«Zürcher Frauen sind kultiviert»

Sänger Endo Anaconda ist ein genauer Beobachter des Schweizer Alltags. Ein Gespräch über langweilige Städte, Wallisellen und das andere Geschlecht.

Gut gelaunt: Endo Anaconda im Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Sabina Bobst

Gut gelaunt: Endo Anaconda im Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Sabina Bobst

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Vereinbart war ein Treffen in der Kronenhalle-Bar, nachmittags um eins. «Da gibts feine Gin Tonic», sagte Endo Anaconda am Telefon. Gestern dann die Planänderung. «Wir müssen uns irgendwo beim Bahnhof treffen; ich habe mir den Fuss verknackst.» So sitzt der Journalist diesem Beobachter des Schweizer Alltags, dem ewig lakonischen Mundart-Blueser mit der rauchigen Stimme im neuen Lokal Time am Hauptbahnhof gegenüber – mit Blick auf das Treiben auf den Gleisen. Anaconda hat soeben eine ausgedehnte Tour hinter sich und wirkt müde, aber munter. Er bestellt Gin Tonic.

Nicht ganz gleichwertig zur Kronenhalle, das Lokal hier. Was denken Sie?
Gefällt mir ganz gut. Vor allem die Aussicht. Die Kronenhalle-Bar ist natürlich ein Stück authentisches Zürich. Wie die Kontiki- oder die Züri-Bar. Wo ausser in der Kronenhalle hat man sonst die Möglichkeit, unter einem Picasso zu sitzen?

Sie erwähnen exakt jene zwei alten Zürcher Bars, die Ende Jahr schliessen. Wie stehen Sie dazu? Der Lauf der Dinge?
Ich bin nicht gegen Neues. Sicher aber gegen Uniformität. Die Städte sehen doch irgendwann alle gleich aus. In Bern zum Beispiel sterben die Fachgeschäfte aus. Es gibt keinen Hutmacher mehr in der Bundeshauptstadt. Man muss sich das vorstellen: Ich muss immer nach Basel fahren, um Hüte zu kaufen. Städte werden doch generell immer langwei­liger. In Bern schliesst jetzt auch noch das Café des Pyrénées.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Bern und Zürich?
Bern ist noch weniger entortet als Zürich. Die Stadt wird als Weltkulturerbe ja auch geschützt. Als ich gerade mit dem Zug durch die Zürcher Vororte gefahren bin, sind mir diese leeren Bürohochhäuser in Schlieren und Altstetten aufgefallen. Das sieht aus wie in Pyongyang. Zürich hat aber natürlich sehr viele charmante Orte wie das Bellevue oder die Altstadt.

Waren Sie eigentlich mal wieder in Wallisellen, das Sie in einem Ihrer berühmtesten Songs besingen?
Wir haben unser Album in Wallisellen getauft. Der Gemeinderat hat damals den Apéro spendiert. Doch sind die Offiziellen nach den ersten Tönen wieder verschwunden, ich glaube, die haben den Inhalt des Stücks nie verstanden. Wallisellen passt gut zu uns, es gibt dort, passend zu unserem Album «Moudi», ein Katzenmuseum und zudem einen Kreisel mit einer Katzenskulptur drauf. Aazele, Böle schele …

Wo in Zürich würden Sie wohnen wollen?
Ich könnte nicht in Zürich wohnen. Alleine schon deswegen, weil ich mir die Miete hier nicht leisten könnte. Bern bringt mich ja fast schon um. Wenn es denn sein müsste, wäre es der Kreis 4. Ich mag den romantischen Touch des Rotlichtviertels. Ich mag übrigens auch das Hotel Greulich.

Was haben die Berner den Zürchern voraus?
Vielleicht Langlebigkeit oder Konstanz. In Bern gibts zum Beispiel eine altein­gesessene, relativ stabile Veranstalterszene. Wir Künstler sind darauf angewiesen. Ich freue mich über jedes ausverkaufte Konzert, weil es hilft, die Strukturen aufrechtzuerhalten. Zürich ist schnelllebiger.

Der Mundartrock ist ja auch wie ein nationales Kulturgut, das geschützt wird.
Ich sage es so: Bern ist für mich wie ein Mami, fürsorglich, aber dominant. Jeder Theatersitzplatz wird in Bern subventioniert. Kürzlich bin ich für mein Lebenswerk ausgezeichnet worden. Ich meine, ich bin erst 60! Das war eher so was wie eine Stilllegungsprämie.

Mit Stiller Has touren Sie seit einem Vierteljahrhundert durch die Schweiz. Spielen Sie lieber in der Stadt oder auf dem Land?
Das spielt keine Rolle. Vielleicht sind die Auftritte auf dem Land intensiver. Die Organisatoren sind verwurzelt und wollen verhindern, dass die Kultur in die Stadt abwandert. Wie das derzeit sehr oft geschieht. Die legen sich dann extrem ins Zeug. Das merkt man.

Man sagt, Sie leben internetfrei.
Hauptsächlich, ja, die Kommunikation besorgt meine Sekretärin. Die Band hat zwar ein Facebook-Profil, da mache ich manchmal eine Sendung. Wenn mich allerdings jemand kritisieren möchte, wie das im Netz oft anonym geschieht, soll er das in einem korrekt verfassten zweiseitigen Brief tun. Dann koche ich ihm später auch ein Znacht, und wir reden darüber. Darunter mache ich nichts. Man kann dieses Gespräch dann immer noch auf Facebook stellen.

Den Anschluss an die Technik haben Sie zwar verpasst, den Anschluss an die aktuelle Kunstszene allerdings nicht. Sie arbeiten ja auch mit Rappern wie Baze oder Greis zusammen. Bekommen Sie auch Anfragen aus rechten Kreisen?
Mit den guten Rappern arbeite ich gerne zusammen. Das stimmt. Mit den schlechten natürlich nicht. Und dieses ganze Willy-Ding der SVP ist ja äusserst widersprüchlich. Es ist doch lächerlich, dass gerade die SVP Eurodance oder Europop produziert und damit Erfolg hat.

Haben Sie selber eigentlich nie an die ganz grosse Karriere gedacht?
Ich bin da eher so reingerutscht. Ich habe einfach getan, worauf ich Lust hatte. Ans Geld habe ich dabei nicht gedacht. Leider.

Sie gelten ja eher als wehmütiger Mensch. Verstärkt die aktuelle Weltlage bei Ihnen dieses Gefühl?
Dass kein deutlicher Trend zur Besserung der Weltgeschehnisse festzustellen ist, löst bei mir ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Es wäre schon schön, wenn wir unseren Nachkommen einen lebenswerten Planeten hinterlassen würden.

Kommen auch junge Leute an Ihre Konzerte?
Erstaunlicherweise gibt es immer wieder junge Leute, die unsere Konzerte besuchen. Die Frage ist vielleicht, ob sie freiwillig kommen oder von ihren Eltern mitgeschleppt werden. Während ich früher nach den Konzerten noch zu einem Kaffee eingeladen wurde, wollen sie heute ein Selfie mit mir machen.

Gelingt Stiller Has dereinst wieder ein Hit wie «Walliselle»? Die Schweiz hätte es nötig.
Ich zweifle generell daran, ob es noch rentiert, CDs herauszubringen. Aber solche Hits kann man natürlich auch nicht planen. «Walliselle» oder auch «Znüni näh» waren Hüftschüsse.

Wie stehen Sie zu Andreas Thiel, der wie Sie in der Kleinkunstszene unterwegs ist, sich aber rechts positioniert?
Unser Publikum unterscheidet sich. Andreas Thiel zieht ein weniger gut anzusehendes Publikum an. Diese Leute lachen ja auch höhnischer, weil sie über andere lachen und nicht über sich selber. Ich habe eher so den Blues-Humor und beziehe die Witze auf mich selber. Das ist doch der Kern von richtigem Humor.

Mit wem arbeiten Sie in Zukunft zusammen?
Mit dem Handörgeler Patkovic möchte ich in Zukunft ganz sicher etwas machen, und wieder mit Jürg Halter. Vielleicht mal mit Sophie Hunger. Diese Frau ist ein Phänomen.

Sie sind ja mehrmals geschieden und gelten als Frauenheld. Wie würden Sie die Zürcher Frauen beschreiben?
Die, die ich kenne, sind sehr kultiviert und freundschaftlich – auch noch, nachdem die Liaison beendet ist. Zürcher Frauen nehme ich oft sehr selbstbewusst wahr. Weil sie oft berufstätig sind und Karriere machen, sind sie vielleicht etwas praktischer veranlagt als andere. Wobei, die Zürcher Frau gibt es doch gar nicht, irgendwann stellt sich heraus, dass sie aus dem Aargau kommt.

Kommen Sie gut klar mit selbstbewussten Frauen?
Ich denke, ja. Einmal fuhr ich mit Jürg Halter mit dem Zug nach Luzern, da stieg Frau Widmer-Schlumpf zu, sagte: «Guten Tag, Herr Anaconda» und setzte sich neben uns – um zu arbeiten. Das hat mir Eindruck gemacht. Nach der Zugfahrt hat sie sich freundlich wieder verabschiedet. Generell lerne ich mehr von den Frauen als die Frauen von mir.

Wie gehts eigentlich der Gesundheit?
Sagen wir es so: Nach dieser Tour kann ich eine kleine Pause ganz gut gebrauchen.

Konzert: 25 Jahre Stiller Has – Alterswild 12. und 13. Dezember, ab 20 Uhr, Miller’s Studio.

Erstellt: 11.12.2015, 20:54 Uhr

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Endo Anaconda

Sänger und Dichter

Endo Anaconda hat dank seiner Band Stiller Has nationale Berühmtheit erlangt. 14 Alben hat die Mundart-Gruppe in den 25 Jahren ihres Bestehens veröffentlicht. Das letzte, «Böses Alter», stammt aus dem Jahr 2013. 2016 wird Stiller Has ein Livealbum ihres Auftritts vom Gurten-Festival 2015 veröffentlichen. Anaconda hat zudem zahlreiche Bücher geschrieben; sein neuestes, «Sofa­reisen», ist 2015 erschienen.

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