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Zürich baut neue Velofallen

Zwei sanierte Tramhaltestellen sind für Zweiräder zum Nadelöhr geworden.

Wenig Platz zwischen Schiene und Randstein: Velofahrende an der umgebauten Haltestelle Beckenhof.
Wenig Platz zwischen Schiene und Randstein: Velofahrende an der umgebauten Haltestelle Beckenhof.
Dominique Meienberg

Eigentlich müsste Freude herrschen unter den Velofahrenden. Seit ein paar Tagen ist die Verbindung Schaffhauserplatz-Stampfenbachplatz stadteinwärts wieder offen, und neu steht auf dem umgebauten Strassenabschnitt ein wunderbar breiter Velostreifen zur Verfügung. Aber wie so oft in Zürich ist dieser Streifen nicht durchgehend: Er beginnt erst nach der Tramhaltestelle Kronenstrasse, und vor dem Beckenhof verschwindet er wieder.

Die beiden Haltestellen, ebenfalls umgebaut und behindertengerecht gestaltet, präsentieren sich nun als veritable Velofallen. Die Fahrbahn verengt sich dort zu einer sogenannten Kap-Haltestelle, die Velofahrer müssen auf einem 90 Zentimeter schmalen Streifen zwischen Gleis und Randstein durchzirkeln. Und dieser Randstein hat es in sich: Mit etwa 30 Zentimetern ist er zwei- bis dreimal so hoch wie übliche Trottoirkanten.

Dass eine solche Haltestelle ein Risiko darstellen kann, zeigt nur schon ein Blick auf die Unfallkarte. Einer der gefährlichsten Orte für Radfahrer in Zürich ist ausgerechnet das autofreie Limmatquai. Grund dafür sind laut Unfallexperten unter anderem die Tramhaltestellen. Auch dort bleiben für Zweiräder zwischen Schiene und überhohem Randstein nur 90 Zentimeter Platz.

Droht ein neuer Unfallschwerpunkt?

Für Dave Durner, Geschäftsführer des Vereins Pro Velo Zürich, sind die beiden umgebauten Haltestellen deshalb ein Ärgernis. Natürlich sei Pro Velo nicht gegen eine behindertengerechte Gestaltung von ÖV-Haltestellen, wie sie zu Recht gesetzlich vorgeschrieben sei. Nur vertrügen sich diese Ansprüche schlecht mit der von der Stadt immer wieder versprochenen Veloförderung.

Durner befürchtet, dass die beiden Haltestellen zu einem weiteren Unfallschwerpunkt werden könnten, denn die Route zwischen Schaffhauser- und Stampfenbachplatz ist eine Velo-Hauptverkehrsachse: «Für ungeübte Velofahrende ist sie so nicht geeignet.»

«90 Zentimeter sind als Fahrstreifen nicht veloverträglich. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass für Velos Anhänger mit bis zu einem Meter Breite erlaubt sind.»

Patrick Eberlin,Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU)

Patrick Eberlin, Leiter Verkehrstechnik bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU), bestätigt: «Kap-Tramhaltestellen sind erwiesenermassen eine Gefahr für Velofahrende.» Ein Fahrfehler genügt, und man hängt entweder mit dem Pedal ein oder gerät mit dem Rad in die Schiene.

Als gefahrlos gelten für die Unfallexperten Randsteine von maximal drei bis vier Zentimeter Höhe. Und um sich sicher fortbewegen zu können, bräuchten Velos einen mindestens anderthalb Meter breiten Fahrstreifen, so Eberlin: «90 Zentimeter sind nicht veloverträglich. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass für Velos Anhänger mit bis zu einem Meter Breite erlaubt sind.»

Auch Patrick Eberlin sprich von einem gewissen Zielkonflikt zwischen den verschiedenen Ansprüchen. Wenn man wirklich wolle, gebe es aber in fast jeder Situation sinnvolle Lösungen: «Man kann zum Beispiel die Veloroute verlegen oder den Velostreifen bei Kap-Haltestellen aufs Trottoir und um den Wartebereich herum führen.»

Nur hundert Meter nebenan geht es

Interessanterweise hat das Stadtzürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartement auf seiner Website idealtypische Modelle für Haltestellen veröffentlicht – und jenes für eine Kap-Haltestelle sieht genauso aus, wie Eberling empfielt: Die Velos werden via Trottior um den Wartebereich herum geführt statt zwischen Randstein und Tramschienen hindurch. Solche Haltestellen existieren tatsächlich an mehreren Orten in der Stadt, so zum Beispiel an der Röslistrasse, keine hundert Meter von der Kronenstrasse entfernt.

Bei der Kronenstrasse und dem Beckenhof habe die Stadt eine solche Verkehrsführung abgelehnt, sagt Sabina Mächler, Mediensprecherin des Tiefbauamts. Zwar räumt sie ein, dass die neue Verkehrsführung «wenig komfortabel» für Velos sei. Aber ein Velostreifen um die Haltestelle herum kreuze die Wege der Fussgänger, und solche gemischten Velo- und Fusswege ordne die Stadt grundsätzlich nicht mehr an. An Schaffhauser- und Stampfenbachstrasse komme hinzu, dass die Velos wegen des Gefälls relativ schnell unterwegs seien.

Hohe Randsteine, ein schweizweites Problem

Zürich ist nicht die einzige Stadt, in der sich Tramhaltestellen und Velowege wegen der Bauvorschriften zunehmend in die Quere kommen. Auch in Bern und Basel klagen Velofahrer über zu hohe Randsteine und zu schmale Fahrbahnen.

Die Situation werde sich in nächster Zeit eher noch verschärfen, weil seit letztem Jahr auch der Bund den Veloverkehr fördern muss, sagt BfU-Spezialist Eberlin. Umso wichtiger sei, dass Velorouten sorgfältig geplant werden: «Eine Velo-Hauptachse ist wie eine Autobahn. Und so, als durchgängiges Ganzes, sollte man sie auch planen. Auf der Autobahn baut ja auch niemand Verengungen und Unterbrüche.»

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