Zu teuer, zu langsam –
die E-Trotti-Bilanz

Ein Master-Student hat die Angebote an Miet-Trottinetten und E-Velos in Zürich untersucht. Fazit: Die Scooter sind überteuert.

Mit dem Scooter zum Tram: Was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis nicht so einfach. Foto: Urs Jaudas

Mit dem Scooter zum Tram: Was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis nicht so einfach. Foto: Urs Jaudas

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Sie haben die Stadt unversehens überflutet, und nun sorgen sie für Ärger, weil sie entweder im Weg stehen oder ihre Nutzer kreuz und quer durch die Gegend fahren: Elektro-Scooter. Angepriesen werden die Gefährte als günstige Lösung für die «letzte Meile», also die Distanz zwischen ÖV-Haltestelle und Haustür. Aber stimmt das?

Bislang war das kaum zu überprüfen. Zahlen und Statistiken, die darüber Aufschluss geben könnten, gehören zu den gut gehüteten Geheimnissen einer Branche, in welcher Konkurrenzkampf und Preisdruck riesig sind. Und selbst über die Fahrpreise kann man sich als Konsument nur dann informieren, wenn man die App der Anbieter herunterlädt und ein Nutzerkonto eröffnet. Einzig die E-Bike-Anbieter Smide und Publibike veröffentlichen ihre Preise online.

Scooter sind teuer

Doch nun bringt eine Masterarbeit der ETH Licht ins Dunkel. Monatelang hat Starkadur Hrobjartsson die Daten aus den Apps Tier, Circ, Bird sowie Smide und Publibike gesammelt und analysiert (Lime fehlt, weil die Firma zu Studienbeginn in Zürich nicht präsent war). In seiner Studie hat Hrobjartsson aufgrund dieser Basis Preise, Verfügbarkeit und Fahrzeiten verglichen – auch mit dem öffentlichen Verkehr.

Das wichtigste Fazit aus dem umfangreichen Datensatz fasst Betreuer Roland Schmid so zusammen: «Trottinette lohnen sich kaum: Sie sind langsamer und nur auf ganz kurzen Distanzen günstiger als ÖV und ­E-Bikes.» Sobald die Fahrzeit aber drei Minuten übersteigt, sind die Kosten sehr schnell sehr viel höher als mit Tram und Bus. Denn für die Nutzung der Scooter zahlt man aktuell eine Grundgebühr von einem Franken und je nach Anbieter 35 bis 45 Rappen pro Minute. Ein Kurzstreckenticket in der Stadt Zürich kostet 2.30 Franken, ein Ticket für das ganze Stadtnetz 3.10 Franken.

In Aussenquartieren sind die Scooter etwa 700 Meter entfernt

Zur Einordnung: Auf den allermeisten Fahrten sind Scooter mit rund zehn Stundenkilometern unterwegs, also gerade mal doppelt so schnell wie ein Fussgänger, auch das zeigen die Daten der ETH. Damit schafft man in vier Minuten eine Distanz von etwa 600 Metern. Wer mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern fährt, schafft in vier Minuten maximal 1,3 Kilometer. Die Scooter lohnen sich finanziell also nur auf Strecken, die man gut zu Fuss bewältigen kann und auf denen der Zeitgewinn verhältnismässig gering ist.

Störfaktor E-Trotti: Sie versperren die Gehwege in der ganzen Stadt. Foto: Urs Jaudas

Auch gegenüber den E-Bikes sieht die Bilanz – was die Kosten betrifft – nicht viel besser aus. Smide ist mit 25 Rappen pro Minute ohnehin billiger als die Trottinette, dasselbe gilt für Publibike, sofern man für 29 Franken im Monat ein E-Bike-Abo löst. Und selbst das teuerste Publibike-Angebot – für eine Grundgebühr von 4.50 Franken kann man dreissig Minuten fahren, danach kostet die Minute 10 Rappen – ist nach zehn Minuten Fahrzeit günstiger.

Warum fahren dennoch so viele Menschen Trottinett? «Ganz ehrlich: keine Ahnung», sagt Roland Schmid. «Vielleicht weil man sie so oft sieht.» Das gilt allerdings nur für das Stadtzentrum. Wie die Masterarbeit zeigt, kann die durchschnittliche Gehdistanz zum nächsten Fahrzeug in den Aussenquartieren bis zu 700 Meter und mehr betragen.

Die Wasserschutzpolizei zieht regelmässig Trottinette aus dem See und der Limmat. Das kostet die Anbieter 100 Franken Gebühr pro Stück.

Eine ganz andere Frage ist, ob das Geschäft mit den Leihgefährten rentabel ist. Detaillierte Zahlen rücken die Anbieter nicht heraus. Smide ist zumindest bei den Betriebskosten «auf dem Weg zur Rentabilität», wie Chef Raoul Stöckle sagt. Post-Tochter Publibike steckt hingegen in den roten Zahlen. Auch Bird schrieb im Frühling 100 Millionen Dollar Verlust. Und unlängst meldete die «Handelszeitung», Lime habe dieses Jahr ein Minus von mehr als 300 Millionen Dollar gemacht – das bei einem Umsatz von gut 430 Millionen Dollar.

Ein grosses Problem der Trotti-Anbieter: Zumindest die erste Generation der Scooter ging viel zu schnell kaputt. Die Masterarbeit macht dazu keine Angaben. Für Aufsehen sorgte aber im März dieses Jahres ein US-amerikanisches Onlinemagazin, das die öffentlich einsehbaren Daten von Louisville ausgewertet hatte: Demnach überlebten die Trottis gerade mal einen knappen Monat. Vor allem Vandalismus und ruppige Fahrweise machen den Anbietern zu schaffen.


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Daniel Scherrer, Sprecher von Circ, sagt, man habe eigens für die Schweiz neue, stabilere Scooter entwickelt. Diese hätten eine Nutzungsdauer von acht bis zwölf Monaten; die Akkus liessen sich mindestens 500-mal laden. Und was passiert danach? «Können wir ein E-Trotti nicht reparieren, so rezyklieren wir es», sagt Scherrer. Und die Akkus? «Wir sind in Gesprächen mit Partnern, damit diese in einem Generator weiterhin eingesetzt werden können.»

Vandalismus sei in Zürich kein allzu grosses Problem. Tatsache ist allerdings, dass die Wasserschutzpolizei regelmässig Trottinette aus dem See und der Limmat zieht. Und das kostet die Anbieter 100 Franken Gebühr pro Stück.

Erstellt: 26.11.2019, 22:28 Uhr

Wie oft werden E-Trottinett-Fahrer gebüsst?

Ein Handyfoto von einem Bird-Trottinett, das am Boden liegt, ein Tweet an die Stadtpolizei Zürich und ein paar Zeilen, die den Unmut zusammenfassen: Das beginne langsam zu nerven, schreibt die Frau.

Für E-Trotti-Fahrer gelten eigentlich klare Regeln, wo sie ihr Gefährt abstellen dürfen. Entweder auf dafür vorgesehenen Flächen oder auf dem Trottoir, wenn daneben ein eineinhalb Meter breiter Raum frei bleibt.

Es halten sich aber nicht alle daran. Verschiedene Städte in Deutschland büssen inzwischen E-Trottinett-Betreiber fürs Falschparkieren, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete. Die Bussen können wiederum den Benützern verrechnet werden. Diesen Passus im Kleingedruckten findet man auch in der Schweiz – gleich wie etwa bei Mietwagen.

In Winterthur sammelt die Stadt beim Bahnhof die falsch parkierten Scooter ein und verlangt 50 Franken, wenn die Betreiber das Fahrzeug zurückwollen. Der Betreiber Circ hat diese Gebühr aber noch nie an die Kunden weitergegeben und auch erst selten bezahlen müssen, wie es auf Anfrage heisst.

In der Stadt Zürich müssen sich Falschparkierer kaum vor Bussen fürchten. In Zürich gilt ein anderes Regime: Via Whats­app-Chat informiert sie die Betreiber über falsch parkierte ­E-Trottis, diese müssen dann die Unternehmer einsammeln lassen. «Im Gegensatz zum Vorjahr sammelt Entsorgung + Recycling Zürich deshalb keine E-Trottinette der Verleihfirmen ein», sagt ein Sprecher auf Anfrage. Wie viele Meldungen bei der Veloordnung von ERZ eingehen, kann der Sprecher allerdings nicht ­beziffern.

Auch in der Stadt Zürich wird aber gebüsst, wer fahrend mit dem E-Trottinett gegen Regeln verstösst. Wie oft das geschieht, ist noch unklar. Aber seit vergangenem August kann die Stadtpolizei Zürich herausfiltern, wie oft sie E-Trottinett-Fahrer büsst, die verbotenerweise auf Trottoirs unterwegs sind. Eine genaue Zahl will Sprecher Marc Surber indes noch nicht nennen. Denn es gebe keine Vergleichswerte, die Zahl hätte daher noch keine Aussagekraft. (sip)

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