Der höchste Graffito der Schweiz

20 Meter hoch, 5 Meter breit: In Zürich-Affoltern ziert der grösste Graffito der Schweiz eine Fassade. Dem Hauseigentümer gefällts.

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Es gab Zeiten, da waren Sprayer im Schutz der Nacht unterwegs und im Untergrund aktiv. Diese Zeiten sind nicht vorbei, aber sie haben sich verändert. Bestes Beispiel dafür ist der grosse Wohnblock an der Wehntalerstrasse 312 in Affoltern. Dort prangt an der Fassade ganz legal der grösste Street-Art-Graffito der Schweiz: 20 Meter hoch, 5 Meter breit. Der Hauseigentümer persönlich beauftragte das Street-Art-Künstlerduo Pase (35) und Dr. Drax (33), die Fassaden in ein farbiges Kunstwerk zu verwandeln. Gegen Bezahlung.

Die zwei Brüder, auch bekannt als One Truth, liessen sich nicht zweimal bitten. Pase: «Für uns war in Affoltern vor allem die Dimension der Hauswand, also die Höhe, eine Herausforderung.» Das Werk mit dem Titel «Create and Destroy» («Erschaffe und zerstöre») zeigt auf der Südostfassade einen Street-Art-Künstler bei seiner Tätigkeit und auf der Nordwestfassade einen Reiniger, der den Graffito wieder zerstört. «Der Titel soll nicht zu philosophisch klingen. Die zwei Bilder stellen vielmehr dar, dass es beide Seiten braucht, um wieder etwas Neues entstehen zu lassen.»

Passanten brachten Pizza vorbei

Der Auftrag, sagt Pase, habe viel Spass gemacht. «Der Eigentümer liess uns bei der künstlerischen Gestaltung völlig freie Hand. Wir konnten ganz nach unserer Vorstellung schalten und walten.» Um an der Hausfassade problemlos arbeiten zu können, setzte das Sprayerduo ein Hubgerüst ein. «Für die beiden Riesengraffiti verbrauchten wir ungefähr 300 Farbdosen.» Die Reaktionen der Passanten fielen grösstenteils positiv aus. «Es kamen beim Sprayen immer wieder Leute vorbei, die uns Kaffee, Kuchen oder auch eine Pizza brachten.»

Das mit dem Graffito veredelte Hochhaus an der Wehntalerstrasse hat übrigens eine prominente Vorgeschichte. Eigentlich hätte es wegen einer geplanten Tramlinie nach Affoltern abgebrochen werden müssen. Die Stadt wollte zu diesem Zweck 2012 die Hauslinie verschieben. Sie hat die Rechnung allerdings ohne den Hausbesitzer gemacht, der sich gegen das Projekt bis vor das Bundesgericht wehrte – und im Herbst 2014 recht bekam.

Zu viel Kommerz?

Pase und Dr. Drax, die Wert darauf legen, nicht mit ihrem bürgerlichen Namen in den Medien erwähnt zu werden, sind seit zehn Jahren ein eingespieltes Team. Einer breiteren Öffentlichkeit wurden sie im vergangenen Sommer ein Begriff, als sie die Wände entlang der damaligen Baustellenlandschaft beim Bürkliplatz und Bellevue verschönerten.

Das Haus in Affoltern ist aber längst nicht mehr die einzige Graffitispur, welche die beiden Brüder durch Zürich ziehen. Pase zählt weitere Stationen ihrer Kunst auf: Fassaden von Wohnhäusern der Kirchgemeinde Wipkingen, der städtischen Heilpädagogischen Schule in Wiedikon, ein Durchgang der ABZ-Genossenschaftssiedlung in Altstetten oder die Holzwände eines städtischen Werkhofs an der Bederstrasse. «Neben privaten Hausbesitzern gehören auch Grossbanken wie die UBS zu unseren Kunden», sagt Pase.

Rümpft die illegale Sprayerszene über so viel Kommerz nicht die Nase? «Wahrscheinlich schon. Aber mein Bruder und ich haben uns entschieden, legal und im Auftrag zu sprayen.» Wie viel solche Auftragsarbeit kostet, wollen sie nicht verraten. Nur so viel: Bei grösseren Flächen richtet sich der Preis nach Anzahl Quadratmetern, bei kleineren Flächen nach dem Arbeitsaufwand in Stunden.

Erstellt: 07.01.2016, 15:06 Uhr

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