Die Stadtzürcher liessen ihn fallen, doch zuletzt triumphierte Fehr

Wer gegen den Zürcher Regierungsrat votierte und wer sich hinter ihn stellte: So lief die Debatte der SP-Delegierten.

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Am Ende war ihm die Erleichterung anzusehen. Mario Fehr rieb kurz die Nase, blickte mitten ins Gewusel der Delegierten und doch ins Leere, blies die Backen auf und prustete. Er, dieser vom Erfolg verwöhnte Politiker, dem Zuspruch so wichtig ist, war auf so viel Widerspruch gestossen wie selten. Sicher, die SP steht im Regierungsratswahlkampf hinter ihm, das hatten die Delegierten beschlossen. Aber: Ein Resultat von 102 Ja gegen 73 Nein, das ist nicht das, was sich ein Regierungsrat von seiner Partei wünscht.

Anders Jacqueline Fehr. Für sie sprachen sich 167 Delegierte aus, nur acht wollen sie nicht mehr wählen.

Ein denkwürdiger Abend

Dem Entscheid vorangegangen war ein Abend, der in die Annalen der SP eingehen dürfte – nicht nur wegen dessen Inhalt. Weil im Volkshaus kein anderer Raum frei war, quetschten sich die 178 Delegierten sowie zahlreiche Besucher und Medienschaffende buchstäblich in den bald völlig überfüllten blauen Saal. Sitzplätze gab es längst nicht für alle, es war heiss, es war stickig. Kurz: Wäre die Diskussion eskaliert, es hätte nur schon wegen der äusseren Umstände niemanden gewundert.


So verlief die Debatte der Zürcher SP

Am Dienstagabend stritten die Genossen darüber, ob sie Mario Fehr und Jacqueline Fehr für die Regierungsratswahlen 2019 nominieren. Das war der Showdown in der Zürcher SP.


Aber die Versammlung strafte alle Lügen, die das Schlimmste befürchtet hatten. Auch jene, die glaubten, es traue sich ja doch keiner, Kritik an Mario Fehr zu äussern. Die Delegierten diskutierten engagiert, es fielen mitunter harte und kritische Worte – die Grenzen des Anstands überschritt aber niemand. Müsste man die Diskussion in zwei Worten zusammenfassen, wären «mutig» und «beeindruckend» die passenden Begriffe. Denn eines war dieser Abend ganz sicher nicht: Einfach.

«Es geht nicht um politische Breite, sondern die Frage: Wann ist Schluss?»

Tom Cassee, SP-Mitglied

Es dauerte nicht lang, bis sich zeigte, dass die SP in der Causa Mario Fehr tief gespalten ist, und zwar vor allem geographisch. Gegen den Sicherheitsdirektor stellten sich fast ausschliesslich Sozialdemokraten aus der Stadt Zürich. Ja, die Stadtpartei hatte sogar eine Abstimmungsempfehlung gegen Fehr beschlossen. Marco Denoth, Co-Präsident der Stadtpartei, sagte, er befürchte zahlreiche Austritte, wenn die Delegierten Fehr das Vertrauen aussprächen. Nicht überraschend war das Hauptargument gegen Fehr dessen Asylpolitik. Tom Cassee warf dem Sicherheitsdirektor vor, er nutze seinen Spielraum «konsequent gegen die Betroffenen». Es gehe nicht um die Frage, wie viel «politische Breite», die eine Partei ertrage: «Es geht um die Frage, was sich ein Regierungsrat zu Schulden kommen lassen muss, bis wir sagen: Jetzt ist Schluss.»


«Es gab Reibereien und Konflikte» Die SP-Co-Präsidenten Priska Seiler und Andreas Daurù erklären im Interview, weshalb sie die Partei über die Zukunft des Regierungsrats abstimmen liessen. (Abo+)


Ganz anders sahen das die Delegierten von ausserhalb der Stadt Zürich, aus Winterthur und Uster, aus Illnau-Effretikon und Pfäffikon. «Ich lade euch ein, kommt in die Agglomeration, kommt aufs Land», rief der Ustermer SP-Stadtrat Stefan Feldmann den Genossinnen und Genossen im Saal zu. «Dann werdet ihr erkennen, dass wir es uns nicht leisten können, auf Mario Fehr zu verzichten.» Gerade jetzt, wo die SP in den Gemeinden draussen auf der Überholspur sei, wäre ein Entscheid gegen Mario Fehr ein grosser Fehler: «Wir könnten den Drive nicht erhalten.» Ähnlich argumentierte Brigitte Röösli, Präsidentin der SP Illnau-Effretikon. Sie mahnte zur Einigkeit: «Wir haben die Wahlen bei uns gewonnen, weil die SVP nicht geeint war.» Auf dem Land sehe man manches anders. «Wir sind am Wachsen, gerade weil wir ein bisschen bünzlig sind.»

Der Support der Grossen

Vielleicht waren es diese Worte, die Fehr den Sieg brachten, vielleicht aber auch der Umstand, dass sich eine ganze Reihe von Parteigrössen für ihn aussprachen. Etwa Daniel Jositsch. «Die Bevölkerung da draussen ist der Meinung, dass unsere beiden Regierungsräte eine gute Arbeit machen. Ausserhalb dieses Saals würde es niemand verstehen, wenn wir ihn nicht mehr aufstellen würden», sagte Jositsch. Oder Nicolas Galladé. «Es geht hier nicht um Paartherapie, es geht um Politik», so Galladé. Als Sozialvorsteher von Winterthur wisse er, wie die Diskussionen um die Asyl- und Sozialpolitik auf Bundesebene liefen: «Da gibt es Regierungsräte, die fordern Obergrenzen für Asylbewerber und deutlich tiefere Skos-Ansätze. Wir brauchen Mario.»

Bildstrecke: Showdown in der SP

Vielleicht hatte Fehr aber auch selbst die Delegierten überzeugen können. Er sei nicht der Hardliner, als der er dargestellt werde, sagte er in seiner Rede zu Beginn der Debatte. Aber: «Manchmal habe ich keinen Spielraum, auch wenn ich gern mehr hätte.» Nach geschlagener Schlacht dankte Fehr den Delegierten in einer emotionalen Ansprache: «Ich verspreche, wir werden geeint aus dieser Debatte gehen, und wir werden einen sensationellen Wahlkampf machen.» Die Unterstützung der Stadtzürcher SP hat er, versprach Marco Denoth: «Nun hat die Basis entschieden. Wir werden uns im Wahlkampf für beide Fehrs einsetzen.»

Erstellt: 30.05.2018, 06:29 Uhr

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