Frauendemo trifft auf Männerguru

Vor dem Volkshaus protestieren Frauen gegen das Patriarchat, drinnen fordert Jordan Peterson eine männliche Ordnung. Dann knallts.

Jordan Petersons Thema: Männer müssen Ordnung schaffen im Chaos. Fotos: Fabienne Andreoli

Jordan Petersons Thema: Männer müssen Ordnung schaffen im Chaos. Fotos: Fabienne Andreoli

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Manchmal prallen Gegensätze an einem geografischen Ort aufeinander. Es ist Samstagabend, die Temperatur sinkt gegen null, Helvetiaplatz. Der zweite Women’s March ruft auf zum Protest gegen Gewalt an Frauen, gegen häusliche Gewalt, für Menschenrechte.

Wenige Dutzend Meter weiter warten vor dem Volkshaus mehrheitlich Männer im Foyer des Hauptsaals auf Einlass. Der Redner, den sie hören wollen: Jordan B. Peterson. Der kanadische Psychologieprofessor ist ein mehrheitlich von jungen Männern gelesener Bestsellerautor und Youtube-Star.

Seit dem Erscheinen seines Buches «12 Rules for Life» füllt er weltweit Säle. Sein Kampf gegen Identitätspolitik wie auch seine Argumentationen zu den Geschlechterrollen machen ihn am äusseren rechten Rand beliebt. Jetzt ist er auf Europatour. Der Theatersaal des Volkshauses ist fast ausverkauft. Ein globaler Disput mitten im Herzen Zürichs.

Women’s March: 18 Uhr

Das Thema am Women’s March: Frauen müssen sich die Nacht zurückerkämpfen.

Als wollte er etwas mithelfen, steht der Mond fast voll, hell und klar am Himmel über dem Quartier. Auf dem Helvetiaplatz kämpfen Kerzen, Fackeln und Lichterketten gegen die Dunkelheit: «Women unite, reclaim the night», hallt es durch die Strasse. «Frauen vereinigt euch, erobert euch die Nacht zurück», rufen geschätzt 3000 Frauen, Männer, Jugendliche.

Die Frauen wollen ihren Schlüsselbund loswerden. Diesen Schlüsselbund, um den sie ihre Finger krampfen, wenn sie in der Dunkelheit allein nach Hause laufen. Zwischen jedem Finger ein Schlüssel. Mehr eine mentale als eine richtige Waffe.

Die zweite Ausgabe des Zürcher Women’s March ist dem Ende der Gewalt gegen Frauen gewidmet. «Seid respektvoll, egal was die Menschen da drüben vielleicht für Ansichten haben», ruft eine Organisatorin noch in die Menge. Der Menschenzug bewegt sich Richtung Bahnhofstrasse.

Peterson: 19 Uhr

Die da drüben, das sind mehrheitlich Männer zwischen 30 und 45 Jahren. Sie versammeln sich im Foyer vor dem Hauptsaal, während im oberen Stock der Saal für die Schlussveranstaltung des Women’s March hergerichtet wird. Sind das nun die abgehängten und verunsicherten Männer in der Krise, wie Kritiker behaupten? Auf den ersten Blick nicht. Es ist ein heterogenes Publikum, Kleidungsstil durchschnittlich bis modisch. Die meisten mit gepflegtem Äusseren. Sie könnten auch einem Vortrag über Blockchains lauschen.

Women’s March: 18.45 Uhr

«Ich bin hier, weil ich das Patriarchat stürzen will. Weil ich eine Gesellschaft will, in der alle gleichberechtigt sind», sagt eine 31-jährige Zürcherin am Women’s March. Ihre Antwort kommt schnell. David, auch um die 30, Ingenieur, guter Job, denkt länger nach, während er aus seiner Thermosflasche trinkt. «Ich bin auch betroffen», sagt er. Wie? «Ich wünsche mir eine grössere Vielfalt an Möglichkeiten, mich in homosozialen Räumen auszutauschen.»

Dem jungen Mann fehlt am Arbeitsplatz vieles, was zwischen fachlichen Diskussionen und Sprücheklopfen sonst noch passieren könnte. «Interessante Gespräche mit offenem Ausgang über Ängste, Gefühle oder Ansichten finden nicht statt», sagt er. Wer das Bedürfnis danach äussere, riskiere, sich weniger gut einzugliedern.

«Wir haben ein Recht auf Wut, aber lasst uns auch handeln.»Rosanna Grüter
Moderatorin am Women's March

Peterson, 19:30 Uhr

Die Männer im Foyer sprechen von derselben männlichen Selbstsuche, wenn sie sagen: «Bei Dr. Peterson habe ich gelernt, dass ich bei mir selber anfangen muss.» Zusammen mit seinen zwei Freunden war der Mann um die 50 zuvor am Women’s March. Sein deutlich jüngerer Freund kritisiert daran: «Die Männer werden stigmatisiert, Frauen schlüpfen in eine Opferrolle.» Der Women’s March sei zwar spannend gewesen, sagt er. Aber auch: «Ungleichheit rechtfertigt das Opferdasein nicht.» Und Groll bringe niemandem etwas.

Women’s March, 19.00 Uhr

Moderatorin Rosanna Grüter beschreibt auf der Bühne, wie wütend sie letztes Jahr wurde, als sie merkte, dass jede ihrer Freundinnen bereits sexuell belästigt wurde. «Wir haben ein Recht auf Wut, aber lasst uns auch handeln», ruft sie. «Positive Männlichkeit existiert», ruft Benjamin Zumbühl von der NGO Campax. «Entreissen wir dem Patriarchat die Deutungshoheit über Männlichkeit.» Die Menge johlt.

Video – Frauen marschieren durch Zürich

Peterson, 19:45 Uhr

«Was ist das überhaupt, das Patriarchat?», fragt einer Anfang 30 auf die Frage, wie er sich die Rollenverteilung in der Gesellschaft vorstelle. Man müsse das zuerst definieren. Er gibt freundlich Auskunft. Warum denkt er, ist Peterson so beliebt? «Für viele verunsicherte Männer ist er so was wie eine Vaterfigur», sagt er. Für ihn nicht. Doch schätze er seine Klarheit und dass er auf die Menschen eingehe. Für alle Gespräche im Foyer gilt: Niemand sieht in Peterson einen Verfechter des Patriarchats. Alle relativieren. Sie seien gekommen, weil er mutig sei und neue Perspektiven eröffne.

Women’s March, 19:15 Uhr

An der vorderen Front im Women’s March dabei: der Frauenstreik-Block. «Wenn Frau will, steht alles still», skandieren die jungen Frauen. Mittendrin: Salome Schaerer, Sozialanthropologin. «Jordan Peterson erklärt sich selbst und seine Anhänger als neue liberale Mitte, obwohl er liberale Werte wie Gleichberechtigung ständig untergräbt, indem er Andersdenkende als von linken Ideologien besessen beschreibt», sagt sie. «Das erlaubt denen, die ihn als ihr Sprachrohr sehen, weiterhin von sich selbst als Norm auszugehen und alles davon Abweichende abzuwerten. So zum Beispiel die wachsenden Frauenbewegungen.» Für sie ist Peterson ein Antifeminist. Populär würden ihn seine simplen Aussagen machen. Männer sollten die Schultern straffen, ihr Selbstbewusstsein stärken und ihr Zimmer aufräumen. «Das erklären wir Frauen allen Menschen tagein und tagaus», sagt sie.

Peterson, 20:00 Uhr

Der Theatersaal des Volkshauses ist voll. Einzelne Männer füllen die letzten leeren Plätze. Es herrscht eine ruhige Stimmung. Aus den Boxen erklingt eine Mozart-Sinfonie. Das Licht geht aus, eine kräftige amerikanische Männerstimme sagt ab Band: «Wir werden keine Störung unseres Anlasses dulden.» Und dann: «Please welcome, Dr. Jordan Peterson.» Einer ruft: «Geile Siech!» Peterson tritt im Dreiteiler auf. Er beginnt mit: «Wir sind den Protestlern zahlenmässig überlegen.» Raunen im Publikum. Danach konzentriertes, ja gebanntes Zuhören.

Ordnung ist männlich, Chaos weiblich.

Women’s March, 19:30 Uhr

Salome Schaerer glaubt nicht, dass Männer Angst vor einer starken Frauenbewegung haben, sondern dass ein Selbstverständnis erschüttert wurde. Das bedeute, dass Mann sich heute überlegen müsse, wie er handle, wie er sich in der Gesellschaft positioniere oder wie oft er das Wort ergreife. Dafür müsse er sich selbst kennen lernen. «Gelernt, über sich nachzudenken, haben aber wenige Männer», sagt Schaerer. «Es gibt keine andere Möglichkeit, als dass die Männer ihren Weg selber gehen. Wie wir es auch tun.»

Peterson, 20:15 Uhr

Doch wo finden die Männer Antworten auf die Frage, wie dieser Weg aussehen könnte? Petersons Thema an diesem Abend: Ordnung ist männlich, Chaos weiblich. Peterson, schlank und mit dünner Stimme, äussert sich eloquent und weitgreifend. Er spricht vom Chaos in der Welt und in das Menschen stürzen, etwa wenn sie von Partnern hintergangen würden. Es gelte, dem Chaos Ordnung entgegenzuhalten. Er nennt die Hierarchie bei Schimpansen eine Ordnung, er nennt die Organisation der Welt, in der erfolgreiche Männer attraktiver sind als weniger erfolgreiche, eine Ordnung. Identitätspolitik ist Chaos, zu viele Frauen in der Politik sind Chaos. Was tun? «Wenn euch Frauen immer und immer wieder ablehnen, liegt das nicht an den Frauen, sondern an euch», richtet er sich ans Publikum. Schafft Ordnung! Von der aktuellen Gillette-Werbung, in der es um toxische Männlichkeit geht, sagt er, dass er sie hasse. Lacher im Publikum. Das Relativierende, Hinterfragende, Uneindeutige, das im Foyer bei den Zuhörern zu spüren war, ist wie weggefegt.

Women’s March, 20 Uhr

Pfiffe und Buhrufe ertönen aus dem Women’s March. «Haut ab, haut ab, haut ab», ruft die Menge. Den Security-Angestellten vor dem Theatersaal des Volkshauses wird sichtlich unwohl. Ein paar Teilnehmer erheben ihre Mittelfinger in Richtung der Fenster des Gebäudes. Es fliegen Eier. Beim Eingang entsteht ein Handgemenge. Eine Security-Person wird leicht verletzt. Acht mit Gummischrot bewaffnete Polizisten sichern schnell den Eingang. Nach weiteren Buhrufen ist der Spuk vorbei. «Am grundsätzlich ruhigen und gesitteten Marsch nahmen über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer teil», sagt Peter Sahli, Pressesprecher der Stadtpolizei Zürich. Weitere Informationen sind derzeit noch nicht bekannt.

Peterson, 22 Uhr

Nach dem Vortrag kommt wieder zum Vorschein, was zu Beginn schon sichtbar war: Nein, alles teile er nicht mit Peterson, sagt der Sitznachbar. Trotzdem sei er begeistert. Draussen vor dem Eingang zeugen noch ein paar Flyer am Boden vom Women’s March. Gemischte Gruppen diskutieren, viele in Englisch. Nur wenige bemerken die zerschlagenen Eier am Boden. Vor dem Restaurant Volkshaus entbrennt eine heftige Diskussion zwischen einem Mann und einer Frau. Sie schreien sich an.

Erstellt: 21.01.2019, 08:37 Uhr

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