Zum Hauptinhalt springen

Zürich bremst Kleinstauto-Offensive

Ein Bieler Unternehmen will 150 seiner Enuus nach Zürich bringen. Die Geschichte beginnt mit einem Missverständnis.

Enuus sehen aus wie kleine Autos, dürfen aber die Veloinfrastruktur benutzen. Bild: Dominique Meienberg
Enuus sehen aus wie kleine Autos, dürfen aber die Veloinfrastruktur benutzen. Bild: Dominique Meienberg

Am Anfang war das O-Bike. Dann kam das E-Trottinett. Letzten Herbst folgte das Enuu.

20 dieser tuktukartigen Elektrofahrzeuge rollen seit September 2019 über die Stadtzürcher Strassen. Bald sollen es deutlich mehr sein. «Anfang April wird unsere Zürcher Flotte 150 umfassen», sagte Enuu-Mitgründer Luca Placi dem «Tages-Anzeiger» und anderen Medien.

Der Haken daran ist: Dem Start-up aus Biel fehlt die Erlaubnis für diese Offensive. Offenbar gab es ein Missverständnis. Die Bieler waren überzeugt, dass die Stadt ihnen das Okay gegeben habe. Beim zuständigen Sicherheitsdepartement von Karin Rykart (Grüne) sah man das ganz anders. Letzte Woche haben sich die Beteiligten nochmals getroffen. Nun hat Enuu sein Gesuch für 150 Fahrzeuge erneuert. Die Stadt wird das vorgeschlagene Konzept «detailliert prüfen», wie Robert Soós, der Sprecher des Sicherheitsdepartements, sagt, «insbesondere in Bezug auf Örtlichkeiten, Werbung und den Zeitraum».

Die Enuus sehen aus wie Miniaturautos. Gelöst sind sie aber als motorisierte Rollstühle. Daher dürfen sie auf Velowegen fahren und Veloparkplätze gebrauchen. Enuus böten Schutz vor dem Wetter, Stauraum und ein sicheres Fahrgefühl. So werben die Betreiber dafür.

Nach dem O-Bike-Überfall im Sommer 2017 und der E-Trottinett-Invasion ist die Stadt Zürich zurückhaltend geworden gegenüber Free-Floating-Angeboten, also Fahrzeug-Verleihsystemen ohne feste Stationen. «Dem Sicherheitsdepartement ist es ein grosses Anliegen, dass der öffentliche Raum nicht übernutzt wird. Insbesondere Passantinnen und Passanten sollen keine Behinderung erfahren», sagt Robert Soós. Nicht alle Zürcherinnen haben Freude an den Free-Floating-Gefährten, bei der Stadt gehen regelmässig Reklamationen ein. Momentan bestehen Bewilligungen für 2300 elektronische Trottinette und 80 E-Bikes. Sie alle müssen der Stadt eine Gebühr entrichten, weil sie den öffentlichen Raum beanspruchen.

Die Aussenhülle der Enuus dient auch als Werbefläche. Dies geht laut den städtischen Regeln in Ordnung, solange die Fahrzeuge nicht überwiegend zu Werbezwecken dienen. Sie dürfen also nicht einfach wie Werbesäulen herumstehen.

Zürich als urbanes Testgelände

«Wir nehmen die Bedenken der Zürcher ernst», sagt Luca Plai von Enuu. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten gehe Enuu vorsichtig und systematisch vor. «Wir werfen nicht einfach Hunderte Fahrzeuge auf die Strassen. Aufgrund unserer Daten finden wir heraus, was die Menschen brauchen.»

Für das 2016 in Biel gegründete Start-up bedeutet die Offensive in Zürich einen wichtigen Schritt. So viele Enuus befanden sich noch nirgends im Umlauf. Gestartet ist Enuu im November 2018 in Biel mit 20 Gefährten. Mit den geplanten 150 Fahrzeugen in Zürich werde man versuchen, die Kundenfreundlichkeit zu verbessern und zu begreifen, an welchen Plätzen es wie viele Fahrzeuge brauche, sagt Placi. «Danach sind wir bereit, in ausländische Grossstädte wie Berlin zu expandieren.»

Derzeit würden die Zürcher Enuus nur etwa einmal pro Tag ausgeliehen, sagt Placi. «Weil wir so wenige Fahrzeuge haben, bleibt die Distanz für die Nutzer oft zu gross.» Bei 150 Fahrzeugen verbessere sich die Zugänglichkeit erheblich. «Unser Ziel liegt momentan bei 1,5 bis 2 Fahrten täglich.»

Wenig Freude an den Plänen von Enuu haben die Veloverbände. Zürich scheine der beliebteste Ort zu sein, um mit neuen Gefährten zu experimentieren, sagt Pro-Velo-Zürich-Geschäftsführer Dave Durner. Das Bundesamt für Strassen bewillige zum Teil unausgegorene Fahrzeuge. «Und weil man nicht weiss, wohin damit, schickt man das Zeugs auf die Veloinfrastruktur. Dabei ist die praktisch überall hundslausig.» Ohne neue Veloabstellplätze hätten die Enuus in Zürich unmöglich Platz.

Luca Placi kennt den Einwand. So viel grösser als ein Velo sei ein Enuu gar nicht, sagt er. «Auf der Strasse integrieren sie sich gut in den Verkehr.» Beim Parkieren werde es schwieriger. Dass rund um den Hauptbahnhof nicht allzu viele Enuus Platz fänden, sei klar. «Daher haben wir in unsere App alle möglichen Parkmöglichkeiten eingezeichnet. Es gibt genug Alternativen.»

Wer nicht spurt, wird gesperrt

In Biel sind die Behörden zufrieden, wie der zuständige Projektleiter Gabriele Leonardi sagt. Die Stadt stehe in regelmässigem Kontakt mit den Betreibern. So habe Enuu auf Bitte der Stadt die Benutzer vertieft über Verkehrs- und Verhaltensregeln informiert. Gleichzeitig habe die Firma ein Mahnsystem eingeführt. Wer mehrmals gegen die Regeln verstosse und zum Beispiel ein Gefährt falsch parkiere, werde gesperrt.

«Dank dieser Massnahmen funktioniert der Verleih fast reibungsfrei», sagt Leonardi. Es gebe sehr wenige Reklamationen. Auch ein schwererer Unfall sei ihm nicht bekannt. Das liege auch an der geringen Anzahl der Fahrzeuge. Bis zum Sommer soll die Flotte auf 35 wachsen. Das passe gut zur Grösse von Biel, sagt Leonardi.

Enuus werden laut Luca Placi von drei Typen von Menschen gebraucht. 1. Von jungen Ökologiebewussten, die sich kein Auto leisten wollen. 2. Von Berufstätigen, die in der Stadt von Termin zu Termin eilen. 3. Von über 60-Jährigen, die Mühe haben, ein Velo oder ein Trottinett zu benutzen, sich aber gern individuell fortbewegen.

Momentan basieren die Enuus auf einem chinesischen Fahrzeug. Diese lässt die Firma in Neuenburg umbauen. «Wir entwickeln aber ein eigenes Modell», sagt Placi. Geld sei vorhanden. Es gebe zahlreiche Investoren, die an den Erfolg der Idee glaubten.

Längerfristig möchte Enuu 500 Fahrzeuge auf die Zürcher Strassen bringen. Bis dahin wird es noch ein weiter Weg sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch