Wo das Trottoir bereits rollt

Zürichs Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger möchte das Hochschulgebiet mit Rollbändern und -treppen erschliessen.

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Man kennt sie von Flughäfen, U-Bahn-Stationen oder Supermärkten: Rollbänder, die Personen schneller von einem Ort zum andern bringen. Solche Förderbänder möchte Zürichs Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) am liebsten auch in der Limmatstadt montieren. Vor kurzem präsentierte er die Idee des «Polyflow» – ein fahrendes Band, das Personen vom Central, Hirschengraben oder entlang der Rämistrasse ins Hochschulquartier brächte, dem ein Wachstumsschub bevorsteht. Interessant: Bereits 2008 war es die FDP, die vor der Abstimmung über die Tramverlängerung beim Zoo die Idee eines 250 Meter langen Rollbands von der Tramhaltestelle zum Zooeingang lancierte, allerdings erfolglos.

Basken machens vor

Was Leutenegger jetzt fürs Univiertel vorschwebt, ist in einigen ausländischen Städten bereits Wirklichkeit. Etwa in Vitoria-Gasteiz im spanischen Baskenland. Dort verbinden seit 2007 sieben Fahrsteige mit einer Steigung von sechs bis zwölf Grad das moderne Stadtzentrum mit der mittelalterlichen Altstadt. Die Rollbänder sind mit einer Glas-Stahl-Konstruktion überdacht und kosteten 3,7 Millionen Euro.

Anschauungsunterricht erhielt Leutenegger in einer weiteren Stadt im Baskenland: In Portugalete bei Bilbao ist ebenfalls seit einigen Jahren ein rollendes Trottoir in Betrieb. Fündig würde der Stadtrat auch in Hongkong, wo sich einer der längsten und berühmtesten «outdoor moving walks» befindet: die «Central Mid-Levels Elevators», die schon im mehreren Filmen als Kulisse dienten. Das 1993 eröffnete System aus 20 hintereinander gestaffelten Rolltreppen und 3 Förderbändern überwindet eine Distanz von 800 Metern und eine Höhendifferenz von 135 Metern.

«Es handelt sich um ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, was mit solchen Fahrsteigen zur Beförderung von grösseren Menschenmengen auch innerhalb von Städten machbar ist», sagt Florian Meier, Sprecher des Schweizer Liftbauers Schindler, vom dem die Hongkonger Anlage notabene nicht stammt.

In Freizeitparks und Skigebieten

Ein weiteres Beispiel eines speziellen Personenförderbands findet sich im Samsung Everland im südkoreanischen Seoul, einem der weltweit grössten Freizeitparks. Kürzere Varianten gibt es auch in Zoos sowie in Skigebieten.

Rolltreppen- und Lifthersteller wie Thyssen Krupp, Otis oder Schindler setzen vermehrt auf diese Art von Personentransport in Städten und tüfteln an neuen Technologien. So stellt etwa Thyssen Krupp seit einiger Zeit Förderbänder mit variabler Geschwindigkeit her. Kurz nach dem Betreten erhöht sich das Tempo und sinkt kurz vor dem Verlassen wieder. Den Tempowechsel möglich macht ein spezielles Palettenband, wie Sprecher Michael Ridder erklärt. Im Eingangsbereich liegen die Paletten eng übereinander, bei steigender Geschwindigkeit ziehen sie sich auseinander, um sich gegen Ende wieder zusammenzuschieben. Ein solches High-Speed-Rollband ist etwa im Flughafen im kanadischen Toronto in Betrieb.

Viele Städte setzen auf Rolltreppen zur besseren Erschliessung höher gelegener Quartiere. Freiluftrolltreppen finden sich etwa in Barcelona, Neapel oder Toledo. Eine solche Lösung käme auch in Zürich für die Strecke Central–Uni in Betracht. «Wir sehen keine bautechnischen Probleme, eine Höhendifferenz von 40 Metern zu überwinden», sagt Pio Sulzer, Sprecher des Tiefbaudepartements. Zum Vergleich führt er die Metro Sankt Petersburg an, wo Höhenunterschiede von 50 bis 75 Metern per Rolltreppen überwunden werden. Allerdings müsste man in Zürich prüfen, wie viele Zwischenpodeste es aufgrund der Rolltreppenlänge brauchen würde. Laut den Herstellern sind Freiluftlösungen technisch möglich, wobei eine Glashülle Vorteile für den Unterhalt und hinsichtlich Komfort der Passagiere bringt.

Lift als Verkehrsmittel

Förderband und Rolltreppe sind nicht die einzigen Ideen des Tiefbauamts zur Erschliessung des Univiertels. So könnte auch das Parkhaus Central umgebaut werden und via grossen Lift Fussgänger und Velofahrer auf den Hügel bringen. In Anlehnung an die Porta Alpina trägt dieser Vorschlag den Arbeitstitel «Porta Scientifica». Ähnlich gestaltet sich die Vision einer Erschliessung vom geplanten vierten Gleis im Bahnhof Stadelhofen oder vom früheren Letten-Bahntunnel her. Pio Sulzer: «Es handelt sich um Ideen, nicht um konkrete Projekte, deshalb lassen sich auch die Kosten noch nicht beziffern.»

Aufzüge dienen bereits heute mancherorts als Verkehrsmittel im öffentlichen Personennahverkehr. In Bern führt der Mattelift seit 1897 von der Badgasse auf die Münsterplattform. In Lissabon verbindet der Elevador de Santa Justa seit 1902 die Unterstadt mit der Oberstadt, ähnlich wie der Schnellaufzug in der brasilianischen Metropole Salvador.

Experte: «Interessanter Ansatz»

Der Zürcher ETH-Professor und Verkehrsexperte Ulrich Weidmann hält die von Leutenegger präsentierte Vision zur Erschliessung des Hochschulgebiets für einen «interessanten Ansatz». Das sollte man weiterverfolgen, erklärte er auf Anfrage. Rollbänder und -treppen könnten ein leistungsfähiges Verkehrsmittel sein und das Tram entlasten. Geeignet seien sie vor allem dann, wenn es darum geht, über kurze Distanz einen Höhenunterschied zu überwinden.

Rollbänder in Städten sind allerdings nicht unumstritten. So gab es in Vitoria Diskussionen um eine Verschandelung des historischen Stadtbildes. Laut Schindler-Sprecher Florian Meier wird in einschlägigen Foren auch rege über den Aspekt der Gesundheitsförderung diskutiert. Etwa über die Frage, ob die Förderbänder angesichts von Bewegungsmangel und Übergewicht wirklich Sinn machen oder bloss der Bequemlichkeit Vorschub leisten. Eine amerikanische Studie kam schon 2009 zum Schluss, dass Reisende in Flughäfen auf den dortigen Förderbändern ihr Tempo lieber verlangsamen, um Energie zu sparen, statt schneller zu den Gates zu gelangen.

Erstellt: 07.02.2016, 20:40 Uhr

Vorbild für Zürich? Die Rolltreppe im spanischen Vitoria-Gasteiz. (Javier Larrea/Prisma)

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