Zürich durchs kleine Loch gesehen

Ungewöhnlich und berauschend: Die Fotografin Andrea Good zeigt mit ihrer Lochbildkamera die Stadt, wie man sie noch nie gesehen hat.

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Es klingt verrückt: In einer Zeit, in der die meisten Menschen Fotos vor allem mit ihrem Handy machen, kehrt die Zürcher Fotografin Andrea Good zu einer Technik zurück, die Zeit, Raum und Material beansprucht. Sie fotografiert ausschliesslich mit einer Lochkamera, einer sogenannten Camera obscura. «Für mich hat diese spezielle Art zu fotografieren mit magischen Momenten zu tun», sagt sie, «mit einer Lochkamera gelingen mir Fotos, die ich mit keiner anderen Kamera machen kann.»

Arbeitet ohne Fotoapparat: Die Fotokünstlerin Andrea Good im Interview. (Video: Universitätsklinik Balgrist)

Die Camera obscura (dunkle Kammer) basiert auf dem Prinzip, dass ein Lichtstrahl, der durch ein Loch in einen dunklen Raum fällt, auf der gegenüberliegenden Wand das farbige, verkleinerte, Kopf stehende und spiegelverkehrte Bild dessen zeigt, was jenseits des Raums ist. Solche Kameras lassen sich aus Zündholzschachteln, Getränke- oder Keksdosen basteln. Oder man ist Andrea Good, die für ihre Aufnahmen kuriose Orte als «Kamera» wählte: Schiffscontainer, Hotelzimmer, Kirchenhallen oder Büroräume der ETH, UBS oder Stadtverwaltung.

Fotos von fast mystischer Wirkung

Zum Beispiel das Sitzungszimmer im obersten Stock des Zürcher Werdhochhauses. Mit lichtundurchlässigem Stoff hat die Fotografin den ganzen Raum verklebt und abgedunkelt, bis nur noch ein kleines Löchlein von 1,2 Millimeter übrig blieb. Good nahm in diesem stockdunklen Sitzungszimmer mit einer Belichtungszeit von fast einer Stunde Zürcher Stadtlandschaften auf.

Das Resultat sind berauschende Fotos von verblüffender Wirkung, die man so bisher noch nicht von Zürich gesehen hat. Andrea Good: «Ich fand es faszinierend zu sehen, welche Bilder das Büro im Werdhaus eingefangen hat.» Das Endprodukt, zum Beispiel das Lochergut von oben, sieht aus wie ein Negativ: Der Himmel ist dunkel, die Häuser und deren Dächer sind rot. Um solche Farbeffekte zu erreichen, arbeitet die Fotokünstlerin mit grossformatigem Fotopapier. Für ihre neuesten Werke verwandelte Good Tischdecken und Servietten in schwerelos schwebende Wolken und farbige Kaleidoskope.

Ausstellung bis Frühling 2019

Die Fotografien der 50-jährigen Andrea Good, die 1968 in Zürich geboren wurde, finden sich in privaten, öffentlichen und institutionellen Sammlungen. Eine Auswahl von Werken der vergangenen zehn Jahre sind bis im Frühling 2019 im Empfangsbereich, der Cafeteria und im Restaurant der Universitätsklinik Balgrist ausgestellt. Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Fotostiftung Schweiz statt. Das Spital baut, im Rahmen von jährlich wechselnden Ausstellungen, eine Sammlung für Schweizer Fotografie auf.

Erstellt: 26.03.2018, 15:58 Uhr

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