Wo der Bauarbeiter untendurch muss

Dumpinglöhne, lange Arbeitszeiten und keine Spesen: Eine Karte zeigt Zürcher Baustellen, auf denen es nicht mit rechten Dingen zu- und herging.

Die Karte zeigt eine Auswahl von Zürcher Grossbaustellen, auf denen die Unia in den letzten zwei Jahren Lohndumping aufdeckte. Die Verstösse erfolgten in der Regel durch Subunternehmen.


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Mehrere Tausend Bauarbeiter legten gestern in Zürich ihre Arbeit nieder, zogen durch die Innenstadt und versammelten sich schliesslich zu einem kulinarischen Sit-in in der Haupthalle des Zürcher Hauptbahnhofs. Die Hauptsorge, welche die meisten umtrieb, war die Finanzierung des Rentenalters 60. «Unsere Körper sind ausgelaugt», sagte ein älterer Demonstrant in die Kamera von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Lohndumping kam dabei nur am Rande zur Sprache. Dabei ist das Thema brandaktuell. So steht zurzeit eine Lohndumping-Initiative der Unia in der Pipeline, welche die Baubranche hart treffen würde. Darüber hinaus liess im Oktober Baumeister-Präsident Gian-Luca Lardi verlauten: «Ja, es gibt ein Problem mit dem Lohndumping», sagte er gegenüber dem «SonntagsBlick». Es war das erste Mal, dass ein hoher Vertreter der schweizerischen Baubranche diesen Begriff – der zuvor nur im Wortschatz der Gewerkschaften existierte – in den Mund nahm. Lardi schreckte auch nicht davor zurück, das Problem regional zu verorten. Vor allem das Tessin, die Westschweiz und der Grossraum Zürich seien von Lohndumping betroffen.

«Zustände wie im Wilden Westen»

Die Gewerkschaften wählen für das Problem naturgemäss deutlichere Worte: «Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass es immer schlimmer wird. In der Zürcher Baubranche herrschen Zustände wie im Wilden Westen», sagt Lorenz Keller, Mediensprecher der Unia Zürich-Schaffhausen. Wenn auch die Worte etwas gar pointiert gewählt sind, so erscheinen jene Zahlen, die verfügbar sind, bemerkenswert. Die Arbeitskontrollstelle für den Kanton Zürich (AKZ) verzeichnete allein im letzten Jahr 3500 Fälle, bei denen Verdacht auf Verletzung des Gesamtarbeitsvertrags besteht.

«Und wir stellen auch dieses Jahr eine Zunahme beim Lohndumping fest», sagt Keller. Ein Hauptgrund, weshalb es auf Baustellen zu Lohndumping kommt, verortet die Unia in der komplexen Firmenverflechtung, die vor allem auf Grossbaustellen herrsche. So würden auf den Baustellen immer mehr Tätigkeiten an lange Ketten von Subunternehmen abdelegiert. «Im Bauhauptgewerbe ist die Stammbelegschaft der bekannten Grossfirmen meist korrekt bezahlt», sagt Keller. Es würden einfach alle nur möglichen Arbeiten und damit der Kostendruck an Subunternehmen ausgelagert, wo es dann zu Lohndumping käme. «Im Moment mit vielen Firmen aus Osteuropa», sagt Keller.

Lange Vertragsketten

Die Bauherren verlören bisweilen selbst die Übersicht. Was sich in der Vertragskette zwischen einem Generalunternehmen in der Schweiz und einem Subunternehmen in beispielsweise Zagreb abspiele, sei schwer durchschaubar: «Es verliert sich irgendwo auf dem Weg nach Kroatien», sagt Keller.

Wittert die Unia Verdacht, so wirkt sie der Situation mit Baustellenschliessungen entgegen. In Zürich sorgten dieses Jahr mehrere Vorfälle für Aufsehen. Im vergangenen Februar etwa schloss die Gewerkschaft innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Grossbaustellen. Kurz nachdem sie den Arbeitern den Zugang zum Hotel Atlantis verwehrte, zog sie weiter und schloss die Grossbaustelle Limmattower in Dietikon.

Nicht der gleiche Lohn wie auf dem Papier

Beide Male war das gleiche Gipserei-Unternehmen für das Lohndumping verantwortlich, das vor allem Arbeiter aus ärmeren europäischen Ländern wie Polen oder Ungarn rekrutiert. Diese Personen arbeiten auch für Löhne, die weit unter dem Existenzminimum liegen. Das Vorgehen gleicht gemäss Unia oft demselben Muster: Auf dem Papier erhalten die Arbeiter einen Stundenlohn, wie es der Arbeitsvertrag vorschreibt. Nachträgliche Rückzahlungen bewirken aber, dass den Arbeitern noch ein Lohn von rund der Hälfte des offiziellen Betrags bleibt. Rund 8 Millionen Franken an Lohnrückzahlungen will die Unia gemäss eigener Aussage durch Aufdeckung derartiger Fälle in den letzten drei Jahren bewirkt haben.

Markus Hungerbühler, Geschäftsleiter des Baumeisterverbands Zürich-Schaffhausen, kritisiert die Unia für ihre Baustellenschliessungen scharf: «Auf diese Weise werden Nichtbetroffene, die auf der Baustelle tätig sind, in Mitleidenschaft gezogen.» Aufgrund des reinen Verdachts sei ein solches Vorgehen unzulässig. «Für jedes Unternehmen gilt die Unschuldsvermutung.»

«Bagatellfälle und Lappalien »

Gemäss Hungerbühler handelt es sich bei den Lohndumping-Vorfällen, die bisher dokumentiert wurden, zumeist um «Bagatellfälle und Lappalien». Die vorhandenen Kontrollinstanzen – namentlich die Paritätische Kommission in Zürich – würden genügen, um diese Fälle aufzudecken. «Die Baustellenschliessungen der Unia sind unnötig.» Im Zürcher Hauptbaugewerbe gebe es kein Lohndumping-Problem, ist Hungerbühler überzeugt: «Die Arbeiter erhalten die Leistungen, die ihnen versprochen werden.»

(Erstellt: 11.11.2015, 18:21 Uhr)

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