Zürcher wollen das neue Fussballstadion

Laut einer Umfrage steht die Bevölkerung hinter den Neubauplänen – und dies überraschend deutlich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Die Ambiance im Letzigrund war schon oft unterkühlt», schrieb der Tamedia-Sportjournalist diese Woche. «Aber an diesem Sonntag schien sie – bei teils starkem Regen und tiefen Temperaturen – noch eine Spur trostloser.» Die Grasshoppers verloren das Spiel gegen Luzern 1:2. Die offizielle Zuschauerzahl: 4200. Es sind solche Stimmungsberichte, welche die Verantwortlichen der Grasshoppers und des FC Zürich nicht mehr lesen wollen. Zürich braucht eine neues Fussballstadion, lautet seit Jahren ihre Forderung.

Den Stadtrat haben die Clubs überzeugt. Private Investoren ebenso. Auf dem 55'000 Quadratmeter grossen Hardturmareal, zwischen 137-Meter-Hochhäusern im Westen und einem Genossenschaftsbau im Osten ist ein neues Stadion für 18'000 Fans geplant. Die gesamten Investitionen betragen 570 Millionen Franken. Private teilen sich die Kosten. Die Stadt tritt das Land im Baurecht ab – zu einem reduzierten Zins. Voraussichtlich stimmen die Stadtzürcher im kommenden Herbst über das neue Stadionprojekt ab.

Eine neue Umfrage, die das Forschungsinstitut Sotomo vergangene Woche für Tagesanzeiger.ch/Newsnet durchgeführt hat, zeigt jetzt: Ein neues Fussballstadion ist derzeit mehrheitsfähig. 67 Prozent der Umfrageteilnehmer aus der Stadt geben an, eher oder klar für das Stadionprojekt zu sein.

Kommt es im Herbst zur Abstimmung, schreiten die Stadtzürcher in dieser Causa Hardturm-Stadion bereits zum dritten Mal zur Urne. Letztmals gab es 2013 ein knappes Nein (50,8 Prozent). Die Gründe für die Ablehnung waren vor allem die Kosten von 216 Millionen Franken, welche die Stadt übernommen hätte, und Sicherheitsbedenken.

Die Finanzierung gab beim aktuellen Projekt mit dem Namen «Ensemble» noch wenig zu reden. Zwar zahlt die Stadt nichts an den Bau, doch sie kommt den Privaten beim Baurechtszins entgegen und verzichtet damit auf jährlich wiederkehrende Einnahmen von rund 1,7 Millionen Franken für die Baufelder mit den beiden Wohnhochhäusern. Doch ebendiese beiden 137-Meter-Türme ecken besonders an.

In Höngg hat sich bürgerlicher Widerstand dagegen formiert. Im vergangenen Herbst haben Marcel Knörr, ehemaliger FDP-Gemeinderat und Ex-Präsident des Heimatschutzes, sowie Felix E. Müller, der frühere Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», das Komitee «Gegen den Höhenwahn, aber für das Fussballstadion» gegründet.

Eine zweite Gruppierung bekämpft das Stadion von links. Die IG Freiräume Zürich West will die Stadionbrache erhalten, auf der seit einigen Jahren verschiedene Veranstaltungen durchgeführt, Pizza gebacken und Gemüse gepflanzt werden. In diese Gegnerschaft reiht sich auch die grüne Stadtratskandidatin Karin Rykart ein. Sollte sie gewählt werden, müsste sie als Mitglied der Stadtregierung, vielleicht sogar als Vorsteherin des Sportdepartements, gegen ihre persönliche Meinung für das Stadion einstehen.

Dass die grüne Rykart gegen den neuen Hardturm ist, überrascht angesichts der Umfrageergebnisse wenig. Im linken Lager, ganz besonders bei den Grünen, ist die Skepsis gegenüber dem Stadion grösser als bei den Bürgerlichen. Bei den Wählerinnen und Wählern der Grünen findet das Stadionprojekt keine Mehrheit. Nur 47 Prozent sind dafür. Bei der AL sind es 51 Prozent. Einzig von den Sozialdemokraten gibt es ein mit 65 Prozent linkes Ja.

Der Hardturm: Die Geschichte des Stadions in Bildern

In der Saison 2021/2022 möchten FCZ und GC im neuen Hardturmstadion Fussball spielen. Bis dahin gilt es, neben den politischen Hürden – Gemeinderat und Volksabstimmung – auch juristische Hürden zu meistern. An ihnen scheiterte das erste Projekt im Jahr 2009. Der Stadtrat ist davon überzeugt, dass es dieses Mal klappen wird. Aus den Fehlern der Vergangenheit habe man gelernt, sagte Finanzvorsteher Daniel Leupi im vergangenen September. Das Quartier, Parteien, die Polizei seien in die Planung miteinbezogen worden. Und: «Das Projekt respektiert den Willen des Volks, das kein von der Stadt finanziertes Stadion möchte.»

Video: Das sagt der FCZ-Präsident zum neuen Stadion

«Eine optimale Lösung»: FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Video: Nicolas Fäs (September 2017) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 14:40 Uhr

Der lange Weg zum Hardturmstadion

2003
Die Zürcher stimmen über das sogenannte Pentagon-Projekt ab. Ein Stadion, das 30'000 Zuschauer gefasst hätte – mit Shoppingcenter in der Mantelnutzung. Die Credit Suisse (CS) sollte es bauen, die Stadt sich mit 47,7 Millionen Franken daran beteiligen. Das Stimmvolk nimmt das Projekt an der Urne deutlich an.

2004
Das Pentagon-Stadion hätte Austragungsstätte für Spiele der EM 2008 werden sollen, welche die Schweiz und Österreich organisierten. Rekurse von Anwohnern blockieren den Bau des Stadions jedoch; bald ist klar, dass es mit dem Bau bis zur EM knapp werden könnte.

2005
Da der Hardturm vielleicht nicht rechtzeitig auf die EM fertig sein wird, forciert der Stadtrat den Neubau des Letzigrunds. Im Juni 2005 heissen die Stimmbürger den Neubau und einen 11-Millionen-Zusatzkredit für die Eurotauglichkeit des Stadions gut.

2008
Im Sommer finden im neuen Letzigrund EM-Spiele von Frankreich, Italien und Rumänien statt. Im Winter folgt der Abbruch des Hardturms, in dem seit mehr als einem Jahr kein Spiel mehr ausgetragen worden ist.

2009
Der Rechtsstreit, der den Pentagon-Bau blockiert hat, dauert weiter an. Die Credit Suisse reagiert darauf, indem sie aus dem Projekt aussteigt. Die Grossbank verkauft das Areal für 50 Millionen Franken an die Stadt, die nun selber ein Stadion bauen will.

2010
Die Stadt will ein kleineres Stadion ohne Shoppingcenter: 16'000 Zuschauer und gemeinnützige Wohnungen sollen auf dem Hardturmareal entstehen.

2013
Das Badener Büro Burkard Meyer Architekten gewinnt den Wettbewerb. Über das Stadion, das 216 Millionen Franken gekostet hätte, stimmen die Zürcher 2013 ab. 50,8 Prozent sind dagegen.

2014 bis 2016
Trotz Niederlage an der Urne schreibt die Stadt 2014 einen neuen Investorenwettbewerb aus. Fünf Bewerberteams nehmen teil, HRS geht mit dem Projekt Ensemble als Gewinner hervor.

Voraussichtlich Herbst 2018
Die Stadtzürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger stimmen zum dritten Mal über ein neues Hardturmstadion ab.
(sip)

Über die Umfrage

Die Forschungsstelle Sotomo hat im Auftrag des «Tages-Anzeigers» die Daten zwischen dem 5. und dem 7. Februar 2018 erhoben. Die Erhebung fand über Tagesanzeiger.ch und über den E-Mail-Pool von Sotomo statt. Insgesamt wurden 2348 Personen befragt. Für die Auswertung konnten 71 Prozent der Antworten verwendet werden. Die Umfragedaten wurden nach Alter, Geschlecht, Bildung sowie politischen Merkmalen gewichtet. Diese Gewichtung gewährleistet eine hohe politische und soziodemografische Repräsentativität der Stichprobe. (sip)

Artikel zum Thema

Grasgrüne 137-Meter-Türme für Zürich

Die Hochhäuser auf dem Hardturmareal sollten begrünt sein, findet ein Künstler. Die Vorbilder stehen in Mailand. Mehr...

Der letzte Anlauf

Die Stadt kommt den Investoren bei den Baurechtsverträgen für das neue Stadionprojekt auf dem Hardturmareal entgegen. In vier Jahren soll Fussball gespielt werden. Mehr...

«Vielleicht ist unser Engagement auch egoistisch»

Gegen das dritte Hardturmstadion-Projekt formieren sich die Gegner. Die Höngger wollen beispielsweise ihre privilegierte Aussicht schützen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Edler Schlitten: Eine Yacht wird im holländischen Oss gebaut (8. August 2018).
(Bild: Piroschka van de Wouw) Mehr...