Wo Mani Matter ums Leben kam

Am 4. August wäre er 80 geworden. An der Stelle, wo der Berner Troubadour 1972 tödlich verunfallte, fahren täglich Tausende vorbei. Und warum gibt es dort keinen Gedenkstein?

Kein Ort für eine Gedenkstätte: Die Unfallstelle zwischen Wollishofen und Thalwil heute. Foto: Sabina Bobst

Kein Ort für eine Gedenkstätte: Die Unfallstelle zwischen Wollishofen und Thalwil heute. Foto: Sabina Bobst

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«108,7» heisst es auf der kleinen Tafel im Grünstreifen bei der Mittelleitplanke. Sie steht an der A 3 zwischen Wollishofen und Thalwil, genauer: rund 80 Meter nach der Überführung zwischen Adliswil und Kilchberg in Fahrtrichtung stadtauswärts. Der Kilometer 108,7 ist ein Autobahnstück wie viele andere: rechts ein Wiesenbord mit Zaun, dahinter ein asphaltiertes Strässchen, auf der linken Seite einige Gewerbehäuser. Der Verkehr donnert mit Tempo 120 vorbei.

Am 24. November 1972 verunfallte der Liedermacher auf der Fahrt nach Rapperswil, wo er hätte auftreten sollen. Foto: Keystone

An diesem unscheinbaren Ort, wenige Meter nach der Überführung, kollidierte der Berner Liedermacher Mani Matter am Abend des 24. November 1972 mit einem Lastwagen. Er starb auf der Stelle. Matter war auf der Hinfahrt zu einem Konzert in Rapperswil. Sein Tod mit nur 36 Jahren löste in der ganzen Schweiz grosse Betroffenheit aus. Der Jurist und Chansonnier stand eben erst am Anfang einer vielversprechenden Karriere.

Lastwagen mit Tempo 40?

«Kurz vor 19.15 Uhr war der 36-jährige Matter mit seinem Wagen auf der N 3 von Zürich her Richtung Chur unterwegs», rapportierte die NZZ am 27. November 1972. «Da er vermutlich die Geschwindigkeit eines vor ihm fahrenden Lastenzuges falsch eingeschätzt hatte, fuhr er mit seinem Auto auf das linke Hinterrad des Lastwagenanhängers auf. Dadurch schleuderte sein Fahrzeug auf die Überholspur und kippte hier auf die Seite um. Zwei nachfolgende Personenwagen fuhren ebenfalls auf den Anhänger des Lastenzuges auf, der angeblich – die N 3 steigt am Unfallort leicht an – eine Geschwindigkeit von etwa 40 Kilometern gehabt haben soll. Auch diese beiden Fahrzeuge wurden weggeschleudert und touchierten teilweise noch das Auto von Matter. Ein auf der Überholspur nahender Automobilist konnte seinen Wagen nicht mehr rechtzeitig zum Stillstand bringen und fuhr in das Fahrzeug von Matter hinein, das rund zehn Meter nach vorn geschleudert und vollständig zerstört wurde. Mani Matter, der im Sitz eingeklemmt worden war, erlitt sofort den Tod.»

Unfalldossier unter Verschluss

Die genaue Unfallstelle («Km. 108,683»)geht aus dem Unfallrapport der Kantonspolizei hervor, der im Zürcher Staatsarchiv aufbewahrt wird. Laut Martin Leonhard, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatsarchivs, findet sich der Rapport in einem Sammeldossier der Autobahnpolizei, in dem sie verschiedene Tatbestandsaufnahmen von aufsehenerregenden Unfällen in den Jahren 1970–1978 zusammengestellt hat. Da das Dossier zum Unfall von Mani Matter, an dem noch weitere Personen beteiligt waren, besondere Personendaten enthält, wird es erst nach Ablauf einer 80-jährigen Schutzfrist frei zugänglich.

Zum Unfallort lassen sich laut Leonhard aber Angaben machen. So heisst es in einer Zeugenaussage: «[...] Auf der Höhe der Überführung, ich schätze ca. 50 m vor der Unfallstelle, sah ich, dass vor mir etwas los ist. Einige Personenwagen bremsten stark ab.» [...]. Weiter belegt der Rapport, dass Matters Leichnam nach dem Unfall ins Gerichtsmedizinische Institut in Zürich übergeführt wurde.

Im Staatsarchiv taucht Matters Name noch in einer weiteren Akte auf: in der von der Kantonspolizei geführten «Totenliste» für das Jahr 1972. Darin hat sie zur Auswertung von Unfallursachen sämtliche Todesopfer im Strassenverkehr zusammengestellt. Matter erscheint darin als 137. (von 158) Unfallopfern in diesem Jahr. Gemäss dem Eintrag in der «Totenliste» ereignete sich der Unfall am Freitag, 24. November, um 19.15 Uhr. Unfallort: «N 3, Kilchberg, ausserorts». Als Unfallursache wird «Falsches Überh(olen)» angegeben, der Zustand der Fahrbahn war «nass».

Am Unfallort erinnert heute nichts mehr an die Ereignisse an jenem Novemberabend. Einen Gedenkstein, eine Inschrift oder Ähnliches gibt es weder im Wiesenbord noch bei der Brücke. An den Brückenpfeilern in der Nähe haben sich ein paar Sprayer versucht, ebenso auf der Lärmschutzwand kurz davor. Eine Gedenkstätte an der Unfallstelle habe es seines Wissens nie gegeben, sagt der Liedermacher und Rechtsanwalt Jacob Stickelberger (76), ein Freund von Mani Matter, der zusammen mit ihm aufgetreten ist. Auch der Kantonspolizei ist nichts von einer Gedenkstätte bekannt. Eine solche direkt an der Autobahn wäre laut Sprecher Stefan Oberlin auch sehr heikel, weil sie Automobilisten ablenken würde. Eine Gedenkstätte für Unfallopfer gab es einige Jahre lang in der Nähe der A 52 bei Ottikon. Dort waren 2006 bei einem Verkehrsunfall sechs Personen ums Leben gekommen. Weltweit Bekanntheit erlangte die Gedenkstätte beim Pariser Alma-Tunnel, wo 1997 Prinzessin Diana tödlich verunglückte.

In Kilchberg war das Anbringen einer Hinweistafel bei Matters Unfallort, etwa auf der Brücke, nie ein Thema, wie Gemeindeschreiber Peter Vögeli sagt.

«Noch nie darum gekümmert»

Sibyl Matter, die älteste Tochter Mani Matters, will sich auf Anfrage nur kurz zur Angelegenheit äussern: «Wir haben uns noch nie um die Frage gekümmert, wo genau der Unfall stattgefunden hat, und haben auch noch nie davon gehört, dass an einer Autobahn eine solche Gedenkstätte errichtet worden wäre.»

Auch der Mani-Matter-Biograf Wilfried Meichtry hält einen Gedenkstein am Unfallort für wenig angebracht: «Das ist ja kein Ort, an dem man innehalten würde.» Zudem gebe es schon den Mani-Matter-Stutz in Bern. Für Meichtry hat der Kult um den Liedermacher auch etwas Eigenartiges. Sein tragischer Unfalltod habe zeitweise «fast schon James-Dean-artige Züge» angenommen. Meichtry: «Mani würde sich wohl an den Kopf greifen, wenn er merken würde, welches Aufhebens man um ihn macht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2016, 23:15 Uhr

«Und so blybt no sys Lied»: Neue CD erscheint diese Woche

Während der Unfallort bei Kilchberg im Verlauf der Jahre zunehmend in Vergessenheit geriet, sind Mani Matters Lieder bis heute sehr populär. Die Anziehungskraft seines Werks bleibt ungebrochen. Aus Anlass seines 80. Geburtstages am 4. August gab es Radio-Sondersendungen, ein Festival, die Gemeinde Köniz ehrte den «Värslischmied» mit einem Mani-Matter-Platz, und die renommierte deutsche «Zeit» widmete dem «grossen Schweizer Chansonnier und Juristen» einen langen Artikel («Mani Matter: ‹Mehr aufs Ganze gehen!›»). Zum ersten Mal überhaupt führte Matter im August auch eine Schweizer Hitparade an. Am kommenden Freitag schliesslich erscheint ein Sammelwerk mit Neuinterpretationen von Matter-Liedern von Schweizer Musikern. Darauf feiern Bands wie Lo&Leduc, Troubas Kater oder Steff la Cheffe den berühmten Troubadour mit eigenen Versionen seiner Klassiker. (mth)

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