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Züri isch gross!

Mundart-Autor Pedro Lenz schimpft über Zürich – dabei lebt die Stadt die «Idée Suisse» im Kleinen.

Schriftsteller Pedro Lenz ist erschüttert: Die SRG verlagert ihr Radiostudio trotz heftigem Widerstand von Bern nach Zürich. Die «Idée Suisse» konzentriert sich laut Lenz also ausgerechnet in einer Stadt, deren Bewohner sich schon heute für den «Nabel der Welt» halten und «Rentabilität über alles» stellen. Dabei seien die Zürcher teils «recht untalentiert», die Städter würden die Leute auf dem Land nicht kennen und sich ihre Geschichten auch nicht anhören wollen. Vom Zürcher Blick auf die Romandie ganz zu schweigen. «Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Zürich», wettert Lenz.

Zürich wird also mal wieder schlechtgemacht. Die Zürcher sind alles egozentrische Kapitalisten, unempfänglich für Impulse jenseits der Stadtgrenze, gschaffig, aber uninspiriert. Mit Verlaub: Das ist Effekthascherei. Der Verdacht liegt nahe, dass Lenz die Stadt und ihre Leute, über die er so flucht, gar nicht richtig kennt.

YB-Fan Lenz in den Letzigrund

Oder wann hat er sich das letzte Mal nicht die Aare, sondern die Limmat runtertreiben lassen – zusammen mit entspannten Menschen auf Gummitieren? Wann diskutierte er mit Kreativen im Kosmos, ETH-Forschern auf dem Hönggerberg oder Schülern in Schwamendingen? Zürich lebt die Vielfalt der «Idée Suisse» im Kleinen. Hier wohnen Menschen aus allen Kantonen und rund 170 Ländern. Sie denken nicht nur an sich und ihr Geld. Sie bieten Kultur für Zuger und Aargauer, sagen Ja zu Unterkünften für Asylsuchende und zeigen Grösse, wo andere Lokalpatriotismus pflegen. Oder hat irgendein Zürcher lautstark Anspruch aufs Radiostudio erhoben? Der Entscheid über den Umzug fällte der SRG-Verwaltungsrat mit einem Walliser als Präsidenten und Vertretern mehrerer Landesteile. Zürich schwieg – 170 Arbeitsplätze hin oder her.

Vielleicht sollte man YB-Fan Lenz mal wieder in den Letzigrund einladen, wo gleich zwei Zürcher Fussballclubs spielen – keiner von beiden so gut wie die Berner Young Boys. Aber: «Underdog zu sein, ist spezieller, als immer nur zu gewinnen», weiss auch Mundart-Autor Lenz. Züri isch gross! Die Poesie aber steckt in der Niederlage.

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