Zürcher sind scharf auf die grüne Insel

Die Magerwiese auf dem Münsterhof wird heute verkauft. Der Andrang ist gross. Doch nicht alle Grasziegel sind zu haben.

Kein Stück der Wiese von Künstler Heinrich Gartentor auf dem Münsterhof vor dem Fraumünster wurde geklaut.

Kein Stück der Wiese von Künstler Heinrich Gartentor auf dem Münsterhof vor dem Fraumünster wurde geklaut. Bild: Urs Jaudas

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Ganze 26 Tage lang hatte Zürich eine Insel. 1000 Quadratmeter gross, völlig grün, Natur pur. Die Blumen auf der Magerwiese dufteten, Bienen summten, und unter den beiden Freiheitsbäumen, zwei Trauerweiden, liess sich herrlich verweilen. Mitte August ist über Nacht auf dem steinernen Münsterhof neben dem Fraumünster eine Wiese entstanden.

Heute ist Schluss mit der grünen Idylle, die der Berner Künstler Heinrich Gartentor auf den Münsterhof gezaubert hat. Das von der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) der Stadt Zürich initiierte Projekt geht zu Ende. Am Abend wird ein Grossteil der Magerwiese verkauft.

Mitte August platzierten Gärtner 4200 Pflanzziegel auf dem Münsterhof. Bild: Urs Jaudas

Das bisschen Insel – 40 auf 60 Zentimeter à 25 Franken – ist bei Zürcherinnen und Zürchern begehrt. Von den 4200 Pflanzziegeln sind bereits über 3000 reserviert. Wer also noch ein exklusives Stück Bio-Münsterhof-Wiese ergattern will, sollte sich beeilen und es online reservieren. Ziel des Verkaufs der Blumenwiese ist, dass die Pflanzziegel an einem anderen Ort eingepflanzt werden und weiterwachsen. Die Wiese soll sich in Gärten und Parks vermehren, so die Idee des Künstlers Gartentor.

Magnet für alle

Auch nach vier Wochen kommt die Idee der Wiese bei den Passanten noch immer gut an. Eine Frau aus Kloten kam in dieser Zeit mehrmals am Platz vorbei, auch wenn sie dafür einen Umweg in Kauf nehmen musste. Sie fand den Platz «heimeliger». Ein Tourist aus Südafrika war erstaunt, mitten in der Altstadt eine Wiese vorzufinden. Er würde den Park aber eleganter gestalten. «Die Pflanzen wirken etwas vertrocknet, die Wiese ungepflegt. Das erinnert mich an meine Heimat.»

Auch eine Zürcher Passantin freut sich über die Wiese. So stehe der überdimensionale Brunnen nicht so sehr im Fokus. Sie selbst überlegt sich auch, einen Pflanzziegel zu kaufen. «Für ein solches Projekt zahle ich gern Steuern», sagt sie und lächelt.

Das hielten Passanten am ersten Tag von der grünen Insel. Video: Anja Stadelmann und Lea Blum

Auch bei den umliegenden Geschäften hat man die Intervention nur positiv aufgenommen. Franchina Weber, stellvertretende Leiterin der Paradeplatz-Apotheke, schwärmt von der schönen Begegnungszone. Stets sei der Platz belebt gewesen, Besucher seien vorbeigekommen, um auf dem Platz zu verweilen oder auch nur, um ein Bild zu schiessen. Weber sagt: «Es war jene Aktion mit der grössten Resonanz. Ein Magnet, wie wir ihn uns wünschen.» Apotheke-Inhaber und CVP-Kantonsrat Lorenz Schmid habe sich auch bereits bei der Stadt dafür eingesetzt, dass das Projekt verlängert oder in einer anderen Form wieder aufgenommen wird.

"Mit der Installation war der Münsterhof ein Platz mit Verweilqualität."Michael Wiesendanger, Geschäftsführer Sibler

Einen Platz mit Verweilqualität nennt Sibler-Geschäftsführer Manuel Wiesendanger den begrünten Münsterhof. Er hat den Effekt auch in seinem Hauswaltwarengeschäft gespürt. «Das hat sich eindeutig positiv auf unsere Kundenfrequenzen ausgewirkt.» Für Wiesendanger wäre eine solche Installation ein veritables Mittel, wie die Stadt das Gewerbe am Platz fördern könnte.

Messdaten folgen

Der Künstler Heinrich Gartentor ist sehr zufrieden mit dem Verlauf seines Projekts. Es sei kein einziger Pflanzziegel geklaut worden. «Die Gesellschaft in Zürich ist sehr vorsichtig mit der Blumenwiese umgegangen.» Auch die Stadt zieht ein positives Fazit der Kunstintervention auf dem Münsterhof. Sie habe gezeigt, was Kunst im öffentlichen Raum bewirken könne, sagt Christoph Doswald, Vorsitzender der Arbeitsgruppe.

Die Wiese lud viele zum Verweilen ein. Bild: Urs Jaudas

Die Wiese war das letzte von drei Kunstprojekten auf dem Platz. 2017 installierte Claudia Comte Sonnensegel, 2018 war Pawel Althamer mit einem partizipativen Projekt auf den Münsterhof präsent. 2021 soll die Projektreihe fortgesetzt werden. Finanziert wurde die Reihe aus dem Budget des Tiefbauamts für KiöR.

Das Kunstprojekt war in erster Linie ein soziales Experiment. Gartentor wollte sehen, wie die Menschen reagieren, wenn Sie bemerken, dass der sonst gepflasterte Münsterplatz plötzlich zur Wiese geworden ist. Das Projekt war auch vor der Klimadebatte und der Frage nach der Beschattung des Platzes lanciert worden.

Die Wiese auf dem Münsterhof war in den letzten Wochen ein beliebtes Fotosujet. Bild: Urs Jaudas

Das Projekt soll aber auch Erkenntnisse liefern, wie die Wiese die Temperatur auf dem Platz mit verändert. Das Umwelt- und Gesundheitsdepartement hat zu diesem Zweck Messungen durchgeführt. Diese wird es zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen.

Politische Karriere

Gartentor will einen Teil der Wiese auch für ein anderes Projekt verwenden, mehr Details möchte er allerdings nicht verraten. Gartentor setzt bei seinen Projekten immer auf den Überraschungseffekt. «Niemand darf etwas wissen, ansonsten würden die Projekte nicht funktionieren», sagt er. Nach dem Zürcher Engagement wartet eine weitere Herausforderung auf den Künstler: Er kandidiert als Martin Lüthi (Heinrich Gartentor) auf der Liste der Berner BDP für den Nationalrat.

Verkauf/Finissage Wiese: Heute ab 18.30 Uhr. Einzelne Wiesenstücke können am 17.9. nach Hause genommen werden, grössere Mengen am Mittwoch, 18.9., ab 7 Uhr.

Erstellt: 17.09.2019, 11:22 Uhr

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