Zürich debattiert – die anderen bauen

Zwei gescheiterte Projekte, fast 20 Jahre Wartezeit und noch immer kein neues Hardturmstadion. Andere Städte zeigen, wie es gehen könnte.

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«Zürich will einen Sporttempel» titelte der «Tages-Anzeiger» im Januar 1999. Der Stadtrat hatte damals entschieden, dass das neue Fussballstadion auf dem Hardturmareal gebaut werden soll. Heute Abend debattiert der Gemeinderat über das seither dritte Stadionprojekt.

Denn gebaut wurde bisher nicht. Rekurse und verlorene Abstimmungen verhinderten einen neuen Hardturm. In anderen Städten kamen Stadionprojekte deutlich besser voran: 2001 weihte der FCB den St.-Jakob-Park ein, 2003 folgte das Stade de Genève und 2005 das Stade de Suisse in Bern. Diese drei Stadien sind mit über 30’000 Zuschauerplätzen noch immer die grössten der Schweiz.

Zehn Stadien seit 2001

Auch kleinere Clubs erhielten neue Stadien – insgesamt zehn Spielstätten von Super-League- und Challenge-League-Clubs wurden in den letzten 17 Jahren neu eröffnet, darunter auch der neue Zürcher Letzigrund. In der obersten Schweizer Liga spielen nur noch der FC Lugano und der FC Sion in Stadien, die älter als 20 Jahre sind.

2001: St.-Jakob-Park
Basel

Bild: Gaetan Bally (Keystone)

Den Startschuss für das Jahrzehnt der Neubauten leitete der FC Basel mit dem «Joggeli» ein. Doch auch der St.-Jakob-Park brauchte mehrere Anläufe: Ein erstes Projekt verhinderte 1990 der Kanton, ein zweites wurde von der Stadiongenossenschaft zurückgezogen – man zweifelte an der Rentabilität. Das dritte Konzept überzeugte schliesslich alle.

Ab 1996 planten die Basler Architekten Herzog & de Meuron, bis 2001 wurde das Stadion für rund 250 Millionen Franken realisiert. Mit einer Kapazität von aktuell rund 38’000 Zuschauern übertrumpft es alle anderen Schweizer Arenen. Auch die effektiven Zuschauerzahlen sind nirgends höher: Im Schnitt kamen in der letzten Saison pro Spiel fast 26’000 in den St.-Jakob-Park.

2003: Stade de Genève
Genf

Bild: Gaetan Bally (Keystone)

Nur zwei Jahre nach dem Spatenstich im Jahr 2001 war das neue Genfer Stadion fertiggestellt. Die Bewilligung für das Projekt hatte der Stadtrat 1997 gegeben. 2008 war das Stade de Genève eine von vier Schweizer Spielstätten der Europameisterschaft.

Seit der Eröffnung wird über die Dimensionen des 240-Millionen-Projekts diskutiert: Im Schnitt besuchten in der vergangenen Saison nur rund 2200 Zuschauer die Challenge-League-Spiele des Servette FC.

2005: Stade de Suisse
Bern

Bild: Gaetan Bally (Keystone)

Alles endete und begann mit einem Knall: 2001 wurde das legendäre Wankdorfstadion gesprengt, vier Jahre später das neue Stade de Suisse eingeweiht. Es ist nach dem St.-Jakob-Park die zweitgrösste Schweizer Fussballarena. Die Fans strömen zu den Spielen ihrer Young Boys: Knapp 22’000 waren es im Schnitt. Auch das bedeutet Rang zwei hinter Basel.

Ganz ohne Hürden ging der Neubau auch in Bern nicht über die Bühne. Bereits 1997 bewilligte das Volk eine für den Neubau nötige Zonenplanänderung, 2000 scheiterte eine erste Eingabe. Ein Jahr später wurde das überarbeitete Projekt schliesslich genehmigt und anstelle des alten Wankdorf gebaut.

2007: Stade de la Maladière
Neuenburg

Bild: Sandro Campardo (Keystone)

Das Stadion in Neuenburg war der erste einer Reihe kleinerer Neubauten: Rund 12’000 Plätze fasst das 2007 fertiggestellte Stade de la Maladière. Der Vorgänger mit gleichem Namen wurde drei Jahre zuvor abgerissen, Xamax spielte zwischenzeitlich in La Chaux-de-Fonds.

Übrigens: Bei der Realisierung des Stadions spielte auch der ehemalige Bundesrat Didier Burkhalter eine Rolle. Er war bis 2005 Stadtpräsident von Neuenburg und verhandelte mit dem späteren Investor des Stadions Coop. Der langjährige Xamax-Präsident Gilbert Facchinetti sagte 2007 zur «SonntagsZeitung»: «Ohne Burkhalter würde es das neue Stadion nicht geben.»

2007: Letzigrund
Zürich

Bild: Gaetan Bally (Keystone)

Eigentlich hat Zürich ja auch einen Stadionneubau: Das Stadion Letzigrund, die heutige Spielstätte der Stadtclubs FCZ und Grasshoppers, wurde 2007 neu gebaut. Die Clubs fordern aber schon lange ein «echtes» Fussballstadion – ohne Kombination mit Leichtathletikanlagen, wie sie im Letzigrund besteht.

Der Grundsatzentscheid für den Ausbau des Letzigrunds wurde 1997 getroffen. Nachdem eine Jury 2004 das Siegerprojekt «Corculum Impressum» auswählte, trieb der Stadtrat den Neubau ein Jahr später weiter voran, weil absehbar wurde, dass das neue Hardturmstadion nicht rechtzeitig für die EM 2008 fertig wird. Im Juni 2005 genehmigte das Zürcher Stimmvolk den Baukredit von 110 Millionen und einen Zusatzkredit von 11 Millionen für die EM-Tauglichkeit des Stadions. Der Plan ging auf: 2008 fanden drei EM-Vorrundenspiele in Zürich statt.

2008: AFG-Arena/Kybunpark
St. Gallen

Bild: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Wehmütig erinnern sich viele Ostschweizer an das Dauerprovisorium Espenmoos – die Enge, die Nähe, die Stimmung! Doch schon lange vor dem Spatenstich für die AFG-Arena im Jahr 2005 war klar: St. Gallen braucht ein neues Stadion, um in den obersten Schweizer Spielklassen mitzumischen. Eine Reminiszenz ans altehrwürdige Stadion auf der anderen Seite der Stadt ist aber nach der Fertigstellung 2008 geblieben: Der Stehsektor heisst «Espenblock».

Und auch die Fans haben den Wechsel mitgemacht. Waren im Espenmoos zuletzt noch 11’300 Zuschauer zugelassen, verfolgten in der letzten Saison im Schnitt rund 12’600 die Spiele des FC St. Gallen – dritter Platz in der Liga. Das Stadion im Westen der Stadt war übrigens das erste in der Schweiz, das den Namen eines Sponsors trug. Mittlerweile wurden die Rechte an die Schuhmarke Kybun AG verkauft.

2011: Arena Thun/Stockhorn-Arena
Thun

Bild: Peter Schneider (Keystone)

Am Anfang der Geschichte des Thuner Stadionneubaus steht eine Niederlage: Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger lehnten 2006 eine öffentliche Finanzierung der neuen Heimstätte des FC Thun ab. Daher wurde die Finanzierung privat organisiert. Dann ging es verhältnismässig schnell: Die Verträge wurden 2007 unterzeichnet, eine nötige Umzonung 2008 bewilligt und der Bau 2010 begonnen. Schon 2011 stand das neue Stadion mit Platz für rund 10’000 Fussballfans.

2011: Swissporarena
Luzern

Bild: Urs Flüeler (Keystone)

Das Stadion Allmend in Luzern war ab 2007 nicht mehr ligatauglich. Bereits zwei Jahre später wurde es abgerissen, 2011 die Swissporarena eröffnet. Der FC Luzern gastierte zwischenzeitlich in Emmenbrücke, bevor er ins neue Stadion mit rund 16’500 Plätzen einziehen konnte.

2017: Lipo-Park
Schaffhausen

Bild: Visualisierung Fontana Invest

Erst vor einem guten Jahr wurde das neue Stadion des FC Schaffhausen eingeweiht – es war der Abschluss einer langwierigen Planung. Bereits in den 1990er-Jahren genügte das alte Stadion Breite den Anforderungen der Swiss Football League nicht mehr – bis zum Neubau spielte man über 20 Jahre mit einer provisorischen Bewilligung. Das Projekt musste mehrfach redimensioniert werden und kostete schliesslich 60 Millionen.

Bemerkenswert ist nicht nur die lange Planungsphase, sondern auch die Solaranlage auf dem Dach. Sie deckt mehr als den Energiebedarf des Stadions und wurde 2017 mit dem Schweizer Solarpreis in der Kategorie Neubauten ausgezeichnet.

Im Bau: Stade de la Tuilière
Lausanne

Bild: Visualisierung mlzd/Sollberger Bögli Architekten AG

Seit 2014 in Planung, soll das neue Stadion in Lausanne am See bereits im nächsten Sommer eröffnet werden. Im Unterschied zur Pontaise, die wie der Letzigrund auch ein Leichtathletikstadion ist, wird das Stade de la Tuilière ein reines Fussballstadion sein. 12’000 Zuschauer sollen bald die Spiele des FC Lausanne verfolgen können.

In Planung: Torfeld Süd
Aarau

Bild: Visualisierung Burkard Meyer Architekten BSA

Auch die Geschichte des geplanten Stadions in Aarau zieht sich schon seit über zehn Jahren hin: 2007 genehmigte das Aarauer Stimmvolk einen Planungskredit, 2008 im Grundsatz das Stadion mit Mantelnutzung. Doch 2009 folgte Ungemach: Wie in Zürich legten Anwohner Rekurs gegen das Projekt ein. In den folgenden Jahren wurden zwar verschiedene Rekurse abgelehnt, doch der Bau verzögerte sich.

Mittlerweile sind eine neues Fussballstadion und vier Hochhäuser geplant. Diese Hochhäuser benötigen vor dem Bau eine Bewilligung. Dafür ist eine Revision des Nutzungsplans notwendig. Wie in Zürich will der Stadtrat darüber das Volk abstimmen lassen. Und wie in Zürich ist noch völlig offen, ob und wann das Stadion dereinst fertiggestellt werden kann. Geplant ist eine Eröffnung im Jahr 2021.

In Planung: Stadio di Cornaredo
Lugano

Bild: Visualisierung Stadt Lugano

Auch der FC Lugano soll bis 2021 ein Stadion mit 10’000 Plätzen im geplanten neuen Quartier Cornaredo erhalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 16:26 Uhr

Der lange Weg zum neuen Hardturmstadion

2003
Die Zürcher stimmen über das sogenannte Pentagon-Projekt ab. Ein Stadion, das 30'000 Zuschauer gefasst hätte – mit Shoppingcenter in der Mantelnutzung. Die Credit Suisse (CS) sollte es bauen, die Stadt sich mit 47,7 Millionen Franken daran beteiligen. Das Stimmvolk nimmt das Projekt an der Urne deutlich an.

2004
Das Pentagon-Stadion hätte Austragungsstätte für Spiele der EM 2008 werden sollen, welche die Schweiz und Österreich organisierten. Rekurse von Anwohnern blockieren den Bau des Stadions jedoch; bald ist klar, dass es mit dem Bau bis zur EM knapp werden könnte.

2005
Da der Hardturm vielleicht nicht rechtzeitig auf die EM fertig sein wird, forciert der Stadtrat den Neubau des Letzigrunds. Im Juni 2005 heissen die Stimmbürger den Neubau und einen 11-Millionen-Zusatzkredit für die Eurotauglichkeit des Stadions gut.

2008
Im Sommer finden im neuen Letzigrund EM-Spiele von Frankreich, Italien und Rumänien statt. Im Winter folgt der Abbruch des Hardturms, in dem seit mehr als einem Jahr kein Spiel mehr ausgetragen worden ist.

2009
Der Rechtsstreit, der den Pentagon-Bau blockiert hat, dauert weiter an. Die Credit Suisse reagiert darauf, indem sie aus dem Projekt aussteigt. Die Grossbank verkauft das Areal für 50 Millionen Franken der Stadt, die nun selber ein Stadion bauen will.

2010
Die Stadt will ein kleineres Stadion ohne Shoppingcenter: 16 000 Zuschauer und gemeinnützige Wohnungen sollen auf dem Hardturmareal entstehen.

2013
Das Badener Büro Burkard Meyer Architekten gewinnt den Wettbewerb. Über das Stadion, das 216 Millionen Franken gekostet hätte, stimmen die Zürcher 2013 ab. 50,8 Prozent sind dagegen.

2014 bis 2016
Trotz Niederlage an der Urne schreibt die Stadt 2014 einen neuen Investorenwettbewerb aus. Fünf Bewerberteams nehmen teil, HRS geht mit dem Projekt Ensemble als Gewinner hervor.

Voraussichtlich 2018
Die Stadtzürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger stimmen zum dritten Mal über ein neues Hardturmstadion ab.
(sip)

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