Zürcher Hooligan muss doch nicht ins Gefängnis

Das ehemalige Mitglied der Rockerbande «Black Jackets» und der Hooligangruppierung «Zürichs kranke Horde» verbucht vor dem Obergericht einen Teilsieg.

Krawalle beim Cupfinal 2014: Der Beschuldigte lief beim FCZ-Fanmarsch in Bern in der ersten Reihe mit. Foto: Tobias Anliker

Krawalle beim Cupfinal 2014: Der Beschuldigte lief beim FCZ-Fanmarsch in Bern in der ersten Reihe mit. Foto: Tobias Anliker

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Das Zürcher Obergericht hat heute Freitag den ehemaligen Anführer der Rockerbande «Black Jackets» in einem Punkt freigesprochen. Es bestätigte zwar das Strafmass des Bezirksgerichts Zürich, gewährte jedoch den vollständig bedingten Vollzug. Er muss also nicht hinter Gitter.

Der heute 35-jährige Mann war auch Mitglied Hooligan-Gruppierung «Zürichs kranke Horde». Zudem war er an den Krawallen am Cupfinal in Bern im Jahr 2014 beteiligt.

Der Zürcher Bezirksgericht hatte ihn im Mai 2018 unter anderem wegen Angriff, Erpressung, Landfriedensbruch, Gewalt, Gewalt und Drohung gegen Beamte schuldig gesprochen. Es verurteilte ihn zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten und einer unbedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu 30 Franken.

Verteidiger: Ziel erreicht

Von der Freiheitsstrafe sollte der Mann acht Monate absitzen, die Geldstrafe bezahlen. Der Beschuldigte focht jedoch die Schuldsprüche für Angriff und Erpressung an. Die anderen sind rechtsgültig, um die ging es am Freitag vor Obergericht deshalb nicht mehr.

Im Punkt der Erpressung war der Weiterzug für den Ex-Hooligan erfolgreich. Das Obergericht sprach ihn von diesem Vorwurf frei. An der Darstellung eines Privatklägers gebe es «rechtserhebliche Zweifel», sagte der Richter bei der mündlichen Urteilsbegründung.

Damit und mit der Gewährung einer voll bedingten Freiheitsstrafe sei das erste Ziel des Weiterzugs erreicht, sagte der Verteidiger nach der Urteilseröffnung. Im übrigen müsse man die schriftliche Begründung genau anschauen.

Anführer der «Black Jackets»

Schuldig gesprochen wurde der 35-Jährige hingegen für einen Angriff. Dabei geht es um eine Schlägerei im Juni 2013, bei der zwei Männer erheblich verletzt wurden. Der Beschuldigte räumte ein, er sei damals vor Ort gewesen. Als Anführer der Rockerbande «Black Jackets» habe er aber nicht an der Schlägerei teilgenommen, sondern sich im Hintergrund gehalten. Er habe auch keinen Schlagring benutzt.

Geprügelt hätten zwei Bandenmitglieder. Sein Anwalt erläuterte wortreich, weshalb den beiden Privatklägern nicht geglaubt werden dürfe. Er drang bei den Oberrichtern jedoch nicht durch.

Die Darstellung des Beschuldigten sei «über weite Strecken eher wenig glaubhaft», sagte der Vorsitzende. Der eine Privatkläger hingegen sei glaubwürdig. Das andere Opfer überzeugte das Gericht weniger – er habe aber die Aussagen des ersten bestätigt. Der Einsatz eines Schlagrings lasse sich aber nicht beweisen.

Unter dem Strich erachtete das Obergericht eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten und eine Geldstrafe von 10 Tagen zu 30 Franken als angemessen. Es gewährte den bedingten Vollzug – setzte allerdings eine verlängerte Probezeit von drei Jahre fest.

Hirntumor löste Aggressionen aus

Der Beschuldigte muss also nicht ins Gefängnis und muss die Geldstrafe nicht zahlen, wenn er sich in der Probezeit nichts mehr zu Schulden kommen lässt. Die Chancen dafür stehen gut, das Gericht stufte die Prognosen als günstig ein. Die «geringen Zweifel» berücksichtigte es mit der verlängerten Probezeit.

Dies hängt mit einem medizinischen Grund zusammen. Ende Dezember 2015 hatte sich der Beschuldigte einen enorm grossen Tumor aus dem Stirnhirn entfernen lassen. Seither veränderte er sich stark, wie das Gericht anerkannte. Laut Verteidiger ist sein Mandant heute «ein umgekehrter Handschuh».

Gemäss ärztlichen Gutachten war dieser Tumor, der schon jahrelang im Kopf des Mannes wuchs, Ursache für zunehmend erhöhte Unruhe, gesteigerte Aggression und verminderte Kontrollfähigkeit. Dies betonte auch der Beschuldigte selbst vor beiden Gerichtsinstanzen. Für ihn ist klar: «Der Tumor war schuld».

Malen und Therapie

Inzwischen hat er sich nach eigenen Angaben völlig von seinen früheren Kumpels gelöst, verkehrt nicht mehr in der Rocker- und Hooliganszene. Er ist nach wie vor in psychologischer Therapie und auf Arbeitssuche.

In der Freizeit gehe er regelmässig ins Fitness, Kampfsport betreibe er nicht mehr – «ich bin nicht mehr fähig, einen Menschen zu schlagen» – und er fahre Velo. Zudem hat der einstige Schläger angefangen zu malen. (hwe/sda)

Erstellt: 25.10.2019, 07:50 Uhr

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