Tränen am Public Viewing: «So eine schlechte Mannschaft»

In Zürich fieberten die Nati-Fans vor den Grossbildschirmen mit. Nach dem Schlusspfiff bleibt nur der Frust.

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18.30 Uhr: Idaplatz

Drei sitzen auf einer Bank. «Wenn d'Schwede wenigstens …», sagt einer. Der zweite: «Ja, aber d'Schwiizer hettet au!». Der dritte: «Scho klar.»

18.20 Uhr: Idaplatz

Nachbetrachtung. Also: Der Fernseher läuft noch, aber stumm. «Schoofseggel», äfft jemand Benjamin Huggel nach. Der Frust richtet sich auf irgendwas, irgendwohin. Eine ältere Frau lässt den Doppeladler flattern, vergnügt immerhin.

18.15 Uhr: Langstrasse

Durchfahrt erschwert, aber möglich – so sieht es hier aus in einer Welt, in der die Schweiz nicht Weltmeister wird. Der Frust sitzt ziemlich tief. «Scheiss-Schweden!», wettern die einen. Und ein Knirps ist untröstlich: «Nur wägem Eigegol! Das hetti nöd sölle gälte!»

17.54 Uhr: Letten

Schlusspfiff. «Zum Glück bin ich emotional so distanziert», sagt einer. Und dann beginnt es draussen zu nieseln.

17.52 Uhr: Bullingerwiese

Hier will niemand mehr. Die ersten wenden sich ab. Lassen die Köpfe hängen. «So eine schlechte Mannschaft», sagt einer, tränenerstickt.

Ausgeschieden, Abgang. (Bild: slm)

17.49 Uhr: Letten

«Penalty! Das isch jetzt aber nöd wahr! De isch bezahlt! Er verstolpert den Ball!» Und der Realist: Man muss sagen, dass das eigentlich auch keine Rolle mehr spielt. (hub)

17.45 Uhr: Letten

Hier ist die Zeit der laut hörbaren Stossseufzer angebrochen. Noch 3 Minuten.

17.40 Uhr: Bullingerwiese

Mittlerweile sind sehr viele Hände im Gesicht. Man rauft sich die Haare.«Schiri!» (slm)

17.30 Uhr: Bullingerwiese

Die wollen hier Seferovic. Schreien, applaudieren ihn auf den Platz.

Eckball ist auch etwas. «HOPP SCHWIIZ, HOPP SCHWIIZ!»

17.23 Uhr: Tor für Schweden

Letten: Kaum eine Reaktion hier am Letten. Stille. Fatalismus. «Noch ein Bier, bitte.»

Bullingerwiese: «Neeeeeeeeeein!» Stille. Dann: «Verdammt!»

17.20 Uhr: Letten

Dialog am Rand: «Glaubsch nöd dass sie‘s schaffed?» - «Doch doch, aber ich interessiere mich ebe nöd so für Fuessball.» - «Wieso bisch dänn da?» - «Wägem Bier.» - (Stirnrunzeln) «Das chasch aber au im Denner chaufe.» (Dramatische Pause). «Neinei, schön bisch da. Das chunnt scho, wirsches gseh – de Lang macht si ine.»

17.10 Uhr: Bullingerwiese

Pumpenvoll! Spontaner Applaus für die Schweizer. Männer auf Stühlen murmeln, wie sie passen sollen. «Obe, obe! Schööön. Use, Mann!»

17:10 Uhr: Letten

Szenenapplaus für Shaqiri, der sich einen vertändelten Ball zurückerobert. Nur so kann das etwas werden. Bestellung Nummer 466 ist bereit zum Abholen. Pizza prosciutto. Soll doch mal jemand einen Führungstreffer bestellen.

17.00 Uhr: Letten

Am Letten ist heute nicht viel mit Schwimmen. Gross und Klein sitzt beisammen, ein besonders lauschiges Public Viewing. Aber auch hier wird primär die Luft angehalten.

16.50 Uhr: Pause, verschnaufen

Halbzeit vor dem Big-Ben-Pub an der Hardbrücke. (Bild: slm)

16.40 Uhr: Babygeschrei an der Schaffhauserstrasse

Auf der anderen Strassenseite, im Kafi Freud, müssen jetzt zusätzliche Stühle geholt werden. An der Bar 8057 weint ein Baby, erschreckt vom kollekiven Aufschrei bei Dzemailis Riesenchance.

16.30 Uhr: Schaffhauserstrasse

Erregte Dikussionen hier wegen des Handspiels. Jetzt ist es plötzlich laut, davor herrschte 30 Minuten lang angespannte Stille.

16.20 Uhr: Aubrey, neben Turbinenplatz

Dieses Soundsystem hier, an dieser Ecke! Sascha Ruefer hört man gleich dreimal, kurz hintereinander. Die Musik spielt auf dem Turbinenplatz, klar, hier im Aubrey mag man es mehr Understatement. Und verzögert.

Vor dem Aubrey hats noch Platz. (Bild: Salome Müller)

16.10 Uhr: Schaffhauserstrasse

Riesenchance Schweden. «Was machen die für Fehler, hey!» Der Rest der Kommentare, die geradefallen, ist eher nicht druckreif. Viele Erleichterungsseufzer. Eine Frau im Brasilien-beflaggten Auto fährt hupend und grinsend vorbei. Die hat's gut, die ist schon durch.

16.00 Uhr: Die letzten beissen die Hunde

Dumm gelaufen: Diese Fans stehen nach Spielanpfiff noch immer vor dem Public-Viewing auf dem Turbinenplatz Schlange. (Bild: Salome Müller)

15.50 Uhr: Das Orakel von der Schaffhauserstrasse

In der Bar 8057 kommen die Schweiz, Kosovo und Kroatien zum Fussballschauen zusammen. Vor allem aber findet man hier das perfekte Orakel: Wirt Enver hat bisher sämtliche Spiele der Schweiz auf Punkt und Tor richtig getippt (ein Stammkunde, der hoffentlich noch komme, könne es beteugen). Enver sagt diesmal: 2:1 für die Schweiz. «Du wirst sehen.» Das nimmt bei den Leuten hier etwas Nervosität raus. Aber nur ein bisschen. (hub)

Wo man das Fussball-Orakel trifft: Die Bar 8057 (Bild: Marius Huber)


15.45 Uhr: Kompensieren mit der Nati

Natürlich sind nicht alle hier Studenten. Zwei Frauen, die in einem Büro arbeiten, sind heute Morgen früher zur Arbeit gegangen und haben am Nachmittag Überstunden kompensiert – um 15 Uhr konnten sie los, um den Match zu schauen. Und morgen? Pünktlich wieder zur Arbeit erscheinen. Und bei einem Sieg? Auch. (slm)

Mit der Schweizerfahne den Platz besetzen: Da könnte ja jeder kommen (Bild: Salome Müller)


15.40 Uhr: Fähnchenzählen an der Rosengartenstrasse

Nirgends gibt's so viele Autos wie an der Rosengartenstrasse. Ergebnis nach fünf Minuten Fähnchenzählen: Schweiz - Schweden 3:0. Und wenn wir diesen albanischen Doppeladler dazuzählen (dürfen wir? müssen wir!), sogar 4:0. Das wäre doch ein Resultat. (hub)


15.30 Uhr: Warm-Um in Gerolds Garten

Langsam färbts ein! Rote Leibchen dominieren. Einige davon verschwinden im Gerolds Garten, wo der Fernseher schon läuft. Beim Eingang gibt's eine Kontrolle vom Sicherheitsdienst. Man muss den Tascheninhalt zeigen. Während der WM ist er jeden Tag da – damit niemand eigenes Essen und Trinken rein bringt.

Sehr warm ist es hier. Sagen alle, sieht man ihnen auch an. Sicher mehr als zehn Bildschirme stehen auf dem Areal verteilt, ein paar Studenten, Semesterferien, sind hier und machen sich Sorgen. «Werden sie die Lautstärke noch aufdrehen? Sonst kommt doch keine Stimmung auf!»

Einer kam kürzlich aus Russland zurück, zwei Wochen Ferien, zwei Wochen WM live. Um diese Zeit seien sie längst schon angeheitert gewesen, erzählt er. Jetzt: Mal mit einem Bier beginnen. Einem grossen. Nervös ist er schon. Einen anderen macht «der kleine Bildschirm hässig!» (slm)


15.15 Uhr: Zum Aufbrezeln ist's noch nicht zu spät

Ein Fan-Shirt in Rot-Weiss muss schon sein. In der Innenstadt sind die Trikots noch zu haben. An die 30 Nati-Trikots gingen im Fussball-Corner Oechslin heute weg, insgesamt waren es rund 2000. «Es läuft gut», sagt der Verkäufer, der selbst schon seit Stunden nervös ist. Ein Junge lässt sich gerade noch ein «Shaqiri» auf sein Trikot drucken. Auch hier: Shaqiri und Xhaka sind seit dem Serbienspiel besonders im Trend - manche liessen sich sogar einen Doppeladler hinten aufs Trikot drucken. Auch gefragt: Akanji.(hub)

Last-Minute-Käufe beim Fussball-Corner Oechslin (Bild: Marius Huber)


15.00 Uhr: Noch eine Stunde bis Anpfiff

An allen Ecken und Enden der Stadt machen sich die Fussballfans bereit für das Spiel der Schweizer Nati gegen die Schweden. Auf dem Idaplatz stehen die Bierkisten bereit, im Niederdorf sind die ersten Schweiz-Anhänger vor den Bars in Position.

Auf dem Weg zum Public-Viewing: Schweiz-Fans bei der Hardbrücke (Bild: Salome Müller)


14.40 Uhr: Viel Platz im Niederdorf

Wer ein intimes Public Viewing bevorzugt, kommt beim Calypso-Grill auf seine Kosten. Der Andrang war hier nie besonders gross. Etwas Sorgen macht allerdings die Antwort eines Stammgasts auf die Frage, welches denn nun die besten Würste seien, mit denen sich der Laden brüstet: „Die gibts um vier Uhr!“ Ein Missverständnis, hoffentlich. (hub)


14.30 Uhr: Hauptsache Beflaggung

Selten sind in Zürich so viele Schweizerfahnen zu sehen wie heute. Hier die Beflaggung einer Liegenschaft an der Sihlfeldstrasse im Kreis 3.


14:20 Uhr: Bahnhofstrasse

Die Schweizer kaufen ihre Trikots lieber nach dem Sieg, als vor dem Spiel. Als Serbien geschlagen war, gingenhier bei Jelmoli sofort zehn Xhakas und zehn Shaqiris weg, das war der Höhepunkt bisher. Heute verlaufte man zwar auch ein paar Trikots mehr als sonst, mit einem Ansturm rechnet man aber allenfalls bei einer Viertelfinalqualifikation. Falls Sie übrigens auf eine Niederlage spekulieren, weil es dann Rabatt gibt: Das erweist sich hier als Mythos. Die Trikots der Polen etwa wurden nicht verramscht, sondern zurückgeschickt – schon nach dem zweiten Spiel der Gruppenphase. Schade. Dafür gibt es vier Stockwerke tiefer 50% Rabatt auf allerhand Goldkettchen, passt doch auch.

14.15 Uhr: Shopping leicht gemacht

Ein heisser Tipp für all jene, die sich nichts aus Fussball machen: Heute ist für Sie der Tag, an dem Sie all das erledigen sollten, wofür man normalerweise ewig in der Warteschlange stehen muss. Gehen Sie auf die Post Pakete abholen, erneuern Sie im Strassenverkehrsamt ihren Ausweis, machen Sie einen Untersuch im dermatologischen Ambulatorium oder kaufen Sie Kaffeekapseln im Nespresso-Shop. Dort hatte es schon vergangenen Samstagnachmittag kaum Leute, was sonst nie vorkommt – dabei spielten «nur» Frankreich und Argentinien.


Erstellt: 03.07.2018, 15:01 Uhr

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