Zürich braucht mehr Formel E

Wie in Zürich links-grüne Technologiefeinde und rechte Parkplatzverteidiger eine zukunftsgerichtete Verkehrspolitik ausbremsen.

Etagenweise Zuschauer: Die Formel E förderte den Einfallsreichtum des Schweizer Publikums. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Etagenweise Zuschauer: Die Formel E förderte den Einfallsreichtum des Schweizer Publikums. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Zwei grosse Überraschungen hat Zürich am letzten Wochenende erlebt: Die Bevölkerung hat sich für mehr statt für weniger Grossveranstaltungen auf dem Sechseläutenplatz ausgesprochen – und auf der gegenüberliegenden Seite des Seebeckens hat das Zürcher Formel-E-Rennen gezeigt, wie man eine solche Veranstaltung reibungsarm durchführt und die Menschen dafür begeistert.

Zu Tausenden strömten sie auf das Festgelände. An das meistbesuchte Rennen bisher, auf dem allerschönsten Stadtkurs der ganzen Serie, wie der Gründer Alejandro Agag frohlockte. Zürich, das Monaco der Formel E!

Video: Hier geht es lang!

Der Rundkurs der Formel E im Engequartier gefilmt mit der Drohne. Video: Lea Koch, Aline Bavier, Adrian Panholzer

Das Schweizer Fernsehen inszenierte den Anlass entsprechend: Die Bilder von farbigen Rennautos, schönen Menschen, prunkvollen Fassaden, prächtigem Sommerwetter, blauem See und weissen Zürcher Jachten gingen um die Welt.

Die Freude von Stadtpräsidentin Corine Mauch bei der Übergabe des Siegerpokals war ungekünstelt. Ebenso echt: ihre Dankbarkeit für die 30 Schnellladestationen für Elektroautos, die ABB der Stadt Zürich am Vortag geschenkt hatte. Das war den Jungsozialisten des Guten zu viel: Sie werde alles daransetzen, ein allfälliges Folgerennen 2019 zu verhindern, liess die Jungpartei verlauten. Die Ladestationen, ein Danaergeschenk! Ein Trojanisches Pferd, mit dem Autokonzerne ihre Vormachtstellung in der Stadt sichern wollen! Autos, ob mit Benzin oder Strom betrieben, seien ineffizient und brauchten zu viel Platz.

Fest der elektrischen Mobilität

Diese Argumentation blendet aus, dass das Formel-E-Spektakel ein Fest nicht nur des Automobils, sondern der elektrischen Mobilität ist. Die ETH etwa präsentierte an prominentester Stelle Konzepte für die Zukunft: ihren Wettbewerbsbeitrag zum Hyperloop, einer Rohrpost für Menschen. Gummientchen auf autonomen Gefährten begeisterten die jüngeren Besucher. An der Rahmenveranstaltung der ETH wurde über smarte Lösungen für das Verkehrsproblem debattiert, und wer sich etwas genauer mit den Rennwagen der Formel E auseinandersetzte, staunte, dass der Wechsel auf ein vollgeladenes zweites Auto in der Mitte des Rennens bereits in der kommenden, fünften Saison entfällt – weil sich die Kapazität der Batterien in Rekordzeit verdoppelt hat.

Die technologiefeindliche Haltung, die sich in der Reaktion der Juso manifestiert, ist schädlich für die Stadt Zürich: Schleppend langsam geht es hier mit der Elektromobilität vorwärts. Weil Links-Grüne in der Verbannung des Autos aus der Stadt ihr Heil suchen und weil Bürgerliche sich nicht dazu durchringen können, der Elektromobilität mit subventionierter, städtischer Ladeinfrastruktur Schub zu verleihen. Die Schnelllader müssen der Stadt schon geschenkt werden, damit etwas passiert.

E-Autos teilen wie O-Bikes

Deshalb braucht Zürich mehr Formel E, nicht weniger. Zumindest bis Elektroautos in der blauen Zone und im Parkhaus aufgeladen werden können. Es braucht mehr Formel E in Zürich, bis die Zürcher Elektroautos so selbstverständlich und unkompliziert teilen wie neuerdings Velos. In Basel ist beides bereits Realität. Doch an der Limmat wartet die Mobility-Tochter Catch-A-Car vergeblich auf eine Bewilligung des Stadtrates. Weil die Linke befürchtet, das Angebot führe zu mehr Verkehr, und die Rechte Angst hat, dass die Flotte das Parkplatzproblem verschärft. Zumindest die zweite Befürchtung ist unbegründet.

Bildstrecke: Zürich im Motorsport-Fieber

Mittelfristig führen gemeinsam genutzte Autos zu mehr freien Parkplätzen. Weil sie rentabler sind, je besser sie ausgelastet sind – wenn sie also fahren, statt unnütz herumzustehen.

Aber nicht nur die Rechte irrt: Autos werden trotz aller Bemühungen um autofreie Siedlungen, Plätze und Quartierstrassen und trotz der Förderung des öffentlichen Verkehrs noch sehr lange zum Stadtbild gehören. Sogar wenn Zürich in absehbarer Zeit komplett autofrei werden sollte, fahren noch Lieferwagen durch die Stadt und Menschen von ausserhalb an den Stadtrand. Tun sie es elektrisch, spart das Energie und entlastet alle von Dreck, Gestank und Lärm.

Das Rennen ist eröffnet

Die Zukunft gehört nicht allein dem Fuss- und Veloverkehr, Tram und Zug. Was, wenn autonome Shuttles die Aufgabe der Züri-Trams übernehmen? Leiser, effizienter und flexibler, als Cobra und Flexity das können? Ohne dass nächtelang Schienen bis in den hintersten Winkel der Stadt gelegt werden müssen und der Baulärm mehr Menschen den Schlaf raubt als die Vorbereitungen für ein Autorennen in der Enge?

Die Formel E und ihre spendablen Promotoren haben das Rennen um die optimale Form der Mobilität in der Stadt eröffnet. Es sollte ein offenes Rennen werden, so offen und unvoreingenommen, wie es sich für Zürich gehört.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 21:59 Uhr

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