Streit um Subventionen: Zahlt Zürich zu wenig für Krippenplätze?

Zürich drohe die Zweiteilung in Billig- und Gutverdiener-Krippen, kritisieren die Betreiber. Der städtische Betrag für subventionierte Plätze sei zu tief.

Eine Preissenkung hätte einen Qualitätsabbau zur Folge: Spielendes Kind in einer Kinderkrippe. Foto: DPA, Keystone

Eine Preissenkung hätte einen Qualitätsabbau zur Folge: Spielendes Kind in einer Kinderkrippe. Foto: DPA, Keystone

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Im Mai steht im Zürcher Gemeinderat ein wichtiges Geschäft an: die Revision der Kinderbetreuungsverordnung. Erklärtes Ziel von Sozialvorsteher Raphael Golta (SP): die Zahl der verbilligten Krippenplätze erhöhen. Zu diesem Zweck will Golta die bisherigen Kontingente für subventionierte Plätze aufheben. Alle, die Anspruch auf Subventionen bei der Kinderbetreuung haben, sollen von städtischen Beiträgen profitieren können. Heute gibt es gut 3400 subventionierte Plätze, nötig wären 4000. Auch der Tarif wird angepasst: Krippen sollen pro subventionierten Platz 120 Franken am Tag verrechnen dürfen. Bisher lag der Betrag bei rund 110 Franken.

Doch ausgerechnet bei jenen, welche die Reform betrifft, kommt sie teils schlecht an: Etliche Stadtzürcher Krippen sprechen sich dagegen aus, ebenso der nationale Branchenverband Kibe­suisse. 65 Betriebe mit 2400 Betreuungsplätzen haben ein Schreiben unterzeichnet, das an die Fraktionen im Gemeinderat ging mit der Bitte, die Vorlage an den Stadtrat zurückzuweisen.

Das Geld reicht nur fürs gesetzliche Minimum

Stein des Anstosses ist der neue Tagessatz von 120 Franken. Aus Sicht der Kritiker ändern die zusätzlichen 10 Franken nichts daran, dass der städtische Betrag vielerorts die Kosten eines Krippenplatzes nicht zu decken vermag. Der Umstand, dass es aufgrund der wegfallenden Kontingente in Zukunft mehr subventionierte Krippenplätze geben wird als heute, verschärfe das Problem zusätzlich.

«Mit 120 Franken kommt man als Krippenbetreiber aus, wenn man nicht mehr bietet, als das Gesetz vorschreibt, wenn man nicht mehr als 25 Franken Miete pro Quadratmeter bezahlt und zwei Wochen Betriebsferien im Jahr macht», sagt Markus Guhn. Er ist Vorstandsmitglied bei Kibesuisse und Präsident des Vereins «Orte für Kinder», der zwei Krippen in Zürich betreibt.

Die Eltern haben Ansprüche

Doch in der Stadt Zürich reicht das Minimum heute nicht mehr, sagen die Krippenbetreiber, welche das Schreiben unterzeichnet haben. Schliesslich sind die Mehrheit der Krippenkunden voll zahlende Eltern, die Ansprüche haben. Das heisst: Wer in Zürich als Krippe erfolgreich sein wolle, müsse sich positionieren und abgrenzen, sagt Guhn. Etwa mit einem besseren Betreuungsschlüssel, einem speziellen pädagogischen Angebot, Bio-Verpflegung oder einem extra buchbaren Betreuungsservice über die normalen Öffnungszeiten hinaus.

Die Folge solcher Extras: In Zürich sind Tarife von 135 Franken pro Tag keine Seltenheit. Und hier fängt in den Augen der Krippen das Problem an. Nehmen sie subventionsberechtigte Kinder auf, für die sie künftig höchstens 120 Franken erhalten, fehlt Geld in der Kasse. Schon heute stehen viele Krippen finanziell auf wackligen Beinen. 40 Prozent der Krippen machen Defizite. Ein Plus von 20'000 Franken bei zwei Millionen Umsatz ist schon ein Spitzenresultat. Was die Situation für die Krippenbetreiber zusätzlich erschwert: Das Angebot an Plätzen – zumal für Vollzahler – übersteigt die Nachfrage.

Spender suchen? Kosten senken?

Für Priska Gehring, Inhaberin der Kinderkrippen Alexi’s und Pika, lautet die Konsequenz: «Ich nehme keine subventionsberechtigten Kinder mehr auf. Es rechnet sich für mich nicht.»

Weder im bestehenden noch im neuen System sind Krippen dazu verpflichtet, subventionierte Plätze anzubieten. Das führt bei jedem leeren Platz zur kniffligen Frage: Soll die Krippe den freien Platz sofort vergeben, allenfalls auch an ein subventioniertes Kind, das keinen kostendeckenden Tarif einbringt – oder soll sie eine längere Vakanz in Kauf nehmen und warten, bis jemand den vollen Tarif für den Platz bezahlt? Den subventionsberechtigten Eltern dürfen die Krippen nämlich keinen Mehrpreis in Rechnung stellen, das lässt die Verordnung nicht zu. «Obwohl es subventionsberechtigte Eltern gäbe, die durchaus bereit wären, 10 oder 20 Franken Aufpreis zu zahlen», sagt Markus Guhn. Die andere Variante wäre, subventionsberechtigte Eltern und deren Kinder von einzelnen Dienstleistungen auszuschliessen. Das ist aber ebenfalls verboten – und wäre aus Sicht der Betreiber pädagogisch auch nicht sinnvoll.

Bleiben drei Auswege: Die Krippen suchen Spender. Oder sie senken die Kosten, was laut Gehring weniger Qualität zur Folge hätte. Oder sie stopfen das Loch via Quersubvention – also mit dem Geld, das die Vollzahler bezahlen. «Das liefe dann darauf hinaus, dass Eltern, die gut verdienen und entsprechend Steuern entrichten, die subventionierten Plätze ein zweites Mal subventionieren», sagt Markus Guhn.

Gutscheine als Alternative

Was aber wäre die Alternative zum Zürcher Modell? Guhn und Gehring verweisen auf Luzern und Bern. Diese Städte arbeiten mit einem Gutschein­system: Dort erhalten subventionsberechtigte Eltern Gutscheine, deren Höhe sich am steuerbaren Einkommen bemisst. Diese können sie in jeder Krippe ihrer Wahl einlösen. Das lasse den Eltern eine gewisse Freiheit, welchen Mehrpreis sie zu bezahlen bereit sind, sagen die beiden Krippenbetreiber.

Setze Zürich die Verordnung hingegen wie geplant um, fürchten Guhn und Gehring ein Krippensterben und eine Zweiteilung des Markts in subventionierte Billigkrippen und nicht subventionierte Qualitätskrippen.

Durchmischung ist wichtig

Sozialvorsteher Raphael Golta weist die Kritik zurück. Er zeigt sich überzeugt, dass die 120 Franken im Normalfall kostendeckend sind: «Dieser Satz liegt sogar leicht über dem Durchschnittspreis für einen Krippen-Tag in Zürich.» Dass einzelne Krippen mehr verlangten, sei bekannt – aber es gebe auch Krippen, die günstiger seien. Er verweist darauf, dass mehr als 80 Prozent der rund 300 Zürcher Krippen subventionierte Kinder aufnehmen. «Wäre unser Preis viel zu tief, wäre das kaum so.»

Diese gute Durchmischung ist für Golta eine Qualität, die er unbedingt erhalten und möglichst weiter ausbauen will: «Das erreichen wir mit dieser Vorlage eher als mit dem Gutscheinsystem.» In Luzern zeige sich, dass Gutscheine tendenziell zu höheren Preisen führten. Gerade die finanziell schwächsten Familien würden seither ihre Kinder weniger in Krippen schicken als vor der Einführung der Gutscheine. «Für diese Familien kommt es sehr wohl darauf an, ob sie zwölf Franken pro Tag bezahlen müssen oder zwanzig», sagt Golta. Heute sind zwölf Franken der Mindestpreis, den Eltern in Zürich für einen subventionierten Krippenplatz bezahlen müssen; je höher das Einkommen, desto geringer die Subvention und desto höher der Elternbeitrag.

Für Golta ist der Markt das Problem

Dass die Stadt mit ihrer Politik den Krippen einen Tarif diktiert und subventionsberechtigte Eltern bevormundet, wie die Kritiker sagen, das nimmt Golta in Kauf: «Das ist der Preis, den wir bezahlen, um sicherzustellen, dass sich auch Eltern mit den tiefsten Einkommen einen Krippenplatz leisten können.» Im Hort sei das nicht anders. Und wie steht Golta zur Frage der Quersubventionen? Das könne es im Einzelfall zwar geben. «Die Zahlen zeigen aber, dass unser Tarif für viele Krippen attraktiv ist.»

Für Golta hat die Kritik denn auch weniger mit der Verordnung zu tun als mit der Marktsituation: «Manche Krippen sind nicht genügend ausgelastet. Wir anerkennen, dass sie zu kämpfen haben. Aber es kann nicht das Ziel sein, dass wir Leerstände subventionieren.»

Ob die Reform wirklich zu mehr subventionierten Plätzen führt und wie sich der Krippenmarkt verändert, das will Golta in den nächsten Jahren genau im Auge behalten. Und wenn sich die Befürchtung der Kritiker bewahrheitet, dass das neue System zu Betriebsschliessungen und zu einer Zweiteilung des Marktes führt? Golta: «Dann müssen wir die Ursachen analysieren und allenfalls eingreifen.»

Erstellt: 12.05.2017, 08:33 Uhr

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