Wolff zu Besuch bei den Besetzern

Wenn die Besetzer auf dem Altstetter Koch-Areal zur Arealführung laden, dann lässt sich das Polizeivorsteher Richard Wolff nicht entgehen.

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Beim Einbiegen in die Rautistrasse steigt einem der Duft von frischen Waffeln und frittiertem Backteig in die Nase. Von irgendwo her ertönen Elektrobeats. Ein mannshoher Maschendrahtzaun umgibt das Koch-Areal. Doch der Haupteingang steht an diesem Samstag offen. «Herzlich willkommen, auch Kinder», steht auf einem Schild. Die Besetzer des UBS-Geländes in Altstetten und die «Familie Wucher» haben zum Sommerfest mit Arealführung geladen.

Wer stattlich gekleidet zwischen den Gebäuden herumschlendert, wird angelächelt. Von der Mutter, die mit ihren zwei Kindern hinter einem Wohnmobil auftaucht, und vom Mann mit Rastas und Piercings, der sich sonnt. Irgendwo steht ein Traktor, Hunde streunen herum. Derweil probt in der Holzhalle auf dem Dorfplatz eine Frau ihren Auftritt am Seil, hinter dem weissen Haus sind Sprayer am Werk. Auf dem Areal locken ein Bassin, diverse Ateliers, ein Sportraum, ein Café, eine Galerie und ein Kleiderladen, in dem es alles umsonst gibt.

Fruchtspiesse, Pizzas und Crêpes stillen den Hunger. Die Preise sind tief, für vieles bezahlt man nach Gutdünken. Im Gebäude der Autonomen Schule Zürich (ASZ), die ihren Standort teilweise vom Güterbahnhof aufs Koch-Areal verlegt hat, läuft ein Trickfilm. Matthias, wie sich einer der Aktivisten nennt, sagt: «Wir wollen unsere kreativen Aktivitäten mit allen teilen.»

Heterogene Gruppe

Matthias gehörte zu den Ersten, die im April die Besetzung des sogenannten blauen Hauses, des ehemaligen Bürohauses der UBS an der Rautistrasse planten. Mitte 20, sportlich gekleidet und mit gestutztem Haar würde man ihn eher für einen Lehrer als einen Besetzer halten. Er lacht. «Die Gruppe hier ist heterogen.» Egal ob Künstler oder Familie, den 100 Bewohnern sei gemeinsam, dass sie für experimentelles, selbstverwaltetes Wohnen einstünden. Matthias arbeitet an zwei Tagen im Technikbereich. Das Einkommen genüge ihm, er wolle sich ja allem Kapitalistischen entziehen.

Aus der Szene erfuhr er, dass die UBS den Mietern gekündigt hatte. Ab 2016 will sie auf dem Areal eine Wohnüberbauung erstellen, konkrete Pläne gibt es noch nicht. «Wir verstehen nicht, warum die UBS ein Gebäude drei Jahre lang leer stehen lässt», sagt Matthias. Um eine Besetzung zu verhindern, zerstörte die Eigentümerin die sanitären Anlagen, kappte Strom- und Wasserleitungen und liess das Areal bewachen. Die Aktivisten liessen sich davon nicht abhalten und nahmen das Gebäude ein. Im Mai kamen einige Binz-Besetzer dazu, und das ganze Areal wurde eingenommen.

Wolffs Bekanntschaften

Zur Arealführung taucht auch der neue Zürcher Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) auf. Er grüsst diverse Leute, noch mehr grüssen ihn. Seine Partnerin erzählt, sie kenne das Areal aus der Kindheit, vom Kohlenholen. Wolff sagt, er sei zum ersten Mal hier. Laut TA-Informationen gehören zwei seiner Kinder zur Besetzerszene. Darauf angesprochen, winkt der Stadtrat ab: «Interessant, aber kein Kommentar.» Dann fügt er an, es sei bald Wahlkampf und er wolle im Februar wiedergewählt werden. Er sei hier, um sich dafür einzusetzen, dass Zwischennutzungen wie diese erlaubt bleiben.

Matthias führt rund 30 Besucherinnen und Besucher übers Areal. Von der UBS ist niemand anwesend, dafür die Eltern von Matthias. In die Metall-, Velo- und Autowerkstatt gewährt er keinen Zutritt. Das sei zu gefährlich. Sicherheit und Haftung auf dem Areal sind Gegenstand von Verhandlungen zwischen Stadt, Besetzern und UBS. Ein Abriss einzelner Gebäude steht zur Diskussion. «Wir setzen auf Eigenverantwortung», sagt Matthias. Deshalb wollen die Besetzer auch für die Nebenkosten aufkommen. Eine Einigung mit der UBS sei aber noch nicht zustande gekommen, sagt Matthias, und führt die Gäste zur autonomen Schule.

Jede Woche Vollversammlung

Für Besetzer Marc ist die ungewisse Zukunft unangenehm. «Wir stecken viel Herzblut ins Areal und wüssten gern, wie lange wir bleiben können.» Schliesslich sei er auch hier, um Abrisse auf Vorrat zu verhindern. Marc, Freelancer, 30, wohnt seit Mai auf dem Koch-Areal. Teil des Projekts zu werden, steht allen offen. Als Bewohner aufgenommen wird aber nur, wer in die Gruppe passt. Neue müssen sich in der wöchentlichen Vollversammlung vorstellen.

Marc liebt den Trubel, räumt aber ein, dass die Rückzugsmöglichkeiten beschränkt seien. Ein Blick in die Schlafgemächer ist nicht Teil der Führung. Nicht anders als in anderen WGs sehe es da aus, sagt Marc.

Auf dem Weg zurück zum Dorfplatz unterhält sich Richard Wolff mit diversen Leuten. Beim Ausgang deutet er auf den Holunderblütensirup Marke Koch-Areal, den die Aktivisten verkaufen. Augenzwinkernd sagt er: «Das Rezept dazu ist von meiner Partnerin.»

Erstellt: 14.07.2013, 20:18 Uhr

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