Gestatten, ich heisse Züri-Modular

Heute nimmt die Stadt zwei neue Schulhäuser in Betrieb, die gleich aussehen: Was hat es auf sich mit unserem Schulpavillon?

Gespielt wird drinnen: Einziges verspieltes Fassadenelement an den Züri-Modular-Pavillons sind die verschränkten Fensterbänder. Fotos: Doris Fanconi

Gespielt wird drinnen: Einziges verspieltes Fassadenelement an den Züri-Modular-Pavillons sind die verschränkten Fensterbänder. Fotos: Doris Fanconi

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Er ist so etwas wie der Überbringer der freudigen Botschaft: Es gibt Kinder, viele Kinder! Die Stadt wächst nicht nur, sie lebt auch. Züri-Modular heisst der Botschafter, es ist der normierte Traum der städtischen Schulraumplaner: ein Pavillon, 9 mal 29 Meter, drei Geschosse, 260 Quadratmeter Geschossfläche, schnell gebaut, vernünftig in den Kosten (Richtpreis 2,9 Millionen).

In der Ey, in Albisrieden, nehmen heute die Schüler einen neuen Pavillon in Beschlag. Seit mindestens zehn Jahren wachsen in diesem Quartier die Schülerzahlen kontinuierlich. 40 bis 50 Schüler zusätzlich pro Jahr, sagt Schulleiter Moritz Etter. Und man darf davon ausgehen, dass das noch einen Moment so weitergeht: Vom Schulhausplatz aus sind zahlreiche Baukräne zu sehen. Sie bauen vor allem an Wohnhäusern.

In der aktuellen Version von Züri-Modular stapeln sich zehn Module zu einer dreistöckigen Einheit. Es ist dieser Holzbau mit den grossen Fenstern, der überall dort steht, wo die Stadt Zürich wächst. Mit den Lamellen vor dem Lüftungsflügel. Mit der angebauten Metalltreppe. Mit dem Metalldach. Es ist dieses Gebäude, das zwar nach Provisorium und Modulbau aussieht, aber nicht billig ist.

Zürich hat eine Pavillonkultur

Das Provisorische wird am ehesten an den Innenwänden sichtbar: Weiss gestrichene Holzplatten, sichtbar verschraubt. Ansonsten ein nüchternes, schönes Schulzimmer mit Wandtafel, Linoleumboden und ganz viel Dekoration, die die Lehrerinnen und Lehrer über die Ferien angebracht haben, um aus einem normierten Schulzimmer «ihr» Schulzimmer zu machen. Es sei keine Strafe, hier zu unterrichten, sagt Schulleiter Moritz Etter. Man müsse nicht in den Pavillon, man dürfe: «Wo sonst hat man Schulzimmer, die von zwei Seiten mit Tageslicht geflutet werden?» Es falle ihm auf, dass in den Pavillons eine sehr familiäre Atmosphäre herrsche. «Ein grosses Schulhaus mit ellenlangen Gängen ist viel anonymer.» Vor allem jüngeren Kindern käme diese Art von «Kleinschule» entgegen.

Willkommen zurück: In der Ey beginnt die Schule nach den Ferien im neuen Pavillon.

Wenn heute nach den Herbstferien der Unterricht wieder beginnt, zählt Zürich noch einen zweiten neuen Schulpavillon, jenen in der Manegg Wollishofen. In der ganzen Stadt sind es inzwischen 58 (und ein Sonderfall, einstöckig und provisorisch) – 57 ergänzen bestehende Schulhäuser, im Ruggächer in Zürich-Affoltern gibt es ein reines Pavillonschulhaus. Im kommenden Jahr werden weitere sechs Modulbauten erstellt. Im Vergleich zum Vorjahr gehen 2017/18 rund 700 Schülerinnen und Schüler mehr in Zürich zur Schule (insgesamt rund 31'000 in Kindergarten, auf Primar- und Oberstufe). Sie alle brauchen Raum.

Der AL sind es heute schon zu viele Pavillons; sie spricht von einer städtischen «Pavillonschwemme». Andere monieren, dass diese Art Schulraum immer auf Kosten von Aussenraum entstehe. Aussenraum, der den Schülern dann fehle, um sich zu bewegen.

Video: Roboter Thymio hilft Schülern auf die Sprünge

In dieser Schule wachsen kleine Informatiker heran.

Ihren Anfang nahm Zürichs Pavillongeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts. Mehr als 100 Jahre später werden diese Bauten nun abgerissen: Sie müssen der Siedlung Hornbach im Seefeld weichen. In den 40er-Jahren kamen die sogenannten Steiner-Pavillons hinzu; sie stehen unterdessen unter Denkmalschutz.

Die jüngere Zürcher Pavillongeschichte beginnt 1997 in Thun; vor einem Kindergarten, untergebracht in einem Modulbau, geplant von den Bauart Architekten. Diesen besichtigte der damalige Direktor des Amts für Städtebau, Peter Ess, eher per Zufall: im Rahmen eines Treffens von städtischen Planern. Was er in der Kiste sah, war weit mehr als ein Provisorium: ein Mittel der strategischen Schulraumplanung.

Im selben Jahr wurde nämlich neben dem Schulhaus Ämtler ein Provisorium aufgestellt: Baustellencontainer dienten als eilig hingestellter Schulraum. «Das ärgerte mich schrecklich», erinnert sich Ess in einem Interview mit dem Fachmagazin «Hochparterre», schliesslich betraf es sein Quartier.

Ess kontaktierte Bauart, seine Idee: ein neuer Schulpavillon für Zürich. Pünktlich auf den Schulstart 1998 wurden die ersten Züri-Modular in Zürich Nord aufgestellt. «Erste Rettung in der Not», titelte die NZZ.

Den Typ stets verbessert

Vor dem soeben fertiggestellten Pavillon in der Ey steht ein zweistöckiger Bau des Typs 1. Dieser wurde bis 2011 gebaut. Augenfällige Abweichung (neben der Patina des Holzes und einigen fehlenden Lamellen): rote statt türkise Lüftungsflügel, neun statt zehn Module pro Geschoss. Züri-Modular hat sich über die Jahre weiterentwickelt. Heute ist er Minergie-zertifiziert, jedes Zimmer wird kontrolliert belüftet, an den Decken hängen LED-Lampen.

Kathrin Merz ist Architektin bei Bauart. Bis 2011 plante das Büro im Auftrag der Stadt Zürich. Bauart sei es damals darum gegangen, «eine architektonisch qualitätvolle Lösung für den kurzfristigen Bedarf an Schulraum zu finden», sagt Merz. Man könnte auch sagen: eine Antwort auf die Containerschule zu geben. «Die Schulzeit ist prägend für Kinder, sie sollen sich später nicht an stickige Container erinnern müssen.» Der Anspruch sei gewesen, dass sich Kinder mit «ihrem» provisorischen Schulhaus ebenso identifizieren wie mit einem «richtigen». Entsprechend habe man auf die räumliche Qualität fokussiert: Materialien, Akustik, Haptik – und viel Tageslicht. Den provisorischen Charakter galt es dennoch zu erhalten: «Man darf sehen, dass er nicht für die Ewigkeit gebaut ist.»

«Irgendwann werden sie unter Denkmalschutz kommen.»

Peter Ess erzählte im «Hochparterre», wie er die vorberatende Gemeinderatskommission von den teureren Pavillons überzeugte: «Ich fragte in die Runde, wer wo in die Schule gegangen sei.» Lauter nostalgische Erinnerungen seien gekommen, alle hätten mit Schulräumen zu tun gehabt. Darum sei es ihm gegangen: «Man kann ein Kind nicht für seine gesamte Schulzeit in einen trostlosen Container stecken.»

Inzwischen wurden in Zürich über 1000 Module zusammengebaut, erste provisorische Bauten auf andere Schulanlagen verlegt. Der Pavillon Aegerten ist 2010 ausgebrannt. Er wurde wieder aufgebaut. Drei-, statt zweistöckig.

Sie werden schnell weg sein

Peter Ess sagt dem Züri-Modular eine ähnliche Zukunft voraus wie dem Steiner-Pavillon: «Irgendwann werden sie unter Denkmalschutz kommen.» Ihm gefalle der Pavillon, er sei «wie ein gut gestyltes Auto: ein in sich schlüssiges, attraktives Stück Architektur».

Gut möglich, ja, wahrscheinlich, dass einige davon irgendwann wieder verschwinden. Die heutige Dynamik wird nicht ewig anhalten, irgendwann wird es wieder weniger Schüler geben. Und dann spielen die Pavillons ihre «letzte» Stärke aus: Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2017, 06:20 Uhr

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