«Zürich geht einen Schritt zu wenig weit»

Die Stadt will ihr Krippensystem umkrempeln. Das sorgt für Kritik. Ein Luzerner Berater empfiehlt ein ganz anderes Modell.

Das System mit Betreuungsgutscheinen böte für alle Eltern mehr Vorteile, sagt Peter Hruza.

Das System mit Betreuungsgutscheinen böte für alle Eltern mehr Vorteile, sagt Peter Hruza. Bild: Tom Kawara

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Peter Hruza, Zürich will das Kontingent von subventionierten Plätzen aufheben, und allen Kitas solche Plätze mit neu 120 statt 110 Franken pro Tag vergüten. Was sagen Sie dazu?
Die Stossrichtung ist richtig. Zürich will ein grösseres Angebot an subventionierten Plätzen schaffen, mehr Durchmischung und mehr Freiheiten für die Eltern. Aber: Zürich bleibt mit dieser Idee nach zwei Dritteln des Weges stehen, statt ihn konsequent zu Ende zu gehen.

Bis wohin?
Bis hin zum System mit Betreuungsgutschriften, das sich im besten Fall durch die ganze ausserfamiliäre Betreuung zieht.

Welche Vorteile bietet das Modell den Eltern von Krippenkindern?
Das System wird stark vereinfacht. Eltern stehen alle Kitas offen, den Unterschied zwischen subventionierten und nicht subventionierten Plätzen gibt es nicht mehr. Gemessen an der Höhe ihres Einkommens erhalten Eltern direkt Betreuungsgutschriften von der Gemeinde. Die Verwaltung übernimmt also die Verteilung der Gelder. Die Eltern bezahlen faktisch nur den Differenzbetrag zwischen Gutschrift und Kitatarif.

Wie profitieren die Kitas?
Sie können bei allen Eltern eine Rechnung über die Vollkosten stellen, was eine administrative Erleichterung ist. Zudem müssen sie sich nicht mehr mit Subventionen herumschlagen, haben freie Ressourcen und können sich auf die Betreuung, ihre Kernkompetenz, konzentrieren.

Die Tarife schnellen mit Betreuungsgutscheinen nicht in die Höhe.Peter Hruza, Berater für die Einführung von Betreuungsgutschriften

Was bringt es der Gemeinde?
Das Angebot an Plätzen steigt, wie wir in Luzern gesehen haben, die Durchmischung ebenso, weil Eltern meist eine Kita nahe des Wohnorts wählen. Die Gemeinde hat aber einen administrativen Mehraufwand, der sich besonders auszahlt, dehnt man das Gutscheinsystem auf die gesamte Fremdbetreuung aus. Zudem fällt das aufwendige Kontraktmanagement mit den einzelnen Krippen weg.

Wie erklären Sie sich das Zögern Zürichs?
Aus meiner Sicht besteht die Angst davor, dass die Kitas mit Betreuungsgutscheinen die Elternbeiträge anheben könnten, da sie in diesem Modell frei in der Tarifgestaltung sind. Aber wir wir haben noch in keiner Gemeinde beobachtet, dass wegen der Umstellung die Elternbeiträge in die Höhe geschnellt sind.

Der Zürcher Sozialvorsteher Raphael Golta behauptet, das sei «in Luzern tendenziell» aber so.
Unsere Erfahrung ist eine andere. Die Umstellung auf das Gutscheinsystem bewirkt per se keine Kostensteigerung.

Golta sagt auch, mit dem Gutscheinsystem würden finanziell schwächere Familien ihre Kinder weniger in die Kita schicken, weil sie den Differenzbetrag nicht vermögen.
Jede Gemeinde ist frei beim Festlegen der Gutscheinhöhen. Idealerweise erfolgt das nach sozialpolitischen Überlegungen. Für Familien mit tiefen Einkommen können entsprechend hohe Gutscheine festgelegt werden. Oftmals soll dann auch noch der Mittelstand gestärkt werden. Dies führt dazu, dass Prioritäten gesetzt oder mehr finanzielle Mittel eingesetzt werden müssen. Zudem sind die Gutscheine periodisch anzupassen. In Luzern ist dieser Schritt nun notwendig, da sich die Differenz zwischen Gutscheinen und Vollkosten in den vergangenen acht Jahren aufgrund der allgemeinen Teuerung vergrössert hat.

Wie hoch ist die Differenz?
Sie ist je nach Kita natürlich unterschiedlich, deshalb will ich sie nicht beziffern. Es sind einige wenige Franken, aber genau diese können für einkommensschwache Eltern ins Gewicht fallen. Deshalb ist eine Anpassung nötig.

Kritiker der neuen Verordnung befürchten, die 120 Franken für subventionierte Plätze seien nicht kostendeckend, der Markt würde sich in subventionierte Billigkrippen und nicht subventionierte Qualitätskrippen teilen.
Dieses Risiko besteht durchaus. Es ist immer schwierig, wenn Normkosten zu stark reglementiert sind.

Sind 120 Franken zu tief?

Ich sage es so: Das System der Normkosten ist einfach zu starr und entspricht nicht den Realitäten der einzelnen Kitas. Wenn man dieses System in Zürich fair durchziehen wollte, müsste man in jeder Kita die Vollkosten ermitteln und so individuelle Normkosten fixieren. So könnte man einer Bioküche, fairen Anstellungsbedingungen oder der Lage Rechnung tragen. Doch das ist für eine Gemeinde administrativ viel zu aufwendig.

In meinen Augen ist es nicht die Aufgabe des Staates, die Kosten einer Kita zu regulieren.Peter Hruza, Berater für die Einführung von Betreuungsgutschriften

Welcher Betrag wäre denn realistisch?
Die Frage ist immer, wie viel eine Gemeinde für Subventionen aufwerfen will. Aber in meinen Augen ist es eigentlich nicht die Aufgabe des Staates, die Kosten einer Kita zu regulieren. Der Staat hat die Pflicht, die Qualität der Betreuung sicherzustellen.

Wo sehen Sie die Nachteile des Gutscheinsystems? Nachteile? Nein, ich finde es «rüdig» gut. Wird dieses System konsequent durchgezogen, hat es gegenüber anderen Systemen nur Vorteile. Aber die Qualität der Betreuung muss zwingend überprüft werden, damit keine Kitas entstehen, die schlechte Betreuung zu Dumpingpreisen anbieten. Auch für Arbeitgeber bietet das System nur Vorteile, wenn sie sich an der Finanzierung einer Kita beteiligen wollen.

Erstellt: 12.05.2017, 12:20 Uhr

Peter Hruza (Alter 46) ist Partner im Büro Communis in Luzern und hat schweizweit bereits über 30 Gemeinden bei der Einführung von Betreuungsgutscheinen begleitet. In Horw hat er das System zwischen 2003 und 2011 selber aufgebaut und war Teil der Projektgruppe bei der Einführung in der Stadt Luzern. (Bild: PD)

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