Was Senioren stresst, die eine neue Wohnung suchen

Menschen im Rentenalter können nur wenig Miete zahlen und werden von flinken Bewerbern überholt. Doch es gibt Lösungen.

Mit einem Umzug tun sich ältere Menschen schwerer als junge. Deshalb braucht es Unterstützung.

Mit einem Umzug tun sich ältere Menschen schwerer als junge. Deshalb braucht es Unterstützung. Bild: Urs Jaudas

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Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher werden älter und leben länger. 2018 hat Statistik Stadt Zürich knapp 80’000 Personen im Alter zwischen 60 und 100 Jahren verzeichnet. Bis 2035 soll ihre Zahl auf über 98’000 ansteigen. Wer im Pensionsalter eine neue Wohnung sucht, tut dies mit einem ganz anderen Fokus als in jungen Jahren, denn vielleicht ist der nächste Umzug der letzte.

Der Ausbaustandard der neuen Wohnung muss den Anforderungen bis ins hohe Alter genügen – ganz zu schweigen von den anderen Vorstellungen, die man an die Umgebung knüpft, in der man seinen Lebensabend verbringen will. Entsprechend intensiv will dieser Schritt überlegt und geplant sein. Das passt wiederum nicht zum hohen Tempo auf dem Wohnungsmarkt – insbesondere in der Stadt Zürich, wo Verwaltungen Leerstände vermeiden wollen und schnellen Bewerbern den Vorzug geben.

Umzug macht Wohnraum für Familien frei

Eine Studie des Büros Zimraum (siehe Box) widmet sich den spezifischen Anforderungen und Problemen bei der Wohnungssuche von Pensionierten. Sie untersucht, mit welchen Massnahmen Wohnungsanbieter diese Zielgruppe erreichen und wie die sozialen Institutionen diese Altersgruppe bei der Wohnungssuche unterstützen können – schliesslich profitieren nicht nur die Seniorinnen von den Vorzügen einer altersgerechten Wohnung, durch ihren Umzug wird auch wieder Wohnraum für Familien frei.

Fast die Hälfte der über 65-jährigen Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher leben seit mehr als 20 Jahren in ihrer Wohnung.

Die meisten Seniorinnen und Senioren sind nicht mehr geübt darin, eine Wohnung zu suchen. Pensionierte machen gemäss Studie in der Stadt Zürich 14 Prozent der Bevölkerung aus, aber nur 4 Prozent der Umziehenden pro Jahr. Fast die Hälfte der über 65-jährigen Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher leben seit mehr als 20 Jahren in ihrer Wohnung, und die Bereitschaft, die alte Wohnung zu verlassen, nimmt mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab – wobei Paare noch sesshafter sind als Alleinstehende.

Viele erwägen einen Umzug erst, nachdem die Kinder ausgezogen sind, wenn also die Phase des sogenannten Empty Nest beginnt. Weitaus häufiger aber müssen sie aus gesundheitlichen Gründen ausziehen oder weil ihre Wohnungen wegen Totalsanierungen gekündigt wurden – wobei in einem solchen Fall laut Studie die Mehrheit der Vermieter den Mieterinnen und Mietern ein Alternativangebot aus dem eigenen Wohnungspool macht.

Wie in allen Altersstufen stellt auch bei den Pensionierten die Höhe des Mietzinses ein wichtiges Kriterium beim Wohnungswechsel dar. Studienverfasserin Joëlle Zimmerli stellt einen Zusammenhang mit den Steuerzahlen der über 65-Jährigen den maximalen Mieten her, die sie aufgrund ihres Einkommens berappen können.

Demnach ist es im Kanton Zürich über 25’000 Pensionierten aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht möglich, mehr als 1000 Franken Miete pro Monat zu zahlen – das sind 22 Prozent der alleinstehenden über 65-Jährigen. Ehepaare dieser Altersklasse können sich wiederum nur monatliche Mietzinse von 1500 Franken leisten.

Im Kanton Zürich leben über 25’000 vermögenslose Pensionierte, die sich eine Miete von mehr als 1000 Franken pro Monat nicht leisten können.

Wohnraum dieser Preisklasse ist in Zürich allerdings rar, denn hier gilt unter Wohnungsmarktvertretern bereits ein Mietzins von monatlich 1400 Franken für Einpersonenhaushalte und 1700 Franken für Ehepaare als bezahlbar.

In der Immobilienwirtschaft gilt die Regel, dass die Wohnungsmiete maximal ein Drittel des Einkommens ausmachen darf. Bei Pensionierten sinkt das Einkommen allerdings deutlich. Sie können Mieten meist nur zahlen, wenn sie auch Vermögen oder Beiträge aus der beruflichen und privaten Vorsorge einbringen. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik lebt heute ein Fünftel aller allein wohnenden Frauen und ein Drittel aller allein wohnenden Männer im frühen Pensionsalter ausschliesslich von der AHV. Bei Eheleuten sind es 11 Prozent. Jeder achte Rentner bezieht zudem Ergänzungsleistungen.

Zusammenarbeit ist gefragt

Was also ist zu tun, damit Seniorinnen und Senioren trotzdem in eine altersgerechte Mietwohnung umziehen können? Die Studie stellt mehrere Ansätze dar. Hier eine Auswahl:

  • Tauschbörsen für Wohnungen: Das Modell funktioniert, wenn beide Parteien Wohnungen anbieten können, die tendenziell unter der Marktmiete liegen – und wenn die Verwaltungen den Tausch respektive die Nachmieter akzeptieren. Vertreter des Wohnungsmarkts geben bei der Befragung an, dass sie dieses Angebot unterstützen würden, sofern dabei neue Verträge mit einer allenfalls moderaten Anhebung des Mietzinses abgeschlossen würden.

  • Vergabe nach Quadratmeterpreis: Basel-Stadt bietet seit 2017 im Rahmen eines Pilotprojekts Mietern beim Umzug in eine kleinere Wohnung einen ähnlichen Quadratmeterpreis an. Dafür erfolgt bei einer Senkung des Referenzzinssatzes keine Senkung des Nettomietzinses. Die frei werdende grosse Wohnung wiederum kann instand gesetzt und zum quartierüblichen Preis vermietet werden.

  • Entgegenkommen bei der Vergabepraxis: Da Pensionierte oft ungeübt sind bei der Wohnungssuche, ist Entgegenkommen hilfreich. Hier die Resultate bei der Befragung der Wohnungsanbieter, welchen Mehraufwand sie auf sich nehmen würden: Welchen Aufwand Vermieter betreiben würden. (Grafik: Zimraum)

  • Vergrösserung des Angebots: Da gerade Seniorinnen und Senioren, die im Alter weiterhin selbstständig leben möchten, auf Wohnungen mit modernen und altersgerechten Ausbaustandards angewiesen sind, braucht es ein entsprechendes Angebot. Hier zeigt die Studie ein erfreuliches Resultat: Wo die Nachfrage am grössten ist, steigt die Bereitschaft, in dieses Segment zu investieren.

  • Vermittlung sozialer Institutionen: Damit Wohnraum auch an Pensionierte im tiefsten Einkommenssegment vergeben werden, ist die Zusammenarbeit mit einer vermittelnden sozialen Institution gefragt, die auch eine Mietzinsgarantie übernehmen kann. Diese können Personen auch nach Abschluss des Mietvertrags begleiten, wie zum Beispiel die Stiftung Domicil in Zürich, die auch Solidarhaftungen übernimmt.

Mietwohnungen statt Altersheim

Die Studie kommt zum Schluss, dass Wohnen im Alter nur für eine Minderheit der über 65-Jährigen betreutes Wohnen bedeutet. Um Seniorinnen und Senioren einen Lebensabend nach ihren Vorstellungen zu ermöglichen, sei ein besserer Zugang zum Mietwohnungsmarkt deshalb wichtiger als der Bau von Alterswohnungen und Residenzen – und es wäre auch weitaus kostengünstiger.

Genossenschaften nehmen die meisten Härtefälle auf. (Grafik: Zimraum)

Umso mehr liege es daher im Interesse der öffentlichen Hand, auch Härtefälle in dieser Altersklasse bei der Suche nach regulären Mietwohnungen zu unterstützen. Beispielsweise indem Bewilligungsbehörden bei Ersatzneubauten oder Sanierungsprojekten Konzepte einfordern, die eine Vermittlung neuer Wohnungen bei Leerkündigungen vorschreiben.

Erstellt: 18.07.2019, 11:01 Uhr

Die Studie «Demografie und Wohnungswirtschaft»

Die Studie «Demografie und Wohnungswirtschaft – seniorenfreundliche Zugänge zum Mietwohnungsmarkt» des sozialwissenschaftlichen Planungs- und Entwicklungsbüros Zimraum untersucht, wie Wohnungsinhaber bei der Vermietung den Eigenheiten von Pensionierten Rechnung tragen und auf welche Weise den über 65-Jährigen – auch den Härtefällen dieser Altersgruppe – der Zugang Wohnungen erleichtert werden könnte.

Die Studienautorin hat die Fallstudien in Zusammenarbeit mit den Partnern Age Stiftung, Bundesamt für Wohnungswesen, Dr. Stephan à Porta-Stiftung, Genossenschaft für Alters- und Invalidenwohnungen (gaiwo), Immobilien Basel-Stadt,der Livit AG Real Estate Management, der Mobimo AG, dem SVIT Zürich und SVIT Senior und dem Swiss real Estate Institute verfasst. Die Partner haben entsprechende Daten zur Verfügung gestellt. (tif)

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