Es harzt nicht nur in Zürich mit dem Stadionbau

Zürich stimmt zum vierten Mal über ein Stadion auf dem Hardturm-Areal ab. Aber auch viele andere Städte haben Mühe, neue Fussballstadien zu verwirklichen.

In diesem Stadion soll der SC Freiburg ab kommender Saison spielen. Visualisierung: HPP Architekten/WillMore

In diesem Stadion soll der SC Freiburg ab kommender Saison spielen. Visualisierung: HPP Architekten/WillMore

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Aarau: Der Trost der Zürcher

Während in Zürich die vierte Stadionabstimmung bald Tatsache sein wird (wieso, lesen Sie hier), hat Aarau bereits fünfmal Ja zu einem neuen Stadion im Torfeld Süd gesagt, und der FC Aarau spielt immer noch im Brügglifeld. Seit 30 Jahren ist klar, dass die unter Fussballnostalgikern beliebte Fussballstätte eigentlich zu klein ist. Doch bisher scheiterte Plan um Plan. Mal an der Urne, mal an der Finanzierung des neuen Bauvorhabens – und juristische Hickhacks gab es selbstverständlich auch. Im November entschieden die Aar-auerinnen und Aarauer in einer Volksabstimmung erneut: Ja, wir wollen ein neues Stadion. Einsprecher kündigten umgehend einen langen Kampf an. Gestern machte die «Aargauer Zeitung» aber publik: Der «Vorzeigeeinsprecher wirft das Handtuch». Die Anfeindungen wegen seiner Tätigkeit wurden ihm zu viel. Ist jetzt der Weg frei, und es heisst bald Brügglifeld ade?

So soll das Stadion im Torfeld Süd in Aarau dereinst aussehen. Visualisierung: Architekten Wüest Partner

Basel: Der dritte Anlauf klappte

Gerne geht vergessen, dass auch Basel nicht gleich auf Anhieb ein neues Fussballstadion zustande brachte. Zwischen 1987 und 1996 wurden gleich zwei Projekte zu Grabe getragen. Während der FC Basel in der Nationalliga B kickte, scheiterte das erste Projekt am Kanton, der eine Zonenplanänderung verweigerte, die für den Neubau aber zwingend nötig gewesen wäre. 1994 gelang Basel der Wiederaufstieg in die höhere Liga – und für ein überarbeitetes Stadionprojekt gab es dann auch plötzlich die ersehnte Baubewilligung. Trotzdem wurde es nie realisiert. Die Stadiongenossenschaft zog das Projekt zurück. Sie zweifelte an der Profitabilität des späteren Stadions. Daraufhin schaltete sich ein Generalunternehmer ein, der ein Stadion mit Mantelnutzung zu einem Festpreis anbot. Dieses überzeugte dann alle Beteiligten. Fünf Jahre später wurde 2001 der St.-Jakob-Park eröffnet.

Basel hatte auch nicht auf Anhieb ein neues Stadion. Die Pläne für den St.-Jakob-Park überzeuten dann aber doch. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Freiburg: Zu viel Lärm?

Im süddeutschen Freiburg hat alles so schön begonnen. Der Bau der neuen Arena für 35'000 Zuschauer ist derzeit im Gang, das letzte Spiel im Schwarzwald-Stadion ist geplant, die Gerichte haben bislang alle Anwohnerbeschwerden abgeschmettert. Bis am 23. Oktober plötzlich ein Entscheid des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg eingetroffen ist. Dieses hält fest, dass wegen des Lärmschutzes im neuen Stadion nach 20 Uhr keine Spiele stattfinden dürfen, auch an Sonntagen zwischen 13 und 15 Uhr sei Fussballspielen nicht erlaubt. Kurz darauf teilte das Regierungspräsidium mit, der Beschluss basiere auf veralteten Lärmgrenzwerten, das habe selbst der Verwaltungsgerichtshof eingeräumt. Nun hoffen die Fans, dass sich die Einschränkungen als Fehler herausstellen werden. Behörden und Gerichte überprüfen, wie und ob sie das Urteil korrigieren können.

Saarbrücken: Der Rest wartet

Seit 2015 plant die deutsche 180'000-Einwohner-Stadt Saarbrücken den Umbau ihres Stadions, das 16'000 Zuschauer fasst. Der Bau verläuft aber alles andere als reibungslos. Mehrfach verzögerte sich das Projekt – jüngst im August, weil die Stadt laufende Ausschreibungen stoppen musste, um Kosten zu sparen. Das ist auch bitter nötig. Denn seit der Ankündigung des neuen Ludwigsparkstadions explodierten die Kosten von 16 auf mittlerweile 38 Millionen Euro. Zwischenzeitlich drohte ein Baustopp. Diesen konnte der Stadtrat allerdings abwenden, indem er weitere acht Millionen einschoss. Fussball hat Priorität. Andere Projekte wurden zugunsten des Stadions auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die jüngste Wende um die Ausschreibung verzögert die Fertigstellung nun um mindestens zwei Monate. Der neue Eröffnungstermin soll im Juli 2020 sein.

Ewige Baustelle in Valencia: Vor über zehn Jahren wurde mit dem Bau begonnen. Foto: Fenwick Iribarren Architects

Valencia: Seit 12 Jahren im Bau

Nur weil die Bagger auffahren, ist das noch lange kein Garant dafür, dass bald ein neues Stadion steht, wie das Beispiel Valencia zeigt. Der Baubeginn für das Nou Mestalla in Valencia liegt bereits über zehn Jahre zurück – fertig ist es noch immer nicht. 2010 hätte es ursprünglich bezugsbereit sein sollen, aber der Bau der Arena wurde gestoppt, als die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Plötzlich fehlte das Geld. Auch die Bank, getroffen von der Krise, zog den gewährten dreistelligen Millionenkredit zurück. Zwischenzeitlich wurde das Projekt redimensioniert. Ursprünglich waren 75'000 Plätze geplant, mittlerweile sind es etwas mehr als 61'000 Plätze. Der Club hofft, beim Saisonstart 2022/23 erstmals im neuen Stadion spielen zu können. Ob die Fans diese Hoffnung teilen, ist offen. Denn das alte Stadion mit den steilen Rampen und der guten Stimmung ist beliebt.

Liverpool: Kaufen und abreissen

Immer wieder sind es die Anwohner, die sich Stadionplänen in den Weg stellen. Der FC Liverpool wählte eine ganz eigene Strategie gegen potenziell widerspenstige Nachbarn, wie englische Medien berichteten. Die Reds wollten ihr Anfield-Stadion auf keinen Fall verlassen, sondern ausbauen. Der Verein kaufte daher in den Neunzigerjahren Dutzende Häuser in der näheren Umgebung des Stadions. Diese liess er leerstehen und verlottern. Das beschleunigte den Niedergang des ganzen Quartiers, worauf sich immer mehr Eigentümer bereit zeigten, ihre Häuser in der Umgebung zu verkaufen. Im Oktober 2012 war der Ausbau beschlossene Sache, Anfang 2015 fuhren die Baumaschinen auf und rissen zahlreiche Häuser ab. Zum Saisonstart 2016/17 wurde die neue Haupttribüne eröffnet. Seither finden 13'000 weitere Zuschauerinnen und Zuschauer Platz.

Erstellt: 19.12.2019, 22:01 Uhr

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