Zürich ist wieder Number One

Das englische Magazin «Monocle» sieht Zürich als lebenswerteste Stadt der Welt. Ist Rang 1 aber auch das Selbstverständnis der Einheimischen?

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«Zürich», beginnt der Artikel in der aktuellen Ausgabe der Londoner Zeitschrift «Monocle», «ist eine Stadt, die einem das Gefühl vermittelt, dass mit der Welt alles in Ordnung ist.» Es ist der erste Satz zu einem Porträt der Stadt, unserer Stadt, ja, der erste Satz zu einer Schmeichelei, die der Zürcher und die Zürcherin gerne hören. Aber für die er und sie einen Hauch zu cool sind, um es zuzugeben.

Die Schweizer Stadt ähnele oft einer Postkarte, heisst es im «Monocle» weiter, gerade jetzt im Sommer, wenn der «kristallklare» Zürichsee voll von Schwimmern sei. Postkarte klingt nach Stillstand, nach Vergangenheit, nach Rückwärtsgewandtheit. Die Zeitschrift interpretiert den Begriff offenbar ganz anders: Zürich figuriert dieses Jahr auf Platz 1 des «Quality of Life Survey», der jährlichen Erhebung der Lebensqualität nach «Monocle»-Kriterien.

Andere Zahlen zählen

60 Kriterien umfasst der Katalog – darunter die Preise für den ÖV (in Zürich 83 Euro im Monat), die Arbeitslosenziffer (2,7 Prozent), das Alter der Bevölkerung (in Zürich sind die 30- bis 39-Jährigen am stärksten vertreten, sie machen 21 Prozent der Wohnbevölkerung aus) oder die Zahl der unabhängigen Buchläden (39) und die der Pärke (72, also einer pro 6000 Einwohner). Unsere Stadt macht in einem Jahr drei Plätze gut und lässt Tokio ebenso hinter sich wie die alte Nummer 1, München, oder unsere Vorbild(velo)stadt Kopenhagen.

Zürich ist also wieder da, wo die Stadt im «Monocle» bereits vor zehn Jahren einmal war: an der Spitze. Es muss jemand Ortsfremdes sein, der zu diesem Urteil gelangt. Zürich, das sich gerne grösser gibt, als es ist, das damit hadert, nur im Vergleich mit anderen Schweizer Städten eine Grossstadt zu sein. Wonach «Monocle» mithilfe seiner Kriterien sucht, ist etwas Hedonistisches: das Lebensgefühl, eine äusserst diffuse Angelegenheit. Eine «gewisse Alchemie» wohne dem Lebensgefühl inne, heisst es im Intro zur Erhebung – nicht immer einfach festzumachen. Das Magazin weist zudem darauf hin, dass sich nicht nur Städte entwickeln, «sondern auch unsere Ideen, wie wir uns unsere Städte wünschen». In Zürich scheinen sich diese beiden Linien derzeit zu überschneiden.

Natürlich lobt das «Monocle» unseren ÖV, erwähnt den Corbusier-Pavillon, das Kunsthaus und die Bestrebungen Zürichs, zu einer 2000-Watt-Gesellschaft zu werden. Der Blick von aussen zeigt aber auch ganz andere Eigenschaften der Stadtbewohner – andere, als sie das Klischee vorsieht, andere vor allem auch, als sie sich die Zürcherinnen und Zürcher wohl selber zuschreiben würden: «Trotz ihrer regelgläubigen Natur wissen die Schweizer, wie man das Leben geniesst.» Im Sommer sei Zürich geradezu mediterran: «Dank lebendiger Strassencafés und Menschen, die für einen Schwumm zwischen den Meetings in den See springen.»

Gefühlt immer auf Platz 4

Perfektionismus ist ein Vorwurf, den sich die Stadt immer wieder gefallen lassen muss. Das Selbstverständnis der Stadt, ihrer Regierung und ihrer Bevölkerung wäre höchstens (Vorjahres-)Platz 4 wert. Vorne mit dabei, das schon, aber es gibt noch viel zu tun. «Monocle» stellt dies ebenfalls fest: «Einer der beneidenswertesten Aspekte des Lebens in Zürich ist die Ambition und die Fähigkeit, sich stets weiterzuentwickeln und zu verbessern.» Zum Beispiel so: Restaurants sind laut Rating zu teuer; Restaurants und Bars schliessen zu früh; Nachbarn sollten gegenüber Lärm toleranter sein.

Das Bild übrigens, das im «Monocle» für Zürich steht (ein einziges muss reichen): eine grosse Aufnahme des Café Campo am Helvetiaplatz. Beton, milde Abendsonne, schöne Menschen beim Apérölen. «Diese Stadt», schliesst die Schmeichelei, «ist eine ziemliche Oase.» Das muss man den Zürcherinnen und Zürchern manchmal sagen.

Erstellt: 10.07.2019, 18:58 Uhr

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