Zürcher Clubs brechen mit Red Bull – wegen rechter Äusserungen

Künstler wenden sich ab, der Club Zukunft kündigt die Zusammenarbeit für nächstes Jahr auf: Dem Red Bull Music Festival in Zürich laufen die Protagonisten davon.

Das wird so nicht mehr stattfinden: Partyvolk im Club Zukunft an der letztjährigen Ausgabe des Red Bull Music Festival. Foto: PD

Das wird so nicht mehr stattfinden: Partyvolk im Club Zukunft an der letztjährigen Ausgabe des Red Bull Music Festival. Foto: PD

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Red-Bull-Gründer und Firmenchef Dietrich Mateschitz gilt in gemässigten bis linken Kreisen als Reizfigur. In einem vielbeachteten Interview mit der österreichischen «Kleinen Zeitung» vor ein paar Jahren sagte der Multimilliardär, dass man Flüchtlinge an der Grenze abweisen solle. Ebenso initiierte er den Fernsehsender Servus TV, bei dem wiederholt rechtsnationale Stimmen auftraten. Dazu kommen die Aussagen des von Red Bull gesponserten Stratosphärenspringers Felix Baumgartner, der sich gegen demokratische Werte und für eine «gemässigte Diktatur» aussprach.

Für einige Exponenten der Zürcher Clubkultur ist das nicht vereinbar mit ihren eigenen Werten. Clubbetreiber, DJs und Moderatoren distanzieren sich derzeit öffentlich von der Marke. Die Betreiber des Clubs Zukunft etwa kündigten gestern über Facebook an, die Zusammenarbeit mit dem Energy-Drink-Hersteller zu beenden. Zusammen mit Red Bull veranstalten sie seit vielen Jahren in Zürich ein Musikfestival. Nach der Austragung in diesem Jahr soll Schluss sein. Die Bar Kasheme im Kreis 5 zog postwendend nach. Beide Clubs sind bei der diesjährigen Ausgabe aber noch dabei.

Festival geniesst Ansehen

Seit vielen Jahren veranstaltet Red Bull in Zürich mehrtägige Musikfestivals mit Konzerten, Talks und Clubabenden. Sie finden jeweils an verschiedenen Zürcher Orten statt und geniessen in Insiderkreisen hohes Ansehen. Das Programm des Festivals liest sich vielfältig, zeitgemäss und auf Diversität ausgerichtet. Es spielen Bands und DJs aus diversen, nicht zuletzt experimentellen Sparten.

Doch nun stellen die Clubs Politik über Kunst. «Fremdenfeindliche Äusserungen und rechtspopulistischer Händel widersprechen unseren Prinzipien», schreiben die Betreiber des Clubs Zukunft auf ihrer Facebook-Seite. Clubkultur sei für sie ein «Vehikel für Vielfalt und Pluralismus». Mit den rechtspopulistischen Ansichten, die vom Konzern befördert würden, sei eine rote Linie überschritten worden. Besonders in einer Zeit, in der sich die negativen Auswirkungen rechtsnationaler Politik immer mehr zeige, erfordere dies eine Reaktion. Man werde nicht nur die Zusammenarbeit mit Red Bull aufkündigen, auch die Energy-Drinks sollen im Club künftig nicht mehr über den Tresen gehen.

Die kritischen Stimmen kommen auch aus anderen Ecken des Zürcher Nachtlebens. So äusserte sich der Zürcher DJ Nicola Kazimir in einem Post bei Facebook gegen eine Teilnahme am Festival. Dies schreibt die «Wochenzeitung» (WOZ) in ihrer aktuellen Ausgabe. Auch der Moderator und Journalist Ugur Gültekin, der in der Vergangenheit mit Red Bull zusammenarbeitete, kündigte an, dies künftig nicht mehr tun zu wollen. Er erhoffe sich durch seine Aussage eine offene Diskussion.

«Die Sache ist kompliziert»

Der Konzern war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. «Red Bull nimmt keine Stellung zu politischen Themen», steht im Antwortmail. Wer sich ein Bild des Engagements des Konzerns in den Bereichen «Musik, Tanz, Sport, Kunst und Social Entrepreneurship» machen möchte, schaue sich «am besten das Programm der Marke an», das spreche für sich. Eine ähnliche Antwort erhielten auch die Betreiber der Zukunft, die von Red Bull eine Stellungnahme verlangten. Der Zukunft-Mitbetreiber Alex Dallas sagt: «Red Bull stellt sich der Debatte nicht, was für uns ebenfalls ein Grund war, die Zusammenarbeit zu beenden.»

Dabei kann Dallas dem kulturellen Engagement seitens Red Bull durchaus auch Gutes abgewinnen. Künstler etwa würden gut bezahlt. «Die Sache ist kompliziert», sagt Dallas. Dies zeige auch die Tatsache, dass gewisse amerikanische DJs, die in diesem Jahr am Festival auftreten, ihre Gagen in jeweils soziale Einrichtungen fliessen lassen. Auch sei das Festival für viele hiesige Musiker eine wichtige Einnahmequelle und eine Gelegenheit, sich zu zeigen.

Der Zürcher Musiker Bit-Tuner, der im letzten Jahr an dem von Red Bull organisierten Festival auftrat, sagt: «An der Veranstaltung treten Künstler in Zürich auf, die ohne eine derartige finanzielle Unterstützung nicht hier auftreten könnten.» Dem Vernehmen nach schiesst Red Bull jährlich einen hohen siebenstelligen Betrag in diese Art von kultureller Förderung ein.

Mit Musiklegenden plaudern

Begonnen hat der Energy-Drink-Produzent sein Engagement vor 20 Jahren innerhalb diverser Technosubkulturen. Es reicht heute bis in avantgardistische Popkreise. Bei den Festivals, die weltweit stattfinden, ist jeweils die finanzielle Schlagkraft des Unternehmens sichtbar: Headliner wie Björk erhalten eine Carte blanche für aufwendige Shows, renommierte Musikjournalisten steuern Essays zum Programm bei, die herkömmliche Medien nicht mehr in Auftrag geben. Auch kommen Newcomer in den Genuss von Förderprogrammen, und Musiklegenden oder jüngere Exponenten plaudern unter dem rot-gelben Bullenlogo über ihre Karrieren. Nicht selten äussern sie dabei Kritik an rechtsnationaler und populistischer Politik. Einmischen tut sich der Konzern nicht.

Ausgangspunkt der aktuellen Debatte war die Absage des Hip-Hop-Labels Live from Earth bei der diesjährigen Red Bull Music Academy in Berlin. Das Label sagte die geplante Show Anfang Oktober kurzfristig ab. Als Grund nannte es die «politische Konstellation» bei dem Event und, wie auch in Zürich, ein «fehlendes klares Statement» seitens von Red Bull. Die Absage war zwar ein Einzelfall. Doch entfachte sie eine Debatte, die nun auch in Zürich auflodert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2018, 14:52 Uhr

Zürich und der rote Stier

Das dritte Red Bull Music Festival Zürich startet am Dienstag, 6. November, und dauert bis Samstag, 10. November. Neben diversen Konzerten und DJ-Sets sind Podiumsdiskussionen zum Thema Kunst und Musik geplant. Das Festival ist nicht der einzige Anlass, mit dem das Unternehmen in Zürich Präsenz markiert. Immer wieder ist der Energy-Drink-Hersteller als Sponsor aktiv oder führt Events durch.

Internationale Wettkämpfe

So fand am 29. September dieses Jahres das Finale des 15. Red Bull BC One, der offiziellen Weltmeisterschaft der Breakdancer, in Zürich statt. Am Breakdance Battle im Hallenstadion zeigten die Finalisten – und erstmals auch Finalistinnen – aus dem In- und Ausland ihr Können. In den beiden Tagen davor führte Red Bull im Komplex 457 Workshops, Ausstellungen, Vorlesungen und Screenings zum Thema Hip-Hop und Urban Dance durch.

Auch am zweiten Red-Bull-Anlass des Jahres ging es um einen internationalen Wettkampf: Die 16 Schweizer Finalisten des Nachwuchs-Fussball­turniers «Red Bull Neymar Jr’s Five» traten am 20. Juni in Zürich gegeneinander an. Die Siegermannschaft, Team Gerjzat aus Luzern, reiste noch im Juli zum Finale nach Brasilien.

Ein Wettkampf, bei dem es vor allem um viel Spass für Teilnehmer und Zuschauer ging, war der Red Bull Flugtag, der 1997 und 2016 auf der Landiwiese stattfand. Die Hobbypiloten flogen dabei in ihren selbst gebastelten Fluggeräten über eine sechs Meter hohe Rampe in den Zürichsee. Zu gewinnen gabs 2016 einen Flug mit der Air Zermatt zum Jungfraujoch.

Spass und Unterhaltung stehen jeweils auch bei den Red Bull Energy Stations – einer Art Bar mit Musik und Tanz – im Vordergrund. Das Unternehmen ist damit seit Jahren an verschiedenen Openairs präsent. Unter anderem auch am Zürich Openair in Glattbrugg.

Sprung in den Tod

Ein tragischer Unfall ereignete sich am 11. November 2009, als Basejumper Ueli Gegenschatz anlässlich eines Werbeauftritts für Red Bull vom 88 Meter hohen Sunrise Tower in Zürich-Oerlikon sprang und gegen eine Kante des 25 Meter hohen Sockelgebäudes der Türme prallte. Der 37-jährige Appenzeller schlug danach auf dem Boden auf und erlag zwei Tage später im Spital seinen Verletzungen.

2009 verunglückte auch der amerikanische Fallschirmspringer Eli Thompson bei den Dreharbeiten für einen Red-Bull-Promotionsfilm im Lauterbrunnental tödlich. Seit jenem Jahr steht die Marketingstrategie von Red Bull mit ihrem Fokus auf Extremsport in der Kritik.

Tina Fassbind

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