Zum Hauptinhalt springen

«Initianten! Was! Ist! Denn! Das?»

Charlotte Theile schrieb in der «Süddeutschen Zeitung» über Zürich. Sie berichtet von Wörtern, die in Deutschland Lachsalven auslösten.

Der viele Beton rund um die Hardbrücke ist Charlotte Theile ans Herz gewachsen.
Der viele Beton rund um die Hardbrücke ist Charlotte Theile ans Herz gewachsen.
Gaëtan Bally, Keystone

Es sind die letzten Tage vor Weihnachten, um mich herum liegen überall Pakete. Die Dinge darin bedeuten mir zwar etwas, fühlen sich aber absolut nicht wie Geschenke an. Als ich 2014 in eine kleine Wohnung in Höngg zog, dauerte es eine Stunde, bis alles, was ich besass, oben war. Nun ist es so, dass mich in zehn Stunden ein Unternehmen abholt und ich immer noch Gerichtsurteile, Kunstbände und PR-Kampagnen sortiere.

Immer wenn ich eine Pause brauche, spaziere ich durch Zürich, an fast jeder Ecke fällt mir eine Begegnung oder eine Geschichte ein. Der viele Beton rund um die Hardbrücke, von meinen deutschen Freunden liebevoll «Schweizer Kubismus» genannt, ist mir fast ebenso ans Herz gewachsen wie die gedämpften Brötchen, die es bei meinem Lieblingsasiaten zu kaufen gibt. Um den derzeit noch unbegrenzten Zugang zu diesen Brötchen zu nutzen, gehe ich im Moment täglich dort vorbei. Der Kellner schaut mich inzwischen etwas seltsam an – bestellen aber muss ich längst nicht mehr.

Es wird eine Zeit dauern, bis ich in Leipzig ein Lokal gefunden habe, in dem es nur ein kurzes Nicken braucht, um das einzig richtige Essen auf der Speisekarte zu bekommen. Nun ja.

«Das hochdeutsche Wort ‹Initiatoren› hatte ich zu dem Zeitpunkt längst vergessen.»

Das erste Mal habe ich mich an einem nebligen Donnerstagmorgen so richtig zu Hause gefühlt, irgendwann im Herbst 2015. Ich hatte einen der Planungsredaktoren der «Süddeutschen Zeitung» am Telefon, einen für gewöhnlich ziemlich sachlichen und vor allem gut beschäftigten Mann. Dieses Mal aber rief er mich nur an, um Witze zu machen. Ein Wort in meinem Text bereitete ihm so viel Freude, dass er gleich das ganze Newsdesk mitunterhielt. «Initianten» dröhnte es durch das Telefon. «Initianten! Was! Ist! Denn! Das?»

Ich war ehrlich verwirrt. War es das System Volksabstimmung, das dem Kollegen so viel Freude bereitete? Ich erklärte, es handle sich um jene Gruppe, die die Abstimmung losgetreten habe, erst Unterschriften gesammelt, dann Plakate geklebt. Am anderen Ende der Leitung aber wurde die Fröhlichkeit noch grösser. Irgendwann dämmerte es mir: Das Wort «Initianten» selbst klang in München urkomisch.

Das hochdeutsche Wort «Initiatoren» hatte ich zu dem Zeitpunkt längst vergessen, es schien mir sogar irgendwie falsch.

Südseestaat Schweiz

Missverständnisse gab es immer wieder. Es fiel der Redaktion schwer zu verstehen, warum ich nicht von «Züricher Preisen» schreiben wollte – oder welchen Teil der Schweiz ich meinte, wenn ich von einem Problem der Agglomeration berichtete. Den Unterschieden in der Grammatik (etwa, dass Schweizer meistens auf Konstruktionen mit «dass» verzichten) widmete ich einmal sogar ein ganzes Interview. Eine Sprachforscherin erklärte darin «die regional gebräuchliche Grammatik», es klang ein bisschen so, als spräche man mit einem Ethnologen über die faszinierenden Bräuche eines entlegenen Südseestaats.

Manche Schweizer Wörter allerdings sind so schön, lustig oder einfach lebendig, dass sie selbst zum Thema wurden. Etwa das «Hornen» der Schiffe auf dem Zürichsee, das im Sommer 2016 eine alte Dame dazu brachte, schwimmen zu gehen. Der Artikel, den ich damals über diese und andere «First World Problems» verfasste, kam immer wieder auf dieses Verb zu sprechen – er brachte mir zudem einige der schönsten Leserbriefe aus der Schweiz ein. Aber dazu ein anderes Mal.

Andere Wörter waren eher ein Privatvergnügen. Dass etwas «harzig» läuft, hätte ich am liebsten täglich geschrieben, dass gewisse Leute nochmals «über die Bücher müssen» ebenso. Meine Redaktion fand das nicht ganz so lustig wie die Initianten, liess es aber erstaunlich oft durchgehen.

Mühsam und sehr mühsam

Was zuverlässig gut ankam: die sorgfältige Art, mit der Schweizer ihr Missfallen ausdrücken. «Wenn ich sage, Kollege Müller sei etwas mühsam, dann bedeutet das, ich kann keinen Tag länger mit ihm zusammenarbeiten», versuchte ich zu erklären.

Ein Münchner Kollege fragte, was es bedeuten würde, als «sehr mühsam» zu gelten, er habe selbiges über einen Schweizer Politiker gehört. Ich dachte kurz nach: «Das heisst vermutlich das Gleiche, was es auf Hochdeutsch heissen würde. Er ist unerträglich, man hat aufgegeben, ihn ändern zu wollen.» Mein Kollege fand das gar nicht lustig, sondern nachvollziehbar und sogar ein bisschen elegant.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch