Wo ein Roger ist, ist auch ein Weg

Obwohl von der Zürcher SVP nur auf Platz 17 gesetzt, hat «Weltwoche»-Chef Roger Köppel beste Chancen, Nationalrat zu werden – trotz Widerständen in der Partei.

Wie Vater und Ziehsohn: Roger Köppel und Christoph Blocher halten teils sogar gleiche Reden. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Wie Vater und Ziehsohn: Roger Köppel und Christoph Blocher halten teils sogar gleiche Reden. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Für die anderen 872 Kandidierenden, die im Kanton Zürich für den Nationalrat antreten, muss es frustrierend sein – ausserhalb Zürichs spricht man nur über einen: Roger Köppel, Chefredaktor und Besitzer der «Weltwoche», bisher ohne politisches Amt und erst seit kurzem Mitglied der SVP. Köppel ist laut deutschen Medien «der umstrittenste Journalist der Schweiz». Er ist, seit sein Übervater Christoph Blocher nicht mehr antritt, aber auch der bekannteste Kandidat für die Wahlen am 18. Oktober.

Köppel schafft es – mit knallharten Provokationen und süffiger Eloquenz – was zurzeit kein anderer Schweizer Politiker kann oder will: Er füllt ganze Säle, und er hält auf deutschen TV-Stationen locker mit den bekanntesten Politikern mit. Wie Köppel dem stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Ralf Stegner eine Lektion in Sachen Demokratie erteilte Link, hat ihm auf Youtube 87'000 Klicks eingetragen.

Für viele ein Brechreiz

So dominiert im Zürcher Wahlkampf die Frage: «Schafft es dieser Köppel?» Aus dem Bauch heraus lautet die spontane Antwort: ja, und zwar locker. Seine Bekanntheit ist – fast – alles. Da braucht es keine Million mehr, wie es Urwerber Rudolf Farner sagte, um aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat zu machen. Zumal Köppel – noch – gar nicht Bundesrat werden will.

Doch dann gibts auch viele Theorien von Politibeobachtern, denen Köppels Auftreten Beschwerden verursacht, die zwischen Brechreiz, Nesselfieber und Wespenstich liegen. Diese hoffnungsvollen Argumente lauten dann so: Köppel erhält keine Stimmen ausserhalb der SVP. Und in der SVP selber wird er von vielen Wählern gestrichen, weil sie etwas gegen Quereinsteiger haben, die ohne die übliche Ochsentour von der Schulpflege über den Gemeinde- und Kantonsrat direkt nach Bern segeln. Köppel bleibt also auf dem 17.Platz hocken, weil es die strebsamen Kantonsräte Steinemann, Haab, Trachsel, Walliser, Zanetti und Tuena viel, viel mehr verdient haben.

Doch zum grossen Leidwesen all dieser mittlerweile angegrauten Nachwuchskräfte geht diese Hoffnung kaum auf. Den Wählern ist es nämlich ziemlich egal, wer ein Nationalratsamt verdient hat. Sie wollen bekannte Namen und Kandidaten, denen man zutraut, im Bundeshaus für Furore zu sorgen. Wenn Köppel den bekanntesten deutschen Politikern die Knöpfe eintun kann, dann vermag er das bei denen in Bern erst recht.

Die Nähe zu Blocher als Minus

Ein weiteres Argument gegen Köppel ist seine Nähe zu Christoph Blocher. Kein anderer Kandidat erhält derartige Unterstützung. Keiner sitzt so nah und so beflissen wie ein Konfirmand neben seinem Ziehvater. Ein Zusammenschnitt zweier Reden von Köppel und Blocher in der Satiresendung «Giacobbo/Müller» wurde zum grossen Lacher Link und zum Youtube- und Facebook-Hit: Die beiden halten wortwörtlich die gleiche Rede.

Köppels Nähe und Vertrautheit zu Blocher als Grund für ein Scheitern dürfte für seine Gegner aber ebenso eine trügerische Hoffnung sein. Man kann genug von Blocher haben. Man darf Mitleid mit dem alten Mann haben, wie er sich in Badehose und purpurnem Bademantel dazu hergibt, im SVP-Werbefilm mitzuspielen und mit einer Nagelschere den Rasen seiner Villa zu schneiden. Mit Blocher ist es aber wie mit einem Welthit: Man mag nach 40 Jahren die alte Band nicht mehr hören, der Song aber ist und bleibt gut.

Vorbehalte, die eher gegen Köppel sprechen, sind eine schier unmen­sch­liche Arbeitsbelastung, sollte er Nationalrat werden. Wie kann auch der Tüchtigste ein guter Ehemann und Vater von drei kleinen Kindern sein, ein Unternehmen führen, Leitartikel schreiben und in Bern für seine Wähler fast einen Fulltimejob erfüllen mit vier Sessionen und unzähligen Kommissionssitzungen? Er antwortet darauf, wen wunderts, so: Andere SVP-Nationalräte und Familienväter hätten noch viel grössere Unternehmen geführt. Er denkt an Blocher, Walter Frey und Peter Spuhler.

Lieber Köppel statt Martullo

Die Ambitionen von Köppel sind nicht zuletzt auch eine Bewährungsprobe für den Zürcher SVP-Präsidenten Alfred Heer. Blocher und Toni Brunner hatten ihm Köppel aufs Auge gedrückt – womit den Zürchern wenigstens Tochter Magdalena Martullo erspart blieb. Brunner verlangte einen Spitzenplatz für Köppel. Den 17. Platz, den ihm die Zürcher SVP unter Heer gab, nannte Brunner einen «verschossenen Penalty». Heer seinerseits bezeichnete den Plüschsennenhund «Willy» und den SVP-Song «Wo e Willy isch, isch au e Weg» als «gaga» und «Trivialisierung» des Wahlkampfs. Heer hätte im Wahlkampf lieber mehr wirtschaftliche Probleme und den Finanzplatz Zürich thematisiert als penetrant Flüchtlinge, Asyl und die EU – wie es nun auch Köppel tut.

Hat die SVP mit der einseitigen Asylstrategie Erfolg, kann es Alfred Heer auch recht sein. Sollte die Zürcher SVP nach den Verlusten von 2011 nicht wieder zulegen und den zwölften Sitz verpassen, bietet sich ein Sündenbock an: Der diesmal nicht «Zottel», sondern «Willy» heisst.

Erstellt: 03.10.2015, 08:07 Uhr

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