Zürich setzt Bäume auf Index – wegen Pollenallergikern

Ein Baum muss Dutzende Kriterien erfüllen, damit er in Zürich gepflanzt werden darf. Unter anderem soll er keine Allergien auslösen. Eine Gattung hat sich als besonders heimtückisch erwiesen.

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Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger, die Pollen fliegen wieder. Für die Region Zürich gibt das Allergiezentrum Schweiz bereits einen ersten Höhepunkt für Haselpollen an. Auch Erlen seien in immer grösseren Mengen vorhanden – sehr zum Leidwesen der Allergiker: Etwa 15 Prozent der Stadtzürcher Bevölkerung leidet unter allergischem Schnupfen bei Pollenkontakt.

Dieser Umstand stellt auch Grün Stadt Zürich vor grosse Herausforderungen. Gilt es, in der Stadt neue Bäume zu pflanzen, müssen diese mehrere Dutzend Kriterien erfüllen. Eines davon ist, ob die Pollen der Baumart Allergien auslösen könnten. Um diesbezüglich immer auf dem neusten Wissensstand zu sein, arbeitet Grün Stadt Zürich seit 2013 eng mit der Allergiestation der Dermatologischen Klinik des Zürcher Unispitals zusammen. «Wir treffen uns regelmässig zu Sitzungen, um die Situation für Pollenallergiker im Stadtraum zu verbessern. Eine sehr konstruktive Zusammenarbeit», sagt Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation, auf Anfrage.

Liste der geeigneten Strassenbäume

Grün Stadt Zürich führt eine Liste, in der alle als Strassenbäume geeigneten Gattungen aufgeführt sind und die laufend überarbeitet wird. Bäume, deren Pollen Allergien auslösen können, werden entsprechend vermerkt und nach Möglichkeit nicht mehr gepflanzt. «Leider wird die Liste der Bäume, deren Pollen Allergien auslösen können, nie kleiner; auch darum wird die Liste der zur Verfügung stehenden Bäume immer kürzer», sagt Marc Werlen, Mediensprecher von Grün Stadt Zürich.

Eine Baumart musste 2014 ganz von der Liste gestrichen werden: die Purpurerle. Diese Erlenart stammt ursprünglich aus Sibirien und braucht entsprechend weniger Wärme, um zu blühen. Vor rund drei Jahren hat man entdeckt, dass sie sogar schon im Dezember Pollen absondert. Eine Entdeckung, die gemäss Schmid-Grendelmeier hohe Wellen geworfen hat. Nicht nur in der Fachwelt.

Heuschnupfen statt Grippe

Sie geht auf eine Untersuchung zurück, die der Arzt Markus Gassner durchgeführt hat. Während 25 Jahren hat er Schulkinder auf mögliche Allergien hin getestet und dabei festgestellt, dass die Zahl der Pollenallergien in der Dorfbevölkerung schlagartig gestiegen ist. «Die Symptome wurden bereits zu Weihnachten festgestellt. Man ging zunächst von einer Grippe aus, fand aber später heraus, dass es Heuschnupfen war – mitten im Winter», so Schmid-Grendelmeier.

Wie sich herausstellte, war der betroffene Strassenzug von Purpurerlen gesäumt. Die Erlen wurden schliesslich gefällt – was damals für einigen Wirbel sorgte. Bäume seien eben nicht nur wichtig für das Mikroklima, sondern hätten auch einen sehr hohen emotionalen Wert für die Bevölkerung, sagt Schmid-Grendelmeier. «Es ist daher immer eine Gratwanderung, einen Kompromiss zwischen den Allergiekriterien und den Bedürfnissen der Anwohner zu finden.»

Baumkataster als Hilfsmittel

Wichtig sei, auch in Privatgärten eine extreme Konzentration von stark allergenen Bäumen zu vermeiden: also keine Alleen mit Birken, Erlen, Haseln und Eschen und keine Bepflanzung etwa von Innenhöfen oder fast geschlossenen Strassenzügen mit diesen Baumsorten. Pollenallergikern rät Schmid-Grendelmeier zudem, vor einem Umzug einen Blick auf das Baumkataster der Stadt zu werfen. «So können sie sich bereits im Vorfeld darüber informieren, ob im Umfeld der Wohnung Bäume stehen, die bei ihnen Allergien auslösen.»

Erstellt: 10.03.2015, 13:23 Uhr

Tipps für Allergiker


  • Während der Heuschnupfenzeit lange Auto- oder Eisenbahnfahrten bei offenem Fenster sowie Sport im Freien – insbesondere Jogging und Velofahren – vermeiden.

  • An sonnigen trockenen Tagen die Fenster im Schlafzimmer geschlossen lassen und nur spätabends vor dem Schlafengehen lüften.

  • Die Wäsche nicht im Freien trocknen.

  • Wenn möglich, dunkle Sonnenbrille mit Seitenschutz tragen.

  • Am Abend sollten die Haare gewaschen werden, um die Pollen herauszuspülen.

  • Das Auftragen von etwas Vaseline auf die Nasenschleimhäute am Morgen kann die Pollenresorption etwas mindern.

  • Aufenthalt in rauchiger Luft und im Hallenbad (chloriertes Wasser) vermeiden.

  • Allergiegefährdete Kinder vom Turnen und Spielen im Freien auf blühenden Wiesen sowie vom Unterricht im Hallenbad dispensieren


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