Zürich sieht sein Wachstum bedroht

In der Stadt wird befürchtet, dass das Verdichten nach dem Nein zur Überbauung Ringling noch schwieriger wird.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Ringling-Abfuhr aus Lausanne irritiert Zürcher Bauexperten. «Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass das Bundesgericht ein Projekt in diesem fortgeschrittenen Stadium völlig verhindert», sagt Matthias Wyssmann, Sprecher des Zürcher Hochbaudepartements. Von den städtischen Baujuristen könne sich keiner an einen ähnlichen Fall erinnern. Erstaunlich sei, dass das Bundesgericht ein Projekt kippe, das lokale Instanzen wie das Baurekursgericht und das Verwaltungsgericht mehrmals gründlich sowie vor Ort überprüft hätten.

Für den Stadtrat bedeutet der Entscheid einen besonderen Affront. Er hat Ringling von Beginn weg unterstützt. Seine Bausektion, bestehend aus drei Stadträten, hat das Projekt mehrmals gutgeheissen. Auch in der Wettbewerbsjury sassen städtische Vertreter.

«Genau prüfen»

Bei der Stadt befürchtet man, dass das Bundesgerichts-Nein eine weitere Hürde schafft, die das Verdichten erschwert. «Wir werden genau prüfen, auf welche grösseren Projekte das Urteil negative Auswirkungen haben könnte», sagt Matthias Wyssman. Die Ablehnung begründet das Bundesgericht mit der «fehlenden Eingliederung in die Umgebung». «Bei diesem Punkt handelt es sich um Einordnungsfragen. Offensichtlich ist das Bundesgericht anderer Meinung als all die vielen Fachleute zuvor.»

Der Baustopp aus Lausanne ist nicht der erste höhere Entscheid, der Zürichs Wachstum zu bremsen droht. Kürzlich hat der Bundesrat drei Viertel der Stadt zu «schützenswerten Ortsbildern» erklärt, was deren Veränderung beeinträchtigt. Zürich will und muss in den nächsten Jahrzehnten um 80'000 Bewohner grösser werden. «Das geht nicht ohne Verdichtung, das sollte auch dem Bund bewusst sein», sagt Matthias Wyssmann.

Hoffen auf einen Einzelfall

Zürcher Politiker teilen die Befürchtungen. «Es ist problematisch, wenn das Bundesgericht den Ortsbildschutz so stark gewichtet», sagt Michael Baumer, FDP-Gemeinderat und Präsident der Kommission für die neue Bau- und Zonenordnung (BZO). Dies könne zu einer «Einfrierung der Stadt» führen. Entscheidend sei, ob das Bundesgericht nur so urteilte, weil es sich beim Rütihof um ein abgelegenes Aussenquartier handle. «Dann bliebe die Ablehnung wohl ein Einzelfall.» Falls das Bundesgericht die Kriterien aber in der ganzen Stadt derart hoch ansetze, bekomme Zürich ein Problem. «Dies würde wohl mehr Anwohner dazu ermuntern, Grossprojekte juristisch bis zur letzten Instanz zu bekämpfen», sagt Baumer.

Markus Knauss, grüner Gemeinderat und Vizepräsident der BZO-Kommission, kann das Urteil nicht nachvollziehen. Im Rütihof gebe es bereits hohe Häuser, oft von diskutabler architektonischer Qualität. «Ich verstehe nicht, wie Ringling dieses Quartier verschandeln soll.» Gleichzeitig glaubt Knauss nicht, dass sich das Bundesgericht Zürichs Wachstum entgegenstelle. Es habe kürzlich mehrere Urteile gefällt, die einen konsequenten Vollzug des Raumplanungsgesetzes einforderten und sich damit gegen die Zersiedelung richteten. «Konsequenterweise können sich die Richter nicht gleichzeitig gegen eine Verdichtung innerhalb der Städte wehren.»

Erstellt: 26.08.2016, 00:26 Uhr

Artikel zum Thema

Alle wollen in der Stadt verdichten – die Frage ist wie

In Zürich soll höher und dichter gebaut werden können. Die Parteien sind sich nicht einig, wer davon profitieren soll. Mehr...

Todesstoss für Zürcher «Ringling»-Siedlung

Das Bundesgericht hat die Baubewilligung für die 277 Wohnungen in Zürich-Höngg aufgehoben. Sein Urteil über das Bauvorhaben ist vernichtend. Mehr...

Überragend verdichtet

Städtebau Koloss oder dringend nötige Verdichtung? Die neue Siedlung Kalkbreite im Kreis 4 stösst wegen ihrer Dimensionen auf geteilte Reaktionen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...