«Zu viel Veränderung macht uns schwindlig»

Die TA-Redaktion hat ihren Arbeitsplatz in die Kirche verlegt. Weshalb eine solche Veränderung verärgern kann, aber gut ist, erklärt Psychotherapeutin Annina Hess.

«Den Menschen ist die Spiritualität wichtig», sagt Annina Hess – hier in der Kirche St. Peter. Foto: Andrea Zahler

«Den Menschen ist die Spiritualität wichtig», sagt Annina Hess – hier in der Kirche St. Peter. Foto: Andrea Zahler

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Frau Hess, Kirchen sind grosse, leere Räume. Wieso wollen Sie das ändern und sie zum Arbeitsplatz machen?
Ich will die Kirche nicht verändern. Als Psychotherapeutin an Spitälern habe ich viele Menschen begleitet, von der Geburt bis zum Grab. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig den Menschen die Spiritualität ist – und wie sehr sie sich diesbezüglich heimatlos fühlen, weil die Religion für sie an Bedeutung verloren hat. Von der Kirche als Institution fühlen sich viele Menschen nicht mehr abgeholt. Als Präsidentin des Vereins St. Peter habe ich mich gefragt, wie wir diese Lücke schliessen können.

Sie wollen nicht die Kirche ändern, sondern uns?
Nein, das Projekt «Arbeit in der Kirche» hat keinen missionarischen Anspruch. Aber wir interessieren uns dafür, was ein solcher Arbeitsort mit den Menschen macht. Setzen sie sich in dieser Zeit mehr mit Spiritualität auseinander? Lassen sie sich mental darauf ein?

Bei mir hat das Experiment ein bestimmtes Muster ausgelöst: Ich habe es verdrängt, habe mich am Vorabend darüber geärgert, bin dann durch die schöne Zürcher Altstadt in die Kirche spaziert und fand es plötzlich nicht mehr so schlimm. Sind das natürliche Prozesse einer Veränderung?
Ja. Es ist wie eine Art ABC der Veränderung, das man lernen und trainieren kann.

Wieso soll man das tun?
Veränderungen prägen das Leben. Viele geschehen, ohne dass wir es wollen. Wenn man sich etwas darin übt, hat man eine bessere Chance, damit umzugehen. Im Spital habe ich erlebt, dass Menschen plötzlich aus der Bahn geworfen werden, auch wegen einer kleineren, nicht lebensbedrohlichen Krankheit. Aber sie sahen sich auf einmal einer Veränderung gegenüber, mit der sie nicht umgehen konnten.

Man soll sich also stetig etwas ändern, um gewappnet zu sein für Grösseres?
In gewisser Weise ja. Man kann sich auch in kleinen Dingen ändern, am Morgen einen anderen Weg zur Arbeit nehmen, die Zeitung in einem anderen Café lesen, als man das üblicherweise tut. Es nützt auch, seine Grenzen auszuloten, etwa, alleine in ein Restaurant zu gehen. Das Ziel wäre, einen eigenen Umgang mit Veränderungen zu entwickeln, sich mental dafür fit zu machen.

Es gibt unterschiedliche Arten von Veränderungen, gewollte und ungewollte. Gilt das Training für beide?
Ja. Auch gewollte, schöne Veränderungen können einen durchrütteln. Bei Müttern, die unlängst geboren haben, kommt häufig nach drei Tagen der Babyblues. Sie weinen, obwohl ihr Kind gesund und sie eigentlich glücklich sind. Dann fühlen sie sich schlecht, weil sie traurig sind.

Was haben Sie diesen Frauen jeweils gesagt?
Dass sie in einem natürlichen Prozess sind. Sie trauern um ihr altes Leben, das vorbei ist, und fürchten sich vielleicht vor dem neuen. Aber in meinen Augen ist das die Reaktion eines gesunden Menschen. Wer trauert, loslässt, sich verändert, kann weitergehen. Wer das nicht macht, kann auch erstarren und depressive Züge entwickeln. Auch ein Berufswechsel kann eine grössere Veränderung darstellen, als wir meinen: Man getraut sich, etwas Neues anzufangen, freut sich, muss Abschied nehmen und vielleicht auch trauern. Dann geht es weiter, man muss sich neu zurechtfinden und neu behaupten.

Viele Leute klagen eher über zu viel Veränderung als über zu wenig. Firmen reorganisieren sich ständig, die Scheidungsrate ist hoch, die digitale Entwicklung schnell. Kann es auch zu viel Veränderungen geben?
Ja. Veränderung und Stabilität sollten im Ausgleich sein. Wenn alles um einen herumwirbelt, findet man die Bodenhaftung auch nicht. Ich habe beobachtet, dass es immer mehr Menschen gibt, die über Schwindel klagen. Das führe ich auf die Unruhe unserer Zeit zurück. Zu viel Veränderung macht uns schwindlig. Aber was zu viel ist, ist sehr individuell. Genau das gilt es, herauszufinden.

Haben Frauen weniger Mühe, sich zu verändern, als Männer?
Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass das stimmt. Ich würde es aber nicht auf das Geschlecht zurückführen, sondern auf die Sozialisation. Männer galten lange als die Ernährer in der Familie. Sie wählten einen Beruf und behielten diesen bis zur Pension, um das Geld nach Hause zu bringen. Sie konnten sich den Luxus nicht leisten, sich beruflich zu verändern, und waren es nicht gewohnt. Ich habe viele Männer erlebt, die darunter gelitten haben.

Für Frauen war das anders?
Zu einem gewissen Grad ja. Ich zum Beispiel hatte diesen Luxus. Als Mutter blieb ich erst zu Hause, um für die Kinder da zu sein. Aber es fiel mir unerwartet die Decke auf den Kopf. Deshalb musste ich Abschied nehmen von meiner Vorstellung, allein als Mutter und Hausfrau Erfüllung zu finden, und musste eine Veränderung wagen. Das führte mich zu meinem Beruf als Psychotherapeutin.

Erstellt: 18.07.2019, 21:49 Uhr

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Annina Hess

Die 1951 geborene Psychotherapeutin ist Präsidentin des Vereins St. Peter und hat das Projekt «Arbeit in der Kirche» vorangetrieben. Sie lebt in Zürich. (meg)

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