«Zürich liegt klar auf Platz eins»

Finanzprofessor Andreas Dietrich sagt, welche Projekte zeigen, dass Zürcher die spendabelsten Schwarmfinanzierer der Schweiz sind.

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Herr Dietrich, das Onlinemagazin «Republik» hat mittels Crowdfunding-Kampagne innert Stunden über eine Million Franken gesammelt. Für das Projekt eines Surfparks in Regensdorf sammelt der Verein Waveup seit Freitag, und es sind bis Dienstagmorgen knapp 24'000 der erhofften 100'000 Franken eingegangen. Läuft hier etwas schief?
Nein. Das Crowdfunding für die ‹Republik› war einfach ein Ausnahmefall. Das Surfpark-Projekt hat aus meiner Sicht ebenfalls gute Erfolgschancen. Es hat eine klare Zielgruppe, daher können mögliche Spender direkt angesprochen werden. Die Sportart Surfen weckt Emotionen, auch das wirkt sich positiv auf ein Crowdfunding aus. Der Verein bietet zudem je nach Höhe der Beiträge als Gegenleistung ein Geschenk, ein Goodie. Es ist also ein klassisches Beispiel für ein Reward-based Crowdfunding.

Gibt es denn noch andere Formen?
Es gibt drei weitere Möglichkeiten für Crowdfundings. Neben diesem Reward-based Crowdfunding, bei dem die Geldgeber eine Gegenleistung erhalten, kann man heute auch als Kleininvestor Eigenkapital für ein in der Regel junges Start-up zur Verfügung stellen. Dies nennt man Crowdinvesting. Des Weiteren kann man über eine Plattform einen Kredit vergeben. Bei dieser Form, dem Crowdlending, erhalten die Darlehensgeber als Gegenleistung für die Kreditgewährung zusätzlich zum zurückzuzahlenden Kapital Zinszahlungen. Dass Waveup ihr Projekt über ein Reward-based Crowdfunding finanzieren will, ist sicherlich der richtige Ansatz.

Welches ist der grösste Fehler, den man bei einem Crowdfunding-Projekt machen kann?
Was nie funktioniert, ist, wenn man sein Projekt online schaltet und danach in die Ferien geht und auf ein Wunder hofft. Man muss sowohl im Vorfeld wie auch während des Projekts immer am Ball bleiben und dafür sorgen, dass möglichst viele Personen von der Aktion erfahren.

«Der Durchschnitt der Geldgeber ist 15 Kilometer vom Projekt entfernt.»Andreas Dietrich

Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem sich sagen lässt, dass ein Projekt Erfolg haben wird oder nicht?
Wir haben diesen Punkt anhand von 1400 Projekten analysiert und dabei festgestellt, dass innerhalb des ersten Drittels der Laufzeit einer Schwarmfinanzierung ein Drittel des gewünschten Geldes gesammelt sein sollte. Dann dürfte es klappen. Neben genügend Publizität ist für den Erfolg eines Crowdfundings aber auch der Standort des Projekts entscheidend.

Weshalb?
Der Durchschnitt der Geldgeber ist 15 Kilometer vom Geldsuchenden oder von dessen Projekt entfernt. Der Surfpark wird in der Region Zürich sicherlich mehr Spender finden als beispielsweise in Genf oder in Bellinzona, selbst wenn es sich um einen internationalen Sport handelt. Zahlen werden wohl hauptsächlich jene, die den Surfpark innert einer halben Stunde erreichen können.

Welche Crowdfunding-Projekte fanden bisher in Zürich Geldgeber?
Im Bereich Reward-based Crowdfunding waren es einerseits Projekte im Kulturbereich: Musikalben, Festivals, Tanzkonzepte oder Buchpublikationen. Andererseits kamen via Crowdfunding in Zürich auch Software oder Computergames, Sportler oder neue Angebote im Technologiebereich sowie Business-Start-ups zu Geld.

Sind Zürcher spendabler?
Es ist tatsächlich so, dass in den Städten Zürich und Basel Crowdfunding derzeit die grössten Chancen auf Erfolg hat. Es sind eigentliche Hotspots, in denen man diese Finanzierungsform bereits kennt. In anderen Kantonen muss sie sich erst noch etablieren.

Wie viel haben die Zürcher im letzten Jahr für Crowdfundings ausgegeben?
Für das vergangene Jahr liegen zwar die Gesamtzahlen vor, aber wir weisen sie nicht mehr nach Kantonen aus. Sicher ist, dass der Kanton Zürich 2015 beim Pro-Kopf-Volumen der Ausgaben direkt hinter Basel-Stadt auf Platz zwei liegt. Bei den kumulierten Gesamtausgaben liegt Zürich aber klar auf Platz 1. Im letzten Jahr lag der durchschnittliche Betrag, den Geldsuchende in der Schweiz mittels Reward-based Crowdfunding generieren wollten, bei 12'000 Franken. Dazu sind nicht allzu viele Geldgeber nötig. Deshalb lag die Erfolgsquote auch bei 70 Prozent. Mit 100'000 Franken ist das Waveup-Projekt momentan aber eines der ambitioniertesten Reward-based-Crowdfunding-Projekte in der Schweiz. Trotzdem hat es meines Erachtens durchaus eine Chance.

Inzwischen hat man den Eindruck, dass fast alles per Crowdfunding finanziert wird. Lässt sich das mit Zahlen belegen?
In der ganzen Schweiz wurden im letzten Jahr rund 130 Millionen Franken mit Crowdfunding generiert. Wir gehen davon aus, dass dieser Betrag im laufenden Jahr auf 300 bis 400 Millionen Franken ansteigen wird. Am meisten Geld konnten Projekte mit Crowdlending sammeln, nämlich über 55 Millionen Franken.

Hat diese Entwicklung Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Zürich?
Mittelfristig werden solche Schwarmfinanzierungen die Zürcher Wirtschaft nicht auf den Kopf stellen. Die Banken verschwinden deswegen nicht, denn trotz der imposanten Wachstumszahlen stehen wir noch ganz am Anfang der Entwicklung. Man muss das Ganze in die richtigen Relationen setzen: Der KMU-Kreditmarkt weist ein Volumen von rund 330 Milliarden Franken auf. Im Bereich der KMU-Kredite über Crowdfunding wurde bisher in der Schweiz ein Volumen von 28 Millionen Franken vermittelt.

Wie sieht es bei den Spendengeldern aus?
Das gesamte Spendenvolumen liegt schweizweit bei über einer Milliarde Franken pro Jahr. Der Markt für das sogenannte Reward-based Crowdfunding beträgt demgegenüber 17 Millionen Franken. Aber gerade KMU oder Einzelpersonen haben mit Crowdfunding eine neue Finanzierungsquelle, mit der sie die Banken umschiffen können. Es ist eine willkommene Ergänzungsfinanzierung für Projekte, die sonst möglicherweise nicht zustande kämen.

Erstellt: 14.06.2017, 06:30 Uhr

«Man muss sowohl im Vorfeld wie auch während des Crowdfunding-Projekts immer am Ball bleiben»: Andreas Dietrich. (Bild: zvg)

Andreas Dietrich

Andreas Dietrich (Jahrgang 1976) arbeitet als Professor für Banking und Finance und als Leiter des Kompetenzzentrums «Financial Services Management» am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Andreas Dietrich ist in Bülach aufgewachsen und studierte und promovierte an der Universität St. Gallen.

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