«Zürich sehnt sich nach einer religiösen Autoritätsfigur»

Am Samstag besucht der Dalai Lama das Grossmünster. Sein Gastgeber, Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, über die Anziehungskraft religiöser Autoritäten und die Macht des Gebets.

Er hat den Dalai Lama zum Friedensgebet nach Zürich eingeladen: Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster.

Er hat den Dalai Lama zum Friedensgebet nach Zürich eingeladen: Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster. Bild: Doris Fanconi

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Der Dalai Lama kommt für ein interreligiöses Friedensgebet in das Grossmünster. Wie viele Besucher erwarten Sie?
Viele. Das Interesse ist gross. In der Kirche hat es Plätze für 1000 Personen, aber nicht alle haben Sicht auf den Taufstein, darum haben wir auf dem Zwingliplatz ein «Public Viewing»-Areal organisiert. Aber wie viele Besucher kommen, ist für mich nicht so wichtig.

Sondern?
Wichtig ist, dass ein interreligiöses Gebet möglich wird. Die Leute werden am Anfang wohl etwas angespannt und aufgeregt sein. Die Gesänge der tibetischen Mönche aus Rikon und des Grossmünster-Chors werden ihnen helfen, in eine spirituelle Stimmung zu kommen. Gemeinsam werden wir für Frieden und Gewaltlosigkeit beten. Wenn alles klappt, wird das Grossmünster am Samstag zu einem mächtigen Kraftort.

Braucht es den Dalai Lama, damit das Grossmünster zu einem solchen Kraftort wird?
Nein, dafür braucht es den heiligen Geist (lacht).

Der Anlass ist ungewohnt gross für das Grossmünster. Haben Sie deswegen ein mulmiges Gefühl?
Nun, wir haben ja immer wieder viele Besucher, zum Beispiel an Heilig Abend. Ich bin sicher gespannt, wie es wird. Was mir auffällt: Die Erwartungen sind gross. Ich erhalte viele Anrufe, E-Mails oder werde direkt angesprochen auf den Besuch des Dalai Lama. Zürich sehnt sich nach einer religiösen Autoritätsfigur, die eine hoffnungsvolle Geschichte erzählt.

Die tibetischen Buddhisten haben den Dalai Lama, die Katholiken den Papst – fehlt der reformierten Kirche eine solche Figur?
Nein, unsere Spiritualität wendet sich gegen eine solche Verehrung. Heiligkeit ist im reformierten Glauben nicht einzelnen Personen oder Gruppen vorbehalten. Wir haben da eine kritische Distanz – die bleibt auch beim Dalai Lama. Ich habe vor ihm genau den gleichen Respekt wie vor einem Pensionär in der Herberge zur Heimat, einem Obdachlosenheim.

Das Friedensgebet am Samstag ist interreligiös – was heisst das?
Interreligiosität bedeutet nicht etwa, eine Einheitsreligion zu bilden, sondern einen respektvollen Umgang mit Differenzen zwischen den Religionen zu finden. Im Grossmünster beten neben dem Dalai Lama eine reformierte Pfarrerin, ein hinduistischer Geistlicher, ein Rabbiner, ein Imam und eine römisch-katholische Seelsorgerin. Die Gebete ergeben einen Teppich, aus dem etwas Drittes entsteht, eine Atmosphäre des Friedens. Um Verantwortung zu übernehmen, können wir im eigenen Glauben bleiben.

Samstag, 15. Oktober, 10 bis 12 Uhr, Grossmünster Zürich, Friedensgebet und Besuch des Dalai Lama. Türöffnung um 9 Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2016, 15:59 Uhr

Der Dalai Lama, geistiges Oberhaupt der Tibeter, bei einem Besuch in Zürich 2010.
(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

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