jahres kaum verändert. Es lasse sich sogar ein leichtes Sinken feststellen.

Statistik Stadt Zürich hat für den TA Handänderungen ausgewertet. Sie fanden an jenen Abschnitten der Rosengarten- und der Bucheggstrasse statt, die direkt vom Tunnel profitieren würden. Seit der Regierungsrat das Projekt im Mai erstmals vorstellte, wechselten dort drei Häuser ihren Eigentümer. In den neun Monaten zuvor waren es zwei gewesen. Ein Trend sieht anders aus.

Der geringe Umschlag erklärt sich teilweise auch damit, dass an beiden Strassen mehrere Genossenschaftssiedlungen stehen. Sie sind unverkäuflich.

Studenten ist der Lärm egal

Gleichzeitig gibt es Investoren, die an das Potenzial des Gebiets rund um die Rosengartenstrasse glauben – auch ohne Tunnel. Sie reden von Pionierland, schwärmen von zentraler, sonniger Hanglage. Die Zuger Immobilienfirma Fundamenta Real Estate AG will an der Rosengartenstrasse 28 ein Haus mit 29 Mietwohnungen bauen. Dieses Grundstück liegt allerdings nicht direkt an der Rosengartenstrasse, sondern zurückversetzt in der zweiten Reihe.

Ein noch grösseres Projekt plant die Stiftung für studentisches Wohnen. Auf einer heute freistehenden Wiese – direkt neben der Rosengartenstrasse – erstellt sie eine Siedlung mit 130 Zimmern für Studierende. Die Bauarbeiten sollen in diesem Sommer beginnen. Ob die Verkehrsberuhigung kommt oder nicht, sei für das Projekt nicht zentral, sagt Geschäftsführerin Rebecca Taraborrelli. «Wir haben den Lärm bewusst in Kauf genommen, weil wir wussten, dass für Studierende Aspekte wie Preis und Nähe zu den Hochschulen wichtiger sind.»

«Drinnen ist es verblüffend ruhig»

Der Lärm schreckt aber auch reichere Menschen nicht mehr ab. Gleich gegenüber der geplanten Studierendensiedlung liegt der bereits fertige Neubau der Immobilienfirma Matma. Er besteht aus 19 Eigentumswohnungen, die sich – trotz 56'000 vorbeifahrender Autos pro Tag – leicht verkauften. «Letzten Mai war Einzugstermin. Ich habe noch keine einzige Reklamation bekommen, dass es zu laut sei», sagt Matma-Chef Marcel Mathys.

Grund für die Zufriedenheit sei eine stark lärmdämmende Bauweise. «Drinnen ist es verblüffend ruhig. Mit verbundenen Augen würden Sie niemals merken, dass Sie sich direkt an der meist befahrenen Strasse der Schweiz befinden», sagt Mathys. Dies habe man unter anderem dank doppelten Haustüren und dicken Fenstern erreicht. Auch auf den Terrassen hinter dem Haus sei es dank dem vielem Grün in der Umgebung vergleichsweise leise. In den alten Häusern der Nachbarschaft dagegen gestalte sich die Lärmsituation katastrophal.

Mathys sagt, dass er sofort wieder ein Projekt an der Rosengartenstrasse anpacken würde. Doch mittlerweile hätten auch andere Investoren gemerkt, dass man dort relativ problemlos bauen könne. «Das hebt die Preise. Aber von einem Boom kann man nicht reden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2017, 08:41 Uhr

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