Wo selbst der Tod seinen Schrecken verliert

Mit dem Alter kommt Gelassenheit, und sie macht manches leichter und vieles erträglicher. Das zeigen die Bewohner des Alterszentrums Sydefädeli.

Leben und sterben im Altersheim Sydefädeli: Die Leiterin Frau Bätschmann und die zwei Bewohner Herr Carlen und Frau Furrer.

Leben und sterben im Altersheim Sydefädeli: Die Leiterin Frau Bätschmann und die zwei Bewohner Herr Carlen und Frau Furrer. Bild: Sabina Bobst

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Obwohl sie schon weit sind auf ihrer Reise durchs Leben, haben sie keine Angst vor der letzten Etappe. Sie sehen dem Tod auf Augenhöhe und ohne Furcht ins Gesicht. Albert Wismer, Florida Spörri, Ann-Irma Furrer und Walter Carlen-Sieber vom Alterszentrum Sydefädeli in Wipkingen haben im Advent vor drei Jahren über ihr Leben und ihre Einstellung zum Sterben gesprochen. Wir wollten wissen, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist.

Der «sanfte Hüne» Albert Wismer, schon damals 98-jährig und nicht mehr gut auf den Beinen, durfte hundert Jahre alt werden. «Wenn ich ganz behindert würde und nicht sterben könnte», sagte der Senior vor drei Jahren, «dann würde ich mich zu Tode hungern.» Zum Glück war das nicht nötig, Albert Wismer starb friedlich im Bett, hatte zuvor weder Hunger noch Durst und auch keine Schmerzen. «Bei ihm kam Palliative Care voll zum Tragen», sagt Monika Bätschmann, Leiterin des Alterszentrums Sydefädeli. Florida Spörri, dazumal die Vierte im Bunde, möchte ihre Gedanken aus dem letzten Lebensabschnitt für sich behalten. Die zwei anderen aber geben gerne Auskunft.

Niemandem zur Last fallen

Ann-Irma Furrer ist jetzt 83 Jahre alt und kein bisschen älter geworden. In ihrem Leben, das kein einfaches war, ist alles beim Alten geblieben. Albert Wismers Tod machte sie betroffen. Schon früh sei sie mit dem Tod in Berührung gekommen, sagt die wache Seniorin, «mit 13 Jahren musste ich mit ansehen, wie mein Bruder ums Leben kam». Vielleicht habe sie deshalb keine Angst vor dem Tod. «Er könnte morgen kommen, es wäre mir egal.» Nicht, weil sie am Leben keine Freude mehr habe, im Gegenteil, im Sydefädeli gefalle es ihr sehr gut, und Langeweile kenne sie nicht. Ann-Irma Furrer ist aktiv, liest beim Mittagessen im Speisesaal die aktuellen Aktivitäten vor. Im Sommer schwimmt sie immer noch im Zürichsee. Am Abend sitzt sie mit ihrer Clique am runden Tisch, diskutiert über Politik und das Leben. Und die besten Geschichten, sagt sie, erzähle immer die Älteste unter ihnen – sie ist 102 Jahre alt. Das Schlimmste für Ann-Irma Furrer wäre nach wie vor, jemandem zur Last fallen zu müssen. Sie hat sich mit dem näher rückenden Tod arrangiert. «Ändern kann ich sowieso nichts», sagt sie. Schön wäre es, wenn sie keine allzu grossen Schmerzen haben müsste. Lebensverlängernde Massnahmen will sie keine. Exit käme aber nicht infrage, aus religiösen und auch aus anderen Gründen. «Ich würde mich einfach in mein Schicksal fügen.»

Auch der Mann mit dem Schalk im Nacken ist mittlerweile 88-jährig geworden. Walter Carlen-Sieber ist noch immer gut im Strumpf. Zurzeit habe er gerade einen Hexenschuss, aber «reden kann ich trotzdem». Immer noch der witzige Entertainer? «Das werde ich hoffentlich nicht verlieren», sagt Carlen und grinst spitzbübisch. Immer noch bringt er die Bewohnerinnen und Bewohner mit seinen flotten Sprüchen zum Lachen. Er ist zufrieden mit seinem Leben im Sydefädeli. «Schöne Wohnung, alles sauber, flotte Chefin, gute Nachbarn, alles bestens!» Nur das Essen sei «so lala». Er sei halt ein Gourmet, mit 23 Jahren schon Servicechef im Dolder gewesen.

Das Geheimnis des Fondues

Carlen ist der einzige im Alterszentrum, der in der Gemeinschaftsküche ab und zu Gäste einlädt. Dann tischt er Fondue, Raclette, Gulasch oder Geschnetzeltes auf, kauft ein und kocht auch selber. Wo er die Käsemischung fürs Fondue herhat, ist genauso sein Geheimnis wie die Rezeptur. Etwas verrät er aber: «Rahm ist drin.» In der Zwischenzeit hatte Carlen ein «Schlegli». Auf einmal sei ihm der Arm runtergefallen, vor seinen Augen habe es nur noch geflimmert, und er konnte nicht mehr sprechen. Zum Glück hatte er eine halbe Stunde vorher im Fernsehen eine Sendung über Schlaganfälle gesehen. So konnte er seine Frau Ilse anweisen, was zu tun war. «So gerne, wie ich rede», sagt der lustige Rentner, «habe ich nach dem Schlaganfall nicht lange geschwiegen.»

Erstellt: 12.12.2016, 07:42 Uhr

Assistierter Suizid

Städtische Alterszentren

Die Bewohnerinnen und Bewohner sind bei Alterszentren Stadt Zürich (ASZ) zu Hause, zu denen auch das Sydefädeli gehört. Entsprechend autonom entscheiden sie, wie sie leben, aber auch, wie sie sterben möchten. Entscheidet sich jemand, mithilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben zu scheiden, nimmt sie oder er Kontakt mit der Organisation auf und wird von der entsprechenden Person begleitet. Alle Abklärungen, ärztliche Zeugnisse et cetera werden durch die begleitende Organisation eingefordert. Steht ein Termin fest, informiert die Organisation die verantwortlichen Personen von ASZ. Besteht ein begründeter Verdacht, dass der Wunsch nicht dem freien Willen der Person entspricht (z. B. dass sie unter Druck gesetzt wird), leiten ASZ entsprechende Abklärungen ein. Am vereinbarten Termin findet die Begleitung durch die Sterbehilfeorganisation statt – oft im Beisein von Angehörigen. Ist ein Suizid durch Beihilfe einer Sterbehilfeorganisation erfolgt, so meldet diese den Todesfall unverzüglich der Polizei, welche die erforderlichen Untersuchungen einleitet. (roc)

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